Warcraft 3 Der Bestseller des Jahres?

Warum nur kauen sie an den Nägeln, die PC-Strategen? Nervös, weil der Höhepunkt des Spiele-Jahres endlich zum Greifen nahe scheint? So oft verschoben, so heiß erwartet: Am 26. Juni steht das Strategiespiel "Warcraft 3" im Laden, verspricht Blizzard-Mann Bill Roper.

Von Richard Löwenstein


Kinoqualität: Rund 30 Minuten an aufwendig produziertem Videomaterial lockern die Handlung auf

Kinoqualität: Rund 30 Minuten an aufwendig produziertem Videomaterial lockern die Handlung auf

Seit anderthalb Jahren rechnen optimistische Taktiker praktisch jeden Tag mit dem viel versprechenden Echtzeit-Strategiespiel aus dem Fantasy-Reich Azeroth. Bisher vergeblich. "Warcraft 3" ließ auf sich warten.

Doch gut Ding will nun einmal Weile haben: Dass es am Ende gut wurde, wollte der in der Szene hoch geschätzte Blizzard-Vizepräsident und Warcraft-Ideenspender, Bill Roper, persönlich unter Beweis stellen. Einer Handvoll europäischer Journalisten demonstrierte er in Dreieich bei Frankfurt die Qualitäten von "Warcraft 3".

Bill Roper, der Mann hinter Warcraft 3, will den Bestseller des Jahres landen
Richard Löwenstein

Bill Roper, der Mann hinter Warcraft 3, will den Bestseller des Jahres landen

Keine sinnlose Schlacht

Und es hat sich was getan. Vorbei die Zeiten, als Echtzeit-Strategen anonyme Heere mit einer gewissen Gleichgültigkeit durch modrige Wälder, zerklüftete Burgen und trockene Steppen lenkten. "Die Geschichte wirkt viel intensiver, jetzt wo wir sie um einen Helden herum erzählen", glaubt Bill Roper.

Arthas heißt der Ritter, dessen Schicksal der Spieler nacherlebt. Anfangs sind die Aufgaben sehr leicht, so das die Bedienung niemanden erschlägt und der Einstieg gelingt. Einen kleinen Jungen namens Timmy aus seinem Käfig befreien, einen einsamen Sklavenhändler aus der Fantasie-Stadt Strahnbrad vertreiben, das schaffen auch Einsteiger. Mit ein paar Mausklicks bestimmt der Spieler, wohin im Gelände Arthas wandern soll; ein weiterer Klick, schon nehmen er und sein halbes Dutzend Knappen weitgehend automatisch den Kampf gegen Ork-Angreifer auf.

"Warcraft 3 funktioniert gewissermaßen ähnlich wie unser Diablo 2. Die Steuerung ist leicht zu lernen, aber wir machen den Spieler heiß mit den vielen Details, die er im Lauf der Zeit entdeckt", umschreibt Bill Roper die vielseitigen Möglichkeiten des Stellungs- und Formationswechsel von Arthas' Armee.

Von Taktik bestimmt: Warcraft 3...

Von Taktik bestimmt: Warcraft 3...

Bill Roper meint auch Beschwörerin Jaina und andere, vom Computer gesteuerte Neben-Helden, die man etwa bei einem Abstecher ins Unterholz entdeckt, damit sie sich als Ratgeber oder Begleitschutz aufdrängen. Die Umgebung ist nicht nur Kulisse; man darf ziemlich viel davon zertrümmern, zerhauen, abholzen und abfackeln. Das ist effektvoll in Szene gesetzt: Energy-Drinks, Schatztruhen oder Schlüssel schälen sich aus den Ascheresten. Umgekehrt ist der Bau von Forts und Handwerks-Betrieben notwendig, damit die Armee wächst.

Schade, dass die bis jetzt vom Hersteller herausgegebenen Bilder nicht ansatzweise die hohe Qualität der Grafik widerspiegeln. Andererseits bleibt der Cartoon-Anstrich der Helden im Verborgenen, und auch ihre steife Mimik.

Momentan reden die Figuren englisch, doch sie sollen vor Ende Juni Deutsch lernen. Ein klarer Pluspunkt, denn gerade durch Unterhaltungen tastet sich der Held am Handlungsfaden dem Finale entgegen. Dort angekommen, wechselt der Spieler auf die Seite der früheren Gegnerparteien (Orks, Untote, Nachtelfen) und verfolgt dieselbe Geschichte aus deren Sicht drei weitere Male. Wer dann noch nicht genug hat, fügt aus den Puzzlestücken eines beiliegenden Baukastens eigene Gelände, Truppen und Kämpfe zusammen.

...lebt eher von überschaubaren Scharmützeln als riesigen Schlachten

...lebt eher von überschaubaren Scharmützeln als riesigen Schlachten

Hiobsbotschaft für Piraten

Wer stattdessen einfach nur gegen Mitspieler Schlachten schlagen mag, via Netzwerk oder Internet, muss keine Extragebühren einrechnen. Blizzard will den Mehrspieler-Service namens "Battle.net" wie gehabt kostenlos zur Verfügung stellen. Einzige Hürde: zwecks Zugang muss man einen auf der originalen CD-Hülle aufgedruckten Code eingeben und an Blizzard senden. Ein Code pro Spieler; die 400 vom Hersteller Blizzard über alle Welt verteilten Server prüfen untereinander, ob Codes bereits im Einsatz sind. Keine Chance für Benutzer illegaler Kopien.

Zugleich zerschmettert Bill Roper die Hoffnung auf Umsetzungen von "Warcraft 3" für Playstation 2, Xbox und Gamecube. "Wir haben uns vor zwei Jahren an der Konsolen-Umsetzung eines unserer PC-Titel versucht. Nie wieder. Starcraft 64 hat nicht funktioniert mit dem Controller. Die Bedienung unserer Spiele ist einfach zu sehr auf Tastatur und Maus ausgelegt".

Man mag es für tröstlich halten, dass Bill Roper an die Annäherung von PC und Videospielen glaubt: "Spätestens in fünf Jahren dürften Konsolen die Bedien-Mechanismen des PC übernommen haben". Dann bestünde Hoffnung, dass das von Branchenkennern frühestens für 2004 avisierte Online-Rollenspiel "World of Warcraft" nicht exklusiv auf dem PC erscheint.



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