Sascha Lobo

Veränderte Lebensgewohnheiten Wie das Internet vegan macht

Tote durch Listerien in Wurst, unhaltbare Zustände in Schweineställen, protestierende Bauern fühlen sich auf Tierleid reduziert. Die Fleischwirtschaft hat massive Probleme - und der Veganismus das Netz auf seiner Seite.
Veganes Barbecue in Thailand: Das Internet fungiert als Bewusstwerdungsmaschine

Veganes Barbecue in Thailand: Das Internet fungiert als Bewusstwerdungsmaschine

Foto: Brent Lewin / Getty Images

Was führt dazu, dass sich Menschen entscheiden, vegan oder vegetarisch zu leben? Dürfte man nur ein Wort für die Antwort verwenden, es müsste "Internet" lauten. Wenn man vegan Lebende direkt fragt, erhält man meist Antworten, die mit "Tierleid" zu tun haben. Tierleid allerdings soll gerüchteweise auch schon im 20. Jahrhundert existiert haben, als Veganer noch als bedeutungslose Ernährungssekte betrachtet und verachtet wurden. In den letzten Jahren hat sich eindeutig etwas verändert. Warum also hat etwa die wohl einflussreichste Wirtschaftszeitschrift der Welt, der "Economist", 2019 als das Jahr bezeichnet, in dem Veganismus Mainstream   wird?

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Der Protest der Bauern ist zumindest insofern berechtigt, als sie auch durch eine bigotte Konsumentenhaltung in eine Zwangslage geraten sind. In Umfragen behauptet zwar fast die Hälfte der Bundesbürger, sie würde zugunsten des Tierwohls mehr für Fleisch bezahlen. In dem Moment aber, wo aus Bürgern Kunden werden, kaufen sie billig.

Anfang 2019 wird ein Feldversuch  bekannt, bei dem Edeka in 18 Filialen drei Kategorien Fleisch nebeneinander anbot: teures Biofleisch, mittelpreisiges Tierwohl-Fleisch und konventionelles Billigfleisch. Fast drei Viertel der Kunden entscheiden gegen Bio und Tierwohl. Trotz riesiger Hinweisschilder.

Die Politik stützt diese Bigotterie auch aus historischen Gründen, die Geschichte der EU ist untrennbar mit einer europäischen Agrargemeinschaft  verbunden. Bis heute bestehen rund 40 Prozent des EU-Haushalts  aus einigermaßen intransparent ausgeschütteten, landwirtschaftlichen Subventionen, fast 60 Milliarden Euro im Jahr, allergrößtenteils für konventionelle Landwirtschaft. So wird - neben anderen, eher positiven Wirkungen - ein wenig nachhaltiges System aufrechterhalten und zur gnadenlosen, kurzfristigen Effizienz gezwungen.

Musterbeispiel für die Wirkung des Netzes

Diese Hintergründe sind für die Ausbreitung des Veganismus essentiell. Die These: Das Internet funktioniert als Bewusstwerdungsmaschine. Egal, für welches Thema man sich interessiert, man findet nähere Informationen, emotionale Inszenierungen und vor allem Gleichgesinnte. In der Welle des Veganismus sehe ich ein positives Musterbeispiel für die Wirkung des Netzes auf die Gesellschaft. Wir werden uns der Folgen unseres bisher als normal empfundenen Lebensstils bewusst - oder wenigstens bewusster.

Wer sich auch nur eine halbe Stunde näher mit der heutigen industriellen Massentierhaltung beschäftigt, zum Beispiel angeregt von den aktuellen Nachrichten, beginnt zu ahnen: Die Probleme und Horrormeldungen sind die direkte Folge des heute leider vorherrschenden Systems Massenfleisch, in dem Viehprodukte viel zu billig sind, Menschen und Tiere ausgebeutet werden und Tierleid im Wortsinn eingepreist ist.

Dieses System basiert auf Gedankenlosigkeit der Vielen, die entweder nicht nachdenken wollen oder können, was es bedeutet, wenn 2019 ein Kilo Schwein den Produzenten im Großhandel kaum zwei Euro  einbringt. Gedankenlosigkeit der Kunden ist ohnehin eine der Superkräfte des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts, die nur langsam zurückgedrängt wird. Das Netz aber bietet alle Möglichkeiten, der eigenen Gedankenlosigkeit aktiv zu begegnen, etwa was Massentierhaltung angeht.

Die soziale Frage wirkt ungelöst

Ein fälschlich Bismarck untergeschobenes Zitat lautet: "Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie." Wer bei der Herstellung von durchschnittlichen Würsten nachschaut und nur einen Funken Empathie in sich trägt, stellt sich anhand der Fakten, Bilder, Zusammenhänge fast automatisch die Frage nach der eigenen Verantwortung - mit allen positiven und manchmal schwierigen Konsequenzen einer offensiv gelebten Weltverbesserungsabsicht.

Vor allem die soziale Frage, die mit hohen Fleischpreisen einhergeht, erscheint im Kontext des Veganismus ungelöst und wird zu oft gerade von denen ignoriert, die sich ohnehin weniger finanzielle Sorgen machen müssen.

Der Weg der Bewusstwerdung via Internet führt allerdings oft über Horrorbilder und entsprechende Inszenierungen, die an Manipulation grenzen können. Für die Welthochburg des Veganismus, Israel, lässt sich die Wirkung des Internets und speziell von YouTube gut einschätzen. Es gibt zu Veganismus viele Statistiken unterschiedlicher Qualität, einigermaßen gesichert ist, dass dort inzwischen mehr als fünf Prozent der Bevölkerung vegan leben (in Deutschland rund ein bis anderthalb Prozent).

Soziale Medien sind Gefühlsmedien

Nach Experteneinschätzung  ist diese Entwicklung vor allem durch ein einzelnes, vielverbreitetes YouTube-Video aus dem Jahr 2010 angestoßen worden. Darin beschreibt der Veganer und radikale Tierrechtsaktivist Gary Yourofsky, ein jüdischer Amerikaner, mit extremen Bildern Folgen und Auswüchse der Viehwirtschaft.

Er verwendet auch den aus meiner Sicht absolut inakzeptablen Vergleich zwischen Fleischindustrie und Holocaust; einige Kampagnen von Tierschutzorganisationen missbrauchen dieses Thema ebenfalls. Wer aber seine Liebe zum Tier zur Relativierung des industriellen Massenmords an Menschen verwendet, kann sich seine Ethik in eine Körperöffnung seiner Wahl stecken.

Wirksam war das Video trotzdem. Die beiden Varianten mit hebräischen Untertiteln wurden inzwischen über anderthalb Millionen Mal angesehen, bei neun Millionen Einwohnern des einzigen hebräischsprachigen Landes der Welt.

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Dass solche Erzählungen, basierend auf erschütternden Fakten und verstörenden Inszenierungen, in den letzten Jahren so wirksam geworden sind, liegt wiederum an der digitalen Vernetzung. Soziale Medien sind Gefühlsmedien, dazu gebaut, Emotionen zu wecken und verbreiten. Am besten wirkt dabei eine Mischung aus Empathie und Wut.

Das Prinzip lässt sich auch bei der sehr erfolgreichen, rechten und rechtsextremen Kommunikation beobachten. Die meistverbreiteten Postings enthalten ein Element des Mitfühlens, etwa mit einem unschuldigen, deutschen Opfer. Angereichert wird die Erzählung mit der Wut auf Täter, oft ausländische Männer.

Empathie und Wut bedingen und verstärken sich gegenseitig und führen zu einem stärkeren "Engagement". So nennt sich die Währung in den sozialen Medien. Sie entspricht der intensiven Beschäftigung durch Liken, Sharen, Kommentieren. Aus der Identifikation mit den Opfern wird der wütende Wunsch, Teil des Kampfes gegen die Täter zu werden - und der beginnt mit der weiteren Verbreitung der Erzählung.

Veganismus ist auch eine Generationenfrage

Bei der Verbreitung des Veganismus über soziale Medien spielen ähnliche Faktoren eine Rolle, weil die Opfer-Täter-Struktur zumindest auf den ersten Blick so eindeutig verteilt scheint und monströse, also mitleiderregende Bilder in großer Zahl existieren. Das ist nicht die einzige Motivation, aber fast jeder Grund erscheint irgendwie Social-Media-getrieben. Fast, als werde Fleischkonsum vom Internet umzingelt.

In den letzten Jahren hat eine Vielzahl von Prominenten  öffentlich bekannt, auf Fleisch zu verzichten, oft begleitet von großem Social-Media-Getöse. Soziale Medien sind personenbasiert, und so wirken diese Bekenntnisse als Vorbild. Essen ist eines der größten Themen in sozialen Medien, auch, weil es dreimal am Tag Anlass und Möglichkeit zur Veröffentlichung bietet. Und so ist Veganismus neben allem anderen auch eine Generationenfrage.

Anfang 2018 zeigt eine Untersuchung des schwedischen "Jugendbarometers" , dass etwa ein Drittel der Menschen zwischen 15 und 24 Jahren "vegan, vegetarisch oder flexitarisch " lebt. Als Hauptgrund geben sie neben dem Tierleid die Auswirkungen auf die Umwelt und speziell das Klima an. Als im August 2019 die flächigen Brände in Brasilien viel diskutiert wurden, titelt CNN: "Der Amazonas brennt, weil die Welt so viel Fleisch isst" .

Diese Fallhöhe - es geht um die Welt! - erzeugt den moralischen Furor und das Sendungsbewusstsein, die vegan Lebenden oft vorgeworfen werden und die manchmal zutreffen. Wenn auch inzwischen der abschätzige Gegenfuror größer erscheint. Es gibt in Deutschland mehr Menschen, die über Veganerwitze lachen als Veganer. Jedenfalls noch.

Bei meinen Beobachtungen im Netz aber habe ich ein interessantes Phänomen entdeckt. Sogar Leute, die per Internet-Spott über Veganer mit Veganismus in näheren Kontakt kamen, begannen über ihren Fleischkonsum nachzudenken. Auf diese Weise haben die größten Verächter des Veganismus direkt zu seiner Verbreitung beigetragen. Und dieser Umstand dürfte vegan Lebenden ein inneres Erntedankfest sein.


Anmerkung des Autors: Ich lebe selbst weder vegan noch strikt vegetarisch.

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