Facebook in Sorge 70 Wege, die US-Wahl zu stören

Die sozialen Netze rechnen zur US-Präsidentschaftswahl mit jeder Art von Desinformation. Facebook bereitet sich auf extreme Szenarien vor.
Kampf um das Weiße Haus: Die Betreiber der sozialen Netzwerke bereiten sich auf Störmanöver vor

Kampf um das Weiße Haus: Die Betreiber der sozialen Netzwerke bereiten sich auf Störmanöver vor

Foto:

C.E. Seo / Getty Images

Mithilfe von Experten für militärische Planung bereitet sich Facebook zur US-Präsidentschaftswahl am 3. November auf rund 70 problematische Szenarien vor. Das berichtet  die "Financial Times". Es ist einer von mehreren Hinweisen, mit welchen Störmanövern im Internet die Öffentlichkeit rund um den Wahltag in den USA rechnen muss.

So warnten das FBI und die Cybersecurity and Infrastructure Security Agency  (CISA) diese Woche davor, dass "ausländische Akteure und Cyberkriminelle die Zeit, die zur Bestätigung und Verkündung von Wahlergebnissen nötig ist, ausnutzen könnten, um Desinformationen über Wählerunterdrückung, Cyberattacken gegen Wahlinfrastruktur, Wahlbetrug und andere Probleme zu verbreiten, um die Öffentlichkeit von der Illegitimität der Wahl zu überzeugen".

Die Täter könnten dazu neue Websites einrichten, existierende Websites kapern und verändern oder soziale Medien für ihre Diskreditierungsversuche nutzen. Auch NSA-Direktor Paul Nakasone hält Desinformation für die größte Bedrohung der Wahl.

Die Betreiber der sozialen Netzwerke legen sich Werkzeuge zurecht, um auf entsprechende Versuche zu reagieren. Facebooks Kommunikationschef Nick Clegg sagte der "Financial Times": "Wir haben einige Optionen für den Fall, dass es zu chaotischen Zuständen oder gar zu Gewalt kommt" - eine Befürchtung, die kürzlich auch Twitter geäußert hatte.

Nicht alle Versuche der Einflussnahme werden gestoppt

Clegg verwies auf andere Länder, in denen es "echte zivile Instabilität" gebe und wo Facebook "ziemlich außergewöhnliche Maßnahmen zur Beschränkung der Reichweite von Inhalten" ergriffen habe. Ins Detail wollte er nicht gehen, doch der Vergleich zeigt, dass Facebook mit Vorkommnissen rechnet, die in einer Demokratie nicht vorkommen sollten.

Facebook-CEO Mark Zuckerberg hatte kürzlich aufgelistet , womit er unter anderem rechnet: Lügen und Verdrehungen in politischen Anzeigen, Falschinformationen zum Wahlvorgang, virale Falschnachrichten im Messenger, die absichtliche Irreführung von Wählern, damit ihre Stimmen ungültig oder nicht gezählt werden, Angstmacherei mit dem Coronavirus in Wahllokalen, verfrühte Verkündung eines Wahlsieges, Behauptungen über Wahlbetrug, Einschüchterungsversuche gegen Wahlhelfer und Aufrufe zu Gewalt durch Gruppen wie QAnon.

Was er dabei klarmachte: Anders als 2016, als Desinformationskampagnen aus dem Ausland gesteuert wurden, werde es solche Versuche 2020 auch aus dem Inland geben. Damit dürfte er keineswegs nur Gruppierungen wie eben QAnon gemeint haben, sondern auch die Kandidaten selbst, nicht zuletzt den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. Der hat in den vergangenen Wochen mehrfach falsche Behauptungen über die Briefwahl verbreitet und die Legitimität der Wahl vorab in Zweifel gezogen.

Viele Techunternehmen sehen bereits, wie ihre Plattformen für mehr oder weniger perfide Einflussnahmeversuche missbraucht werden. Manches wird unterbunden, anderes nicht:

  • Facebook gab am Dienstag bekannt , 155 Konten, elf Seiten, neun Gruppen und sechs Instagram-Accounts entfernt zu haben, über die von China aus Einfluss auch auf die US-Wahl ausgeübt werden sollte. Das Netzwerk habe in den USA aber "fast kein Publikum gewonnen". Jeden Monat  findet Facebook solche Netzwerke, mitunter  nach Tipps vom FBI, aber manchmal  braucht das Unternehmen dazu auch die Hilfe von Journalisten.

  • Auf TikTok  veröffentlichen Teenager Videos mit dem Hashtag #PedoBiden, bezeichnen den Kandidaten der Demokraten also als Pädophilen. Eine Suche nach dem Hashtag ergibt keine Treffer mehr, dafür hat TikTok gesorgt. Die Videos aber erreichen mitunter trotzdem noch Hunderttausende Nutzerinnen und Nutzer.

  • In Googles Suchmaschine hat die Organisation Donald J. Trump for President Inc. den obersten Platz für den Suchbegriff "Joe Biden" gekauft  und dort einen Text platziert, der besagt, Biden sei "inkompetent und gefährlich". Wer nachsieht, von wem die dahinterliegende Website stammt und deren Namen googelt, erfährt, dass die Organisation bereits 34 Millionen Dollar für Google-Anzeigen ausgegeben hat .

  • Lateinamerikanische WhatsApp-Nutzer  im Swing State Florida werden ausgedachte Geschichten weitergeleitet in denen behauptet wird, Venezuelas Präsident Maduro sowie US-Kommunisten würden Joe Biden unterstützen.

Sowohl Facebook , wie auch Twitter , YouTube  und TikTok  haben verschiedene Maßnahmen angekündigt, um das Ausmaß an versuchter Desinformation möglichst gering zu halten. Laut Reuters  spielen US-Behörden derzeit in Trockenübungen extreme Szenarien durch: Bombendrohungen gegen Wahllokale, Stromausfälle durch Hackerangriffe, im Internet verbreitete Behauptungen zu Wahlbetrug - eben vieles von dem, was auch auf Facebooks 70-Punkte-Liste stehen dürfte.

Eine Erkenntnis aus den bisher 55 Übungen: Es wird schwerfallen, Falschmeldungen schnell richtig zu stellen und dabei möglichst viele Empfänger der Ursprungsbotschaft zu erreichen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.