Spiele, Sex, Hausaufgaben-Hilfe Wonach Kinder im Netz suchen

Millionen Kinder sind im Internet unterwegs, oft ohne Aufsicht. Welche Themen interessieren sie? Die Medienpädagogin Lidia de Reese vom Portal FragFINN verrät, was junge Nutzer suchen - und womit sie Probleme haben.
Kinder beim Surfen: Bei FragFINN wird am häufigsten nach Spielen gesucht

Kinder beim Surfen: Bei FragFINN wird am häufigsten nach Spielen gesucht

Foto: Corbis

Das Internet gehört längst nicht mehr nur den Erwachsenen. Rund drei Viertel der Sechs- bis Zwölfjährigen nutzen heutzutage Computer, 70 Prozent davon tippen einmal pro Woche oder häufiger etwas in eine Suchmaschine. Zu diesem Ergebnis kommt die KIM-Studie 2014 , bei der rund 1200 Kinder Auskunft über ihren Medienkonsum gaben.

Doch wonach suchen Kinder im Internet? Wir haben die Medienpädagogin Lidia de Reese gefragt, die auf der Netzkonferenz re:publica  über das Thema sprechen wird.

De Reese arbeitet bei FragFINN.de , einer Suchmaschine speziell für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Hinter dem 2007 gestarteten Angebot stehen mehrere Unternehmen und Verbände, darunter Google, die Telekom und der Bundesverband Digitale Wirtschaft .

Die Seite ist eine von mehreren deutschen Online-Anlaufstellen für Kinder; eine Alternative ist etwa das Surftippverzeichnis Blinde Kuh . Der KIM-Studie zufolge ist allerdings auch bei Kindern Google die mit Abstand populärste Suchmaschine - 94 Prozent der befragten Kinder kannten den Marktführer. FragFINN kommt auf 56 Prozent Bekanntheit.

Zur Person
Foto: Thomas Imo/ photothek.de

Lidia de Reese, 30, ist Medienpädagogin bei FragFINN. Sie pflegt dort die sogenannte Whitelist des Portals, das heißt: die Übersicht aller für die Suche zugelassenen Websites. De Reese hat Kommunikations- und Medienwissenschaft und Anglistik studiert. Bei FragFINN gibt es insgesamt sechs Stellen.

SPIEGEL ONLINE: Frau de Reese, was zeichnet Suchanfragen von Kindern aus?

De Reese: Vor allem der Eingabestil. Fast alle Kinder kennen Suchmaschinen, doch sie müssen lernen, damit umzugehen. Gerade jüngeren Nutzern fällt es schwer, ihre Fragen herunterzubrechen. Sie schreiben häufig die komplette Frage im Wortlaut in das Suchfeld. Oder sie arbeiten mit nur einem einzigen Wort als Suchanfrage. Die Möglichkeit, Suchbegriffe zu kombinieren, haben sie noch nicht verinnerlicht.

SPIEGEL ONLINE: Kinder benutzen also keine Anführungszeichen beim Suchen, kein ODER, kein UND?

De Reese: Sehr selten. Meiner Beobachtung nach sind diese sogenannten Operatoren bei Kindern im Alter von zwölf Jahren und jünger weitgehend unbekannt. Am ehesten wird noch ein Pluszeichen verwendet.

SPIEGEL ONLINE: Finden die Kinder trotzdem, was sie suchen?

De Reese: Unsere Suchmaschine FragFINN hat den Anspruch, auch zu Ein-Wort-Eingaben gute Ergebnisse zu liefern. Findet man nichts, liegt das meistens an einem Rechtschreibfehler. Während sich Kinder bei Google weitgehend auf die Rechtschreibhilfe verlassen können, muss das Wort bei uns momentan fehlerfrei geschrieben werden. Es ist wichtig, dass die Kinder die richtige Schreibweise lernen.

SPIEGEL ONLINE: Wonach suchen Kinder am häufigsten?

De Reese: Sie suchen Informationen für die Schule und die Hausaufgaben, aber auch Ablenkung. Der mit riesigem Abstand und seit Jahren beliebteste Suchbegriff bei FragFINN lautet "Spiele". Beliebt sind außerdem Inhalte zu Prominenten, Sportlern und Musikern, ebenso Freizeittipps. Und dann gibt es natürlich noch Unterschiede nach dem Geschlecht: Mädchen suchen ein wenig öfter nach Themen wie Basteln und Haustiere.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist das Thema Sex?

De Reese: Momentan ist Sex bei uns der drittmeistgesuchte Begriff, ähnlich war es in den Vorjahren. Wir achten daher darauf, dass die entsprechenden Suchergebnisse kindgerecht sind. Bei FragFINN wird deshalb nicht das weltweite Internet in seiner Tiefe durchsucht, sondern ein begrenzter Surfraum.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist dieser Internet-Ausschnitt?

De Reese: Im Moment besteht er aus 11.600 Domains, also Internetadressen, die von uns auf ihre Kindgerechtigkeit hin geprüft wurden. Darunter sind Kinderseiten, aber auch Websites, die wir intern "unbedenkliche Erwachsenenseiten" nennen. Seiten, die speziell für Kinder gemacht werden, wie das Angebot der "logo!"-Kindernachrichten, werden bei den Suchergebnissen bevorzugt ausgespielt.

SPIEGEL ONLINE: Das Angebot von SPIEGEL ONLINE taucht bei keiner Suchanfrage auf.

De Reese: Das liegt daran, dass nicht jeder Teil der Seite kindgerecht ist. Nachrichtenseiten, die für Erwachsene gemacht sind, beinhalten manchmal bedenkliches Bild- und Videomaterial, das Kindern Angst machen kann. Und wir müssen ja auch erst einmal davon ausgehen, dass Kinder allein vor dem Rechner sitzen. Es gibt bei FragFINN übrigens auch kein Google, kein YouTube und kein Wikipedia.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Kinder mit sechs, sieben Jahren, wie das Internet aufgebaut ist?

De Reese: Das hängt davon ab, wie lang sie schon im Netz unterwegs sind. So muss zunächst mal das Bedienen des Browsers gelernt werden. Fragt man Kinder, womit sie ins Netz gehen, sagen sie oft den Namen ihrer Startseite, etwa "Google" oder "FragFINN". Viele wissen auch nicht, dass sie Internetadressen in die Browserzeile eingeben können und nutzen dafür stattdessen ein Suchfeld.

SPIEGEL ONLINE: Eine Angewohnheit, die auch mancher erwachsene Internetnutzer hat.

De Reese: In Workshops mit Kindern finde ich es auch immer wieder interessant, wenn auf einem Computer ein anderer Browser läuft als der, den die Kinder von zu Hause oder aus der Schule kennen. Viele Kinder werden dann vorsichtig und nervös. Es dauert, bis sie verstehen, dass die Programme alle ungefähr gleich funktionieren.

Veranstaltungstipp: Am Mittwoch tritt Lidia de Reese mit zwei weiteren Medienpädagoginnen von FragFINN auf der Netzkonferenz re:publica  auf. Ihre Session, bei der auch Kinder mitmachen werden, hat das Thema "'Schischhanzen' und 'Vile Spile' - so suchen Kinder im Internet ". Zu sehen ist die Präsentation von 11.15 bis 11.45 Uhr auf der Stage 10.

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