Was Surfer suchen Sex ist (vorerst) out

In der letzten Woche erlebte das Internet seine Wiedergeburt als Nachrichten- und Kommunikationsmedium. Nichts zeigt das deutlicher als die "Hitparade" der häufigsten Suchworte.


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Über Jahre waren die Top Ten der häufigst eingesetzten Suchworte bei Searchengines im Internet eine ziemlich vorhersagbare und darum langweilige Angelegenheit. Gerne redete niemand darüber, dass das, was die Menschen in der "größten Bibliothek der Welt", protziger noch: der "Bibliothek des Weltwissens" suchten, in der Regel mit Pamela Anderson zu tun hatte - oder mit noch mehr Silikon.

Das war und ist selbst den Suchdiensten, die sich als respektable Unternehmen am Markt positionieren wollen, peinlich. Die meisten bieten Top-Ten-Zählungen darum in einer "bereinigten" Form an - und manche eben auch in einer nicht erlogenen Variante, die erst ab 18 abrufbar ist.

Das alles ist seit dem 11. September hinfällig

Innerhalb weniger Stunden besannen sich die Surfer in aller Welt darauf, was das Internet eigentlich ist oder zumindest sein kann: Ein enorm schnelles Nachrichtenmedium, das mehr als alle anderen Medien auch die Möglichkeit zur vertiefenden Suche bietet. Innerhalb weniger Stunden gehörten bei Metasearch, AskJeeves, Google, Altavista oder Lycos darum Anfragen nach dem World Trade Center zu den häufigsten überhaupt.

Dass auch CNN in die Top-Ten-Liste wanderte, deutet darauf hin, das viele die Website des Senders einfach nicht mehr fanden: So groß war der Ansturm der Informationshungrigen, dass die meisten guten News-Websites in aller Welt zeitweilig gehörig in die Knie gingen.

Bei den Searchengines suchten die Surfer vor allem nach Antworten auf offene Fragen: Wo gibt es in New York noch Webcams? Was ist eigentlich das World Trade Center? Wer ist Osama Bin Ladin? Wo gibt es Informationen zu Terrorismus? Wer sind die Taliban? Wo ist CNN?

Tatsächlich sind mit diesen Stichworten die Top-Five-Suchanfragen bei Lycos und Google fast vollständig abgedeckt.

Fast vollständig?

Die absolute Nummer eins unter allen Suchanfragen ist in obiger Liste nicht zu finden, obwohl sie - zumindest in der oft schrägen Welt des Webs - in engem Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September steht: "Nostradamus".

Denn vor allem in Hinsicht auf seine Qualitäten als Kommunikationsmedium erlebte das Web ein abruptes Revival: Längst totgeglaubte Bereiche des Internet wie die Newsgroups des Usenet brummten wie seit Jahren nicht mehr, in Chatrooms war kaum mehr ein sinnvolles Gespräch zu führen, und Kettenbriefe kursierten schneller als jedes E-Mail-Virus. Immer wieder im Mittelpunkt des Interesses: die zahlreichen, mit irrwitziger Geschwindigkeit aufblühenden Verschwörungstheorien rund um die Anschläge.

Und dort von besonderem Interesse: Nostradamus und eine ihm fälschlich zugeschriebene Prophezeiung, die irgendwann einmal ein Scherz sein sollte - und nun ein Eigenleben führt. Die krude Verschwörungstheorie katapultierte Nostradamus-Bücher in die Bestsellerlisten von Amazon - und machte Nostradamus zum häufigsten Suchwort aller Searchengines in der Zeit zwischen dem 11. und 19. September.

Darüber kann man sich ärgern, sich aufregen oder amüsieren, unter dem Strich bleibt das gut: Das Web wird wieder vor allem als Kommunikations- und Nachrichtenmedium genutzt - auch für Nachrichten, die es sonst nirgendwo gibt. Das ist okay und bitter eigentlich nur für Frau Anderson. Die muss sich nun mit Platz 22 auf der Top-50-Liste von Lycos bescheiden, zwischen Pokémon und der Bibel, die auf Platz 23 zu finden ist. Das allein wäre unter normalen Umständen genug, wieder eine neue Verschwörungstheorie im Internet entstehen zu lassen. Aber auch das Internet hat längst nicht zur Normalität zurückgefunden, und auch das ist gut so.

Frank Patalong



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