Web-Fundstücke III Wahre Lügen

Amerika tickt anders, und was sein Rechtssystem angeht, manchmal auch nicht ganz richtig: Die Klagewut der US-Anwälte ist so notorisch wie die Höhe erzielter Entschädigungszahlungen legendär. Über die Auswüchse des US-Rechtssystems kursieren im Web unglaubliche Nachrichten - manche so hartnäckig, dass sie am Ende wahr werden.

"Es ist mal wieder Zeit, sich die Kandidaten für die diesjährigen Stella-Awards näher anzusehen", hebt die unspektakuläre, aber lange E-Mail an, die Leser Stefan B. vor wenigen Tagen an SPIEGEL ONLINE weiterleitete - nicht als Erster. Immer wieder einmal wird man auf die legendären "Stellas" aufmerksam gemacht.

Stellas? Nicht bekannt? Die Mail, inzwischen millionenfach verbreitet, erklärt den Hintergrund so: "Die Stella Awards wurden nach der damals 81-jährigen Stella Liebeck benannt, die sich mit Kaffee bekleckerte und mit dieser Begründung erfolgreich McDonalds verklagte. Dieser Fall wurde zur Inspiration für die Stellas, mit denen die dreistesten Zivilklagen in den Vereinigten Staaten ausgezeichnet werden".

Ausgezeichnet, denn da ist so manches auszeichnungswürdig:

    Der Fall der Kathleen Robertson aus Austin, Texas, zum Beispiel: Sie fiel in einem Möbelladen über ein unbeaufsichtigt herumrennendes Kleinkind und brach sich den Knöchel. Ein Geschworenengericht, ist der E-Mail zu entnehmen, soll ihr dafür ein Schmerzensgeld über 780.000 Dollar zugesprochen haben. So etwas ist nicht wirklich ungewöhnlich im US-Rechtssystem, wenn es sich bei dem Kleinkind nicht um ihr eigenes gehandelt hätte.

Tusch, kawumm, Tätä-tätä-tätä: God save America!

Doch es kommt noch besser.

    Der 19-jährige Carl Truman aus Los Angeles verklagte seinen Nachbarn auf 74.000 Dollar Schmerzensgeld und die Übernahme seiner Behandlungskosten, weil ihm dieser mit seinem Wagen über die Hand gefahren war. Truman hatte nicht bemerkt, dass jemand am Steuer saß, als er die Radkappen klauen wollte.

Ah, jetzt ja. Da erübrigt sich ja wirklich jeder Kommentar, und solche Schätzchen leitet man seinen Freunden und Bekannten dann auch gern weiter.

    So wie die Geschichte von Terrence Dickson aus Bristol, Pennsylvania. Der blieb nach erfolgreich beendetem Einbruch in der Garage des von ihm geplünderten Hauses stecken, weil der automatische Toröffner nicht funktionierte. Die Verbindungstür zurück zum Haus war ins Schloss gefallen, und Dickson überlebte die nächsten acht Tage nur deshalb leidlich unbeschadet, weil er in der Garage einen Kasten Cola und eine große Tüte Trocken-Hundefutter fand. Dickson verklagte die Versicherung des Hausbesitzers wegen seelischer Grausamkeit und bekam 500.000 Dollar zugesprochen.

Sagt die E-Mail. Die mit den Vorschlägen für die berühmt-berüchtigten Stella-Awards. Jährlich verliehen, für die verrücktesten, frivolsten, unverständlichsten Auswüchse des US-Rechtssystems.

Unsinn, sagt Snopes, die Website, die sich darauf spezialisiert hat, moderne Mythen zu demaskieren: "Die Stella Awards gibt es nicht". Stimmt, meint auch Overlawyered.com, eine Website, die sich sachlich mit den Verrücktheiten des US-Rechtssystems auseinandersetzt, "die Stellas sind eine Erfindung".

Genau, sagt Randy Cassingham, und zwar eine Gute: Deshalb verleiht sein Unternehmen ThisIsTrue jetzt wirklich Stellas, behauptet Cassingham, und zwar richtige. Schließlich sei es doch wahr: Das US-Rechtssystem habe völlig verrückte Auswüchse, und auch die unfreiwillige Namenspatronin Stella Liebeck hat wirklich wegen verschüttetem Kaffee ihren Prozess gegen McDonalds gewonnen.

Na ja, so einigermaßen stimmt das sogar

Liebeck hatte sich 1994 in einem Prozess gegen das Frikadellen-mit-Pappbrot-Imperium zunächst eine Wiedergutmachung in einer Gesamthöhe von 2,9 Millionen Dollar erstritten. Später senkte der Richter diesen so herrlich zitierbaren Betrag auf immer noch wahnsinnige 640.000 Dollar. Bevor es zu einer Berufungsverhandlung kam, einigten sich Stella und McDonald außergerichtlich auf eine bis heute nicht bekannte Summe. Immerhin.

Wahr ist inzwischen auch, dass ThisIsTrue unter dem Label StellaAwards.com  einen Newsletter vertreibt, in dem völlig durchgedreht wirkende US-Urteile besprochen werden. Diese Fälle werden von Stella Awards als Kandidaten für die jährlichen Preise vorgestellt, die allerdings noch niemals vergeben wurden.

Das jedoch mag sich - in irgendeiner Form - vielleicht wirklich ändern. Denn obwohl die "Stella Awards E-Mail" mindestens seit Mai 2001 kursiert und teils Web-Legenden aufnimmt und ausschmückt, die bereits sieben Jahre auf dem Buckel haben, existiert die Stella-Awards-Website und damit der gleichnamige Preis anscheinend erst seit dem 14. Juni 2002.

Cassingham gibt sich alle Mühe, "seine" Stella Awards von den Kettenmails gleichen Namens zu scheiden: Das eine habe mit dem anderen nicht wirklich etwas zu tun. Seine Stella Awards seien unabhängig, wahr und ernst gemeint, die Kettenmail hingegen sei Unsinn.

Unsinn sind auch die verrückten Urteile, auf die Stella Awards verweisen kann, und sie sind wahr: Die Gegenprobe in der Prozess-Datenbank Verdictsearch.com zeigt erstens das schnell, und zweitens noch viele andere juristische Bonbons, die Amerikaner zum Fingernägel-Kauen und alle anderen zum hysterischen Ablachen reizen.

Schön ist das (wenn man nicht selbst dermaßen verurteilt wird), aber letztlich ein bisschen weniger lustig als das erlogene Original: Die dort präsentierten Fälle sind pointierter, leichter verständlich, schnell zu servieren - juristische Witze eben. Darum, weil's so schön war:

Die Stella-Awards-Lügenmail vollständig im Original. Weiter...

Die Stella-Awards-Lügenmail vollständig im Original

"It's time once again to consider the candidates for the annual Stella Awards.

The Stella's are named after 81-year-old Stella Liebeck who spilled coffee on herself and successfully sued McDonalds. That case inspired the Stella awards for the most frivolous successful lawsuits in the United States.

The following are this year's candidates:

1. Kathleen Robertson of Austin, Texas, was awarded $780,000 by a jury of her peers after breaking her ankle tripping over a toddler who was running inside a furniture store. The owners of the store were understandably surprised at the verdict, considering the misbehaving little toddler was Ms. Robertson's son.

2. A 19-year-old Carl Truman of Los Angeles won $74,000 and medical expenses when his neighbor ran over his hand with a Honda Accord. Mr. Truman apparently didn' notice there was someone at the wheel of the car when he was trying to steal his neighbor's hub caps.

3. Terrence Dickson of Bristol, Pennsylvania, was leaving a house he had just finished robbing by way of the garage. He was not able to get the garage door to go up since the automatic door opener was malfunctioning. He couldn't re-enter the house because the door connecting the house and garage locked when he pulled it shut. The family was on vacation, and Mr.Dickson found himself locked in the garage for eight days. He subsisted on a case of Pepsi he found, and a large bag of dry dog food. He sued the homeowner's insurance claiming the situation caused him undue mental anguish. The jury agreed to the tune of $500,000.

4. Jerry Williams of Little Rock, Arkansas, was awarded $14,500 and medical expenses after being bitten on the buttocks by his next door neighbor's beagle. The beagle was on a chain in its owner's fenced yard. The award was less than sought because the jury felt the dog might have been just a little provoked at the time by Mr. Williams who was shooting it repeatedly with a pellet gun.

5. A Philadelphia restaurant was ordered to pay Amber Carson of Lancaster, Pennsylvania, $113,500 after she slipped on a soft drink and broke her coccyx (tailbone). The beverage was on the floor because Ms.Carson had thrown it at her boyfriend 30 seconds earlier during an argument.

6. Kara Walton of Claymont, Delaware, successfully sued the owner of a night club in a neighboring city when she fell from the bathroom window to the floor and knocked out her two front teeth. This occurred while Ms. Walton was trying to sneak through the window in the ladies room to avoid paying the $3.50 cover charge. She was awarded $12,000 and dental expenses.

7. This year's favorite could easily be Mr. Merv Grazinski of Oklahoma City, Oklahoma. Mr. Grazinski purchased a brand new 32-foot Winnebago motor home. On his first trip home, having driven onto the freeway, he set the cruise control at 70 mph and calmly left the drivers seat to go into the back and make himself a cup of coffee. Not surprisingly, the R.V. Left the freeway, crashed and overturned. Mr. Grazinski sued Winnebago for not advising him in the owner's manual that he couldn't actually do this. The jury awarded him $1,750,000 plus a new motor home. The company actually changed their manuals on the basis of this suit, just in case there were any other complete morons buying their recreation vehicles."

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