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Weihnachts-Charts: Mit Stille gegen die Übermacht der Schnulzen

Foto: Victor Drees/ Getty Images

Web-Kampagne gegen Pop-Industrie Klick gemacht, stille Nacht

"Last Christmas" von Wham!, Band Aids "Do they know it's Christmas?": Wer es zu Weihnachten auf Platz eins der britischen Charts schafft, erobert die Pop-Welt. Doch Tausende Facebook-Nutzer versuchen, die Macht der Musikindustrie zu brechen - indem sie ein lautloses Werk zum Hit hochjubeln.
Von Florentine Dame

Der Wettlauf an die Spitze der britischen Weihnachtscharts ist legendär und trägt nahezu mythische Züge: Warten auf die Bekanntgabe der Weihnachts-Nummer-Eins ist für einige Briten genauso wichtig wie das Warten auf den Weihnachtsmann.

Doch das musikalische Wettrennen ist längst mehr als eine britische Tradition: Was dort ertönt, wird man auch im Rest der Welt so schnell nicht wieder los:

  • "Last Christmas" von Wham! aus dem Jahr 1984 beispielsweise gilt als eine der erfolgreichsten Singles überhaupt - und wurde in dieser Woche von den geschmackssicheren Bulgaren zum nervigsten Weihnachtslied aller Zeiten gewählt.
  • In dieselbe Kategorie gehören die meisten der weihnachtlichen Brit-Hits - von Mariah Careys "All I want for Christmas" bis zu Band Aids "Do they know it's Christmas?", das Bob Geldof, der Komponist der saccharinsüßen Drei-Akkord-Hymne, soeben als "Müll" bezeichnete. Wörtlich beschrieb Sir Geldof seinen Mega-Hit so: "Das war ein Fehler."

Liefe es nach den Plänen der Macher der erfolgreichen Casting-Show "X Factor", stünde das Fest ganz im Zeichen der Retorten-Schnulze "When we collide" des letzten Gewinners Matt Cardle. Seit 2005 war es Produzent Simon Cowell, dem britischen Dieter Bohlen, viermal in Folge gelungen, seine gecasteten Sternchen pünktlich zum Fest auf Platz eins der Hitparade zu hieven - bis er die Macht des Facebook-Kollektivs kennenlernte.

Im vergangenen Jahr rückten Facebook-Aktivisten dem kalkulierten "X Factor"-Hit mit krachenden Gitarrenriffs zu Leibe, indem sie zum massenhaften Download eines Songs der Crossover-Band Rage Against The Machine aufriefen. Die Mission der "X Faktor"-Gegner ging auf: Rund eine halbe Million Mal verkaufte sich der 17 Jahre alte Titel "Killing in the Name" und verwies Großbritanniens Casting-Star Joe McElderry mit seiner Schmuseballade auf Platz zwei.

An diesen Erfolg versucht die Online-Initiative Cage Against The Machine  nun anzuschließen - in diesem Jahr allerdings mit feiner Ironie statt brachialem Titel: Bei Facebook und anderen Netzwerken rufen die Aktivisten zum Kauf des Stücks "4'33" auf - Vier Minuten, 33 Sekunden aufgenommenes Nichtmusizieren.

Gegen das Gedudel

John Cage

Das Opus stammt aus der Feder des verstorbenen Avantgarde-Komponisten . Im Jahr 1952 uraufgeführt, besteht es aus drei Sätzen absoluten Schweigens, die Musiker rühren ihre Instrumente nicht an, klappen höchstens den Klavierdeckel auf und nach dem Stück wieder zu. Sie zelebrieren die Stille, die, wie sich herausstellt, durchaus mehr als Nichts bietet: Da ist Hüsteln aus dem Publikum zu hören, entfernter Straßenverkehr zu ahnen, alles in allem ein Hintergrundrauschen, das viel raumeinnehmender ist, als man es zunächst erwartet. Bereits damals wurde der Titel auch als Statement gegen das allgegenwärtige Kaufhausgedudel des urbanen Nachkriegsamerikas verstanden.

Und jetzt: Stille im Radio als Antwort auf kalkulierbare Casting-Hits? Wenn es nach dem Willen der stillen Protestler geht, werden die britischen Radiostationen nicht darum herumkommen, die Neuaufnahme von John Cages "4'33" als neue Nummer eins vorzustellen. Facebooks Mobilisierungspotential soll es möglich machen: Bereits jetzt haben 82.500 Menschen dort ihre Sympathie für das Projekt bekundet, minütlich werden es mehr. 

Auch die Stille hat ein Geräusch

An der lautlosen Musikaufnahme beteiligte sich eine Reihe britischer Bands, musikalisch allesamt eher jenseits des Pop-Mainstream zu Hause. Dicht gedrängt versammelten sie sich in einem Aufnahmestudio im Londoner Stadtteil Soho. Der Produzent zählte an: "eins, zwei, drei und…" - der Rest war Schweigen. Fast, denn nach einigen Minuten begannen die ersten Musiker mit den Köpfen zu wippen, die Arme zu schwenken und sich lautlos der "Musik" hinzugeben. Wer der Aufnahme "4'33" aufmerksam zuhört, merkt schnell: Auch die Stille Dutzender Musiker hat ein Geräusch.

Seit Montag lässt sich die Neuaufnahme als MP 3 in verschiedenen Versionen bei den großen Online-Händlern herunterladen. Im britischen Angebot von Amazon schaffte es der Titel binnen zwei Tagen auf Platz drei - noch liegt er hinter dem vom Fernsehen zum Weihnachtsschnulzer erkorenen Matt Cardle.

Die Facebook-Freunde von Cage Against The Machine kämpfen, dass das bis zur Bekanntgabe der Weihnachtscharts anders ist. "Ladet alle eure Freunde ein!", "Unterstützt die Protestler!" und Bekundungen, man habe die Single gleich mehrfach heruntergeladen, gehören zum musikalischen Säbelrasseln und sollen noch mehr Menschen anregen, sich dem Kampf gegen einen "X Faktor"-Weihnachtserfolg anzuschließen.

Dieser Kampf richtet sich letztlich generell gegen den Kommerz von Casting-Shows und Entertainment-Industrie. Nicht die Plattenbosse oder die Ideengeber der Kampagne sollen vom Erfolg profitieren, sondern verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen, an die, nach Angaben der Macher von Cage Against The Machine, alle Erlöse fließen sollen. Auch hier ist der unterschwellige Sarkasmus der Kampagne erkennbar: Eine der fünf Empfängerorganisationen ist die britische Tinnitus Association.

Protest-Konkurrenz: "Surfin' Bird"

Nach dem Erfolg von "Rage Against The X-Factor" im vergangenen Jahr gibt es neben der Initiative für Stille zahlreiche Nachahmerprojekte: Ein paar tausend Leute wünschen sich Eminem an die Spitze der Weihnachtscharts, mehr als 10.000 Mitglieder möchten, dass es noch lauter zugeht und setzen sich dafür ein, dass die Heavy-Metal Band Pantera das Rennen macht.

Weitaus weniger subtil als das Plädoyer für eine stille Nacht, aber zurzeit erfolgversprechender, ist der Facebook-Aufruf, die Sechziger-Jahre-Surf-Rock-Hymne "Surfin' Bird" von Trashmen zur Nummer eins zu machen. Bekannt aus der US-Zeichentrickserie "Family Guy" drängt mit diesem Hit ein Titel aus der Kategorie nervtötend auf Platz eins. Für eine himmlische Ruh in der britischen Radiowelt müssen die stillen Protestler also noch lautstark werben.

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