Web-Kult Die Leiden des Star-Wars-Kids

Als Ghyslain R. vor laufender Kamera sein Debüt als pummeliger Jedi-Ritter gab, dachte er nicht im Traum daran, das Video zu veröffentlichen. Einige Millionen Downloads später ist der Teenager aus Quebec der heimliche Held aller Science-Fiction-Freaks und Sonderlinge.


"Star Wars Kid" Ghyslain: Plötzlich so bekannt wie die echten Stars
www.jedimaster.net

"Star Wars Kid" Ghyslain: Plötzlich so bekannt wie die echten Stars

Hamburg/Trois-Rivières - Jeder Teenager veranstaltet irgendwann einmal Unsinn, den er später bereut. Jeder begeht als Jugendlicher Dummheiten, mit denen er sich vor Eltern oder Klassenkameraden lächerlich macht. Nur wenigen Menschen jedoch gelingt es, sich zum Gespött des ganzen Planeten zu machen. Der 15-jährige Ghyslain R. aus Quebec ist einer von ihnen.

Ende 2002, während eines Schulprojekts, beschließt der Teenager in einem unbeobachteten Moment, seiner Schwäche für die Science-Fiction-Saga "Star Wars" nachzugeben und sich selbst zu filmen. Wie sein Vorbild, der finstere Jedi-Schurke Darth Maul, wirbelt Ghyslain vor laufender Kamera mit einen Doppel-Lichtsäbel durch die Gegend.

Auch die Spezialeffekte liefert er gleich mit: Um den Sound des Lichtschwertes zu simulieren, produziert der Möchtegern-Jedi Zisch- und Summgeräusche, die sich manchmal mit einem Keuchen oder Stöhnen mischen.

Ghyslain im Kampf gegen den Chefschurken Darth Vader: "Die Geekforce ist mit ihm"
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Ghyslain im Kampf gegen den Chefschurken Darth Vader: "Die Geekforce ist mit ihm"

Damit wäre die Ghyslain-Saga zu Ende gewesen, hätten nicht einige Klassenkameraden das Video in die Finger bekommen. Wie die in Toronto erscheinende Zeitung "The Globe and Mail" recherchiert hat, produzierten Michaël C., François L., Jérôme L. und Jean-Michel R. eine digitale Version des Filmchens und speisten sie bei der Internet-Tauschbörse Kazaa ein. Und so wurde Ghyslains private Peinlichkeit ein globaler Event.

Möge der Spott mit dir sein

Zunächst stellte im Frühjahr 2003 der amerikanische Blogger Andy Baio das Jedi-Video auf seine Seite. Ende April mixte der Software-Experte Bryan Dube nach Baios Angaben eine neue Version des Videos - mit Musikuntermalung und Spezialeffekten. Spätestens jetzt war der Mythos des "Star Wars Kid" (SWK) geboren, Dubes Version machte Ghyslain sehr schnell sehr populär. Millionen Internet-User ergötzten sich an dessen ungelenker Performance.

Inzwischen hat der dicke Quebecer Kultstatus. Mehr als 50 unterschiedliche Versionen des SWK-Films kursieren im Netz: "SWK in Gotham", "SWK vs. Freddy Kruger", "The Jedi Who Shagged Me" und so weiter. Schmeichelhaft für Ghyslain sind die Filmchen alle nicht - meist wurden sie mit hämischen Kommentaren, alberner Musik oder gar Furzgeräuschen unterlegt.

Virtuelles Nachtreten

Ausschnitt aus Ghyslains Originalvideo: Geeky aber irgendwie cool
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Ausschnitt aus Ghyslains Originalvideo: Geeky aber irgendwie cool

Blogger Baio war von den Reaktionen ziemlich entsetzt. Seine Leser ergingen sich in langen Kommentaren darüber, was für ein Depp dieser Teenager doch sein müsse. "Ich vermute, dass die meisten von Euch in der Junior High Scholl keinen Deut cooler waren als dieser arme Junge", schreibt Baio auf seiner Seite Waxy.org. "All Ihr Freaks, Sonderlinge und Streberleichen da draußen, Ihr solltet es Euch zweimal überlegen, bevor Ihr einen der Euren runtermacht."

Nach den Kübeln von Häme und Spott, die anfänglich über das Star Wars Kid ausgekippt wurden, scheint sich diese Erkenntnis tatsächlich bei vielen durchzusetzen. Denn was Ghyslain R. angestellt hat, ist eigentlich nichts Außergewöhnliches. Er hat sich nicht mehr zum Deppen gemacht als ein Kind, das sich ein Badelaken umbindet und Supermann spielt. Und fast jeder Teenie hat schon einmal in einem seltsamen Outfit vor dem Spiegel posiert.

Held der Sonderlinge

Zudem dämmert vielen, dass Baio Recht hat, wenn er Ghyslain als "einen von uns" bezeichnet. Der junge Kanadier ist der Prototyp des "Geeks", des ungelenken, übergewichtigen Außenseiters, der im Sportunterricht verspottet wird und sich nur für Computer, Science Fiction und Dungeons & Dragons interessiert. Ghyslain, so der Tenor der meisten Blogs, Diskussionsforen und Fan-Seiten in den letzten Wochen, hat sich stellvertretend für alle Geeks dieses Planeten lächerlich gemacht, und darum ist er ein Held. Auch das deutsche Netzkultur-Magazin "Telepolis" hat dem Jung-Jedi bereits den Ritterschlag verpasst: "Die Geekforce war mit ihm."

Dieser Einsicht folgend geht inzwischen eine Welle der Solidarität durch das Netz. Baio und Mukerji haben in einer Spendenaktion mehrere tausend Dollar gesammelt und Ghyslain einen Geschenkgutschein sowie einen Apple-MP3-Spieler der Marke iPod geschickt. Die dem Star Wars Kid gewidmete Seite Jedimaster.net hat zudem eine Petition gestartet, die Ghyslain einen Auftritt im dritten Teil der "Star Wars"-Saga bescheren soll. Im Entwurf eines Schreibens an die Produktionsfirma Lucasfilm heißt es, dies sei eine Chance für das Unternehmen, wirklich etwas für seine Fans zu tun.

Traumatisches Erlebnis

Nachbearbeitetes SWK-Video: Ghyslain fällt den schwarzen Ritter aus "Monty Python and the Holy Grail"
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Nachbearbeitetes SWK-Video: Ghyslain fällt den schwarzen Ritter aus "Monty Python and the Holy Grail"

Ob sich Ghyslain über diesen Wandel der Web-Meinung freuen kann, ist zweifelhaft. Offenbar war die ungewollte Popularität einfach zu viel für den scheuen Fünfzehnjährigen. Im Winter 2002 musste er die Schule wechseln, weil ihm seine Klassenkameraden das Leben zur Hölle machten. Ghyslain wird bis heute psychologisch betreut, eine Zeitlang wurde er offenbar sogar stationär in der Kinderpsychiatrie des örtlichen Hospitals behandelt.

Seine Eltern haben die vier mutmaßlichen Videopiraten inzwischen auf Schadenersatz in Höhe von 225.000 kanadischen Dollar verklagt. Als Beweismittel haben die Anwälte der Familie bei Gericht Chatprotokolle eingereicht, die angeblich belegen, dass Ghyslains Klassenkameraden sehr stolz darauf sind, ihren Mitschüler zerstört zu haben.

Auf Baios Webseite Waxy.org bekommt Ghyslain in der Mehrheit der Postings inzwischen Mut zugesprochen. Ein Leser namens "chuckgutz" - der nach eigenen Angaben selbst ein "knubbeliger Geek mit einem eigenwilligen Modeverständnis" war - berichtet, dass die High-School-Tyrannen, die ihn in der Schule hänselten, heute arbeitslose Verlierertypen sind: "Fass Dir ein Herz, SWK ... und an all die Sportskanonen, Drangsalierer, harten Jungs und Arschlöcher - denkt daran, der Geek, den Ihr heute auslacht, ist wahrscheinlich derselbe Typ, der morgen Euren Gehaltsscheck unterschreibt."



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