Web-Standard Warum Adobe sich von Flash verabschiedet

Es ist eine harte Wende: Adobe will kein Flash mehr für mobile Geräte entwickeln. Der Konzern setzt voll auf den Internet-Standard HTML5 - und wechselt auf die Linie des verstorbenen Apple-Chefs Steve Jobs. Warum verabschiedet sich das Unternehmen von Flash? Und was bedeutet das für die Nutzer?
Adobe Flash Player: Web-Technologie vor dem Aus?

Adobe Flash Player: Web-Technologie vor dem Aus?

Kaum ein Software-Standard im Netz ist so umstritten wie Adobes Flash-Format. Das belegt schon ein kurzer Blick ins SPIEGEL-ONLINE-Forum. "Flash ist so überflüssig wie ein Buckel. Ein Sicherheitsloch obendrein", heißt es da unter anderem. Die Gegenrede findet sich kurz darunter: "Flash ist ein sehr leistungsstarkes Plug-in, welches in der Lage ist, multimediale Inhalte interaktiv und ansprechend dem User zur Verfügung zu stellen."

Der Kampf um die Software gleicht einem Glaubenskrieg. Dabei ist Flash Alltag. Der Standard ermöglicht unterschiedliche Web-Anwendungen wie Videos, Musik, interaktive Grafiken, Browser-Games und blinkende Werbebanner.

Klingt nicht gerade spektakulär. Und dennoch spaltet Flash die Web-Gemeinde seit Jahren. Auf höchster Ebene wurde der Zank zwischen zwei mächtigen Kontrahenten ausgetragen: Auf der einen Seite der Konzern Adobe, der neben Grafik- und Videobearbeitungssoftware auch mit Flash-Lizenzen Geld verdient; auf der anderen Seite der jüngst verstorbene Apple-Chef Steve Jobs, der Flash jahrelang bekämpft hat.

Fotostrecke

Flash: Ein Multimedia-Player beherrscht das Web

Auf iPads, iPods und iPhones lief Flash noch nie - im Gegensatz zu Macs und nahezu jedem PC auf dem Planeten. Man habe es da mit einer "sterbenden Technologie" zu tun, hatte Jobs im Februar 2010 erklärt. In einem offenen Brief rief Jobs Adobe im April 2010 des selben Jahres dazu auf , sich doch lieber mit dem neuen Web-Standard HTML5 zu beschäftigen, der ähnliche Möglichkeiten bietet. Flash sei nicht offen, ein Batteriefresser, weise Sicherheitslücken auf und sei nicht für den Einsatz auf Touchscreens geeignet, klärte der damalige Apple-Chef auf.

Jetzt scheint Jobs den Kampf posthum gewonnen zu haben. Adobe   selbst hat bestätigt, dass Flash für mobile Geräte und auch für Unterhaltungselektronik wie Fernseher nicht mehr weiterentwickelt werden soll.

Im Blog-Eintrag, in dem Adobe das Ende von Flash für Mobilgeräte verkündete , finden sich Sätze, die von Jobs stammen könnten: "HTML5 läuft jetzt auf allen größeren Mobilgeräten, in manchen Fällen als einziger Standard. Das macht HTML5 zur besten Lösung, um Inhalte für den Browser auf allen mobilen Plattformen zu schaffen und zu präsentieren", heißt es an einer Stelle.

An dieser Entwicklung hat gerade Apple maßgeblichen Anteil. Noch immer sind 14,5 Prozent aller Smartphones rund um den Globus iPhones. iPads machen allein etwa zwei Drittel bis drei Viertel der weltweiten Tablet-Population aus. Mit schierer Marktmacht hat Apple über Flash gesiegt.

Nun also steht fest: Flash für Mobilgeräte wird einen langsamen Technologie-Tod sterben. Was aber bedeutet das für den Markt und vor allem für die Nutzer? Hier gibt es die Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Flash-Wende.

Wie viele Menschen benutzen den mobilen Flash-Player?

Genaue Zahlen zur Flash-Nutzung liegen nicht vor. Wohl aber Angaben aus Adobes Finanzbericht von 2010. Darin heißt es, vom Flash Player 10.1 seien schon im Jahr seiner Einführung zehn Millionen Kopien entweder auf Smartphones ausgeliefert oder von Smartphone-Usern heruntergeladen worden. Für 2011 erwartete das Unternehmen, rund 60 Millionen Exemplare von Flash for Mobile über Geräteanbieter und Downloads verteilen zu können. Aber, wie gesagt: nicht auf Apple-Geräte.

Wie viel Geld hat Adobe mit Flash verdient?

Der Flash-Player wird in Adobes Jahresbericht nicht separat ausgewiesen, sondern innerhalb des sogenannten Platform-Segments aufgeführt. Genaue Angaben über die wirtschaftliche Bedeutung der Software für das Unternehmen gibt es also nicht.

Der gesamte Plattform-Bereich verbuchte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 180 Millionen Dollar. Viel Geld - könnte man meinen. Allerdings lag Adobes Gesamtumsatz bei 3,8 Milliarden Dollar. Entsprechend überschaubar dürfte der Flash-Anteil ausfallen.

Um seine Existenz muss Adobe also nicht fürchten, finanzielle Einbußen drohen dennoch - zumal der Umsatz der Platform-Sparte seit 2008 um gut ein Fünftel zurückgegangen ist. Im Finanzbericht 2010 erklärt das Unternehmen, die zunehmende Zahl an Downloads der mobilen Flash-Software werde einen bedeutenden Anteil an künftigen Umsätzen des Bereichs ausmachen. Davon kann nun keine Rede mehr sein.

Was muss Adobe nun tun?

Den Bekenntnissen zu HTML5 müssen bei Adobe jetzt Taten folgen. So wie der Software-Konzern es geschafft hat, Tausende Entwickler auf seine Seite zu ziehen, indem er leicht bedienbare Entwicklungssoftware für Flash-Inhalte anbot, muss er jetzt Werkzeuge für HTML5-Entwickler anbieten.

Bisher hat Adobe Experten zufolge in diesem Bereich kaum überzeugende Produkte anzubieten. Wenn es mit den angekündigten Investitionen aber gelingt, ähnlich intuitive Tools für HTML5 zu entwickeln, wie es sie von Adobe für Flash gibt, könnte das Unternehmen zu der HTML5-Firma werden.

Was bedeutet das für Android-Geräte?

Kurzfristig haben Android-Nutzer nichts zu fürchten. Vorläufig können Smartphones und Tablets mit dem Google- Betriebssystem weiter mit dem aktuellen Flash 10.1 ausgeliefert werden. Das könnte sich mit zukünftigen Android-Versionen allerdings ändern, wenn diese nicht mehr mit dem jetzt aktuellen Flash kompatibel sein sollten. Anpassungen an kommende Android-Varianten wird es nach Adobes Ankündigung nicht mehr geben.

Für die Hersteller solcher Geräte wirft das Ende von Mobil-Flash noch ein ganz anderes Problem auf. In vielen Anzeigen und Werbespots wird gerade die Fähigkeit hervorgehoben, dass diese im Gegensatz zu Apple-Produkten Flash-Inhalte wiedergeben können. Auf dieses Werbeargument werden die Hersteller künftig verzichten müssen.

Was bedeutet das für HTML5?

Dass Adobe mehr Ressourcen und Geld in den freien Web-Standard HTML5 investieren will, hat das Unternehmen schon mehrfach angekündigt. Zuletzt erklärte Shantanu Narayen, Präsident und CEO von Adobe, er wolle die Investitionen im Bereich HTML5 verdoppeln. Dass sein Konzern jetzt auch noch das mobile Flash abgekoppelt hat, um sich ganz dem neuen HTML-Standard zu widmen, ist da nur konsequent.

Und Adobe ist nicht allein mit seinen Plänen. Einem Bericht von "ZDNet" zufolge will angeblich auch Microsoft seine Bemühungen um den Flash-Konkurrenten Silverlight einstellen. Auch das wäre schlüssig, hat das Unternehmen doch längst angekündigt, künftig HTML5 als plattformübergreifende Lösung zu unterstützen.

Was bedeutet das für Anwender?

Kurzfristig ändert sich nichts. Besitzer von Apple-Mobilgeräten können sich weiterhin an Flash-basierten Inhalten im Web stoßen und sich ausgeschlossen fühlen. Besitzer von Android- Handys und anderen Flash-tauglichen Produkten werden dagegen weiterhin Flash-Seiten nutzen können.

Langfristig aber bedeutet Adobes Abkehr vom mobilen Flash, dass immer mehr Multimedia-Inhalte im Netz für HTML5 optimiert werden. Die weitaus meisten Endanwender werden davon bewusst kaum etwas bemerken. Mobile Webbrowser sind heute in der Regel kompatibel zu HTML5, werden die neuen Inhalte also einfach darstellen, ohne dass man dafür selbst aktiv werden muss.

Letztlich wäre der flächendeckende Wechsel zu HTML5 ein Gewinn für alle - denn ein offener, einheitlicher Standard ist am Ende gut für Nutzer, Entwickler und Hardware-Hersteller.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.