Web-Start-ups New York wird zum Silicon Apple

Der einzig wahre Standort für aufstrebende Start-ups war lange Zeit das Silicon Valley. Eine neue Generation von Gründern bringt diese Tradition ins Wanken: Sie zieht New York der kalifornischen Sonne vor - und hält Mode, Konzerte, Kneipen für wichtige Tech-Impulsgeber.

AFP

Von Thomas Escher


" New York ist definitiv das neue Silicon Valley", darin besteht für David Lifson kein Zweifel.

Der Gründer der Social-Media-Plattform Postling weiß die Vorzüge der Metropole zu schätzen. "Im Silicon Valley dreht sich alles um Technologie. Da verliert man schnell den Realitätsbezug. Hier lebe ich Tür an Tür mit dem durchschnittlichen Anwender. Das ist ein elementarer Vorteil", sagt der Endzwanziger. Mit dieser Meinung ist Lifson keineswegs allein. (Die Bilderstrecke stellt Köpfe und Konzepte der neuen New Yorker Tech-Szene vor.)

Auch Jeremy Fisher, kreativer Kopf des Restaurantradars Dinevore, entschied sich bewusst gegen Kaliforniens Technologie-Mekka. Obwohl er jahrelang als Investmentbanker für Morgan Stanley im Silicon Valley gearbeitet hat. Oder gerade deswegen: "Mit hundert Millionen Dollar Startkapital in der Tasche ist das Valley ein Paradies für jedes Web-Start-up" sagt Fisher und lacht. "Aber als Ein-Mann-Veranstaltung ohne Team und Infrastruktur bietet New York weitaus bessere Erfolgschancen."

New York ist der neue Hotspot für Start-ups

Seit dem jähen Ende der Dotcom-Blase nach der Jahrtausendwende ist New York als Standort für junge Technologie-Start-ups rehabilitiert. Nicht zuletzt die Erfolgsgeschichten von Etsy (Handarbeits-Verkaufsplattform), Tumblr (Blog-Community) und Vimeo (Videoplattform) haben zu dieser positiven Entwicklung beigetragen. Zwischen 2009 und 2010 hat sich die Start-up-Szene New Yorks mit 150 Neugründungen nahezu verdoppelt, schätzt Kareem Kouddous, Initiator des Interessenverbands "NYC Lean Start-ups" und Mitbegründer der Kollaborationsplattform Crowdtap.

Auch Venture-Capital-Investoren gewinnen mehr und mehr das Vertrauen in die Stadt als Technologiestandort zurück: "Die Geschäftsmodelle vieler New Yorker Start-ups sind so vielversprechend wie die der besten Start-ups im Silicon Valley", sagt Ron Conway, seinerzeit einer der ersten Kapitalgeber von Google, Facebook und Paypal. Nach Conways eigenen Angaben verteilt sich knapp ein Fünftel seines gesamten Wagniskapitals mittlerweile auf Unternehmen an der Ostküste. Damit hat sich der Wert seit 2009 nahezu verdoppelt. Conway ist überzeugt: "New York ist der neue Hotspot für Web-Innovationen." Ein Indiz dafür liefern auch die Zahlen der "National Venture Capital Association." Der Interessenverband US-amerikanischer Anleger weist für New York im vergangenen Jahr 350 Investments im Wert von insgesamt 1,9 Milliarden Dollar aus. Zum Vergleich: 2005 brachten Finanzinvestoren mit 188 Investments gerade mal halb so viele Geschäfte zum Abschluss.

"Es gibt keinen besseren Standort um schnell Produktinnovationen zu testen"

Gemessen an der Summe des investieren Wagniskapitals liegt New York hinter dem Silicon Valley und Boston weiter auf Platz drei. Doch das könnte sich bald ändern. Denn mit der rasanten Entwicklung mobiler Webservices rückt ein latenter Standortvorteil New Yorks weiter in den Mittelpunkt: die schiere Größe der Stadt. Gerade für Applikationen, die sich direkt an den Endverbraucher richten, ein kritischer Faktor.

"Es gibt keinen besseren Standort, um schnell Produktinnovationen zu testen", erklärt Steve Martocci, einer der beiden Gründer von GroupMe. Gemeinsam mit seinem Partner Jared Hecht eröffnete der 28-Jährige im September vergangenen Jahres einen Service, der SMS-Chats mit beliebig vielen Teilnehmern erlaubt. GroupMe ist ein Werkzeug zur schnellen Absprache unter Freunden und damit ideal für die spaßhungrigen Yuppies der Metropole. "Unsere Nutzer sind jeden Abend auf Konzerten und in Clubs unterwegs. Dadurch können wir tagesaktuell neue Features testen und verbessern." Und Martoccis Konzept geht auf. Nach nur einem halben Jahr handelt GroupMe bereits täglich ein SMS-Volumen von über einer Million Nachrichten und ist damit auf einem guten Weg, an die Erfolgsgeschichte des Lokalmatadors Foursquare anzuknüpfen.

Auch Kareem Kouddous ist davon überzeugt, dass New York mittelfristig zu einem Zentrum für die Entwicklung mobiler Webservices wird. Für Kouddous ist neben der reinen Größe der Stadt vor allem die geografische Nähe zur Medien- und Modeindustrie ein entscheidender Pluspunkt: "Die Mode- und Kommunikationsbranche sind nach wie vor in einem elementaren Umbruch. Damit bieten die Branchen sehr viel Spielraum für Subdienstleister mit neuen Angeboten und Geschäftsmodellen." Allerdings weiß der 34-jährige Computerwissenschaftler auch um die Probleme der Start-up-Szene New Yorks. Vor allem der Mangel an guten Software-Entwicklern macht vielen Gründern zu schaffen. Sehr viele talentierte Programmierer aus den Edelschmieden des M.I.T. zieht es nach wie vor nach Kalifornien. Außerdem sind die Lebenshaltungskosten in New York exorbitant. Für junge Unternehmer ohne kalkulierbares Einkommen nicht selten ein K.-o.-Kriterium.

Die Stadt reagiert auf die Bedürfnisse der Start-ups

Auch die Stadt weiß um diesen Standortnachteil und reagiert darauf. Vergangenen Monat eröffnete Bürgermeister Michael Bloomberg die " General Assembly", eine Akademie für junge Unternehmensgründer. Das Konzept: ein offener Campus, der neben der reinen Wissensvermittlung in Design und Web-Technologie auch subventionierte Büroarbeitsplätze zur Verfügung stellt. "Unser Modell basiert auf dem ständigem Wissensaustausch der Akademieglieder", erklärt Adam Pritzker. "Mit der General Assembly schaffen wir ein Umfeld, in dem sich die Mitglieder gegenseitig helfen und inspirieren."

Der Mitbegründer der Akademie überzeugte mit seiner Idee nicht nur die Investoren der Stadt. Neben Skype ist mit IDEO auch eine der weltweit anerkanntesten Designagenturen im Boot. Über eine mangelnde Nachfrage kann sich Pritzker ebenfalls nicht beklagen. Bereits vier Wochen nach dem offiziellen Start ist die Akademie mit 15 Unternehmen fürs Erste ausgebucht. Auch Jeremy Fisher von Dinevore hat einen der begehrten Arbeitsplätze ergattert. Das Konzept des General Assembly reflektiert nach Meinung Fishers eins zu eins die Start-up-Szene New Yorks: "Jeder hilft jedem hier. Das macht die Gründerszene New Yorks so einzigartig. Außerdem", fügt Fisher schmunzelnd hinzu, "nach einer harten Arbeitswoche schreit mein Körper förmlich nach Entspannung. Und keine Stadt der Welt bietet ein besseres Nachtleben als der Big Apple."



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germanmade 12.03.2011
1. New York ist wieder attraktiv
Das dürfte gutes Material sein, um einigen deutschen Entrepreneurs die zündende Idee zur Unternehmensgründng in Deutschland zu geben. ;-) Gleichermaßen ist es für mich als deutscher Technologieunternehmer in New York sehr interessant zu beobachten, dass immer mehr Deutsche Unternehmensgründungen in New York wagen - New York und die USA sind wieder sexy! Hier geht es richtig ab. Ich hätte in dem Artikel diese Seite der Technologiestartups gern näher beleuchtet gesehen. Für deutsche Unternehmer in New York habe ich letzten Herbst eine Meetup-Gruppe ins Leben gerufen: German Entrepreneurs in New York. Die Gruppe erfährt regen Zulauf und auch alteingesessene Hasen schwärmen von der "neuen deutschen Welle". Bei Interesse gern bei mir melden: sebastian@germanma.de. S. Reichelt
frank_lloyd_right 13.03.2011
2. berstende kreativitaet -
nur sollte man nicht den fehler machen, soziale medien, eine unterfunktion des web 3.5, mit den pionieren des silicon valley zu vergleichen, die echt noch programmieren konnten und technische innovationen am start hatten. diese jungs hier stoppeln doch bloss noch php-scripts zusammen und starten dann etwas marktschreierei.
frnzwltr 13.03.2011
3. Birchbox schon kopiert
Zitat von germanmadeDas dürfte gutes Material sein, um einigen deutschen Entrepreneurs die zündende Idee zur Unternehmensgründng in Deutschland zu geben. ;-) Gleichermaßen ist es für mich als deutscher Technologieunternehmer in New York sehr interessant zu beobachten, dass immer mehr Deutsche Unternehmensgründungen in New York wagen - New York und die USA sind wieder sexy! Hier geht es richtig ab. Ich hätte in dem Artikel diese Seite der Technologiestartups gern näher beleuchtet gesehen. Für deutsche Unternehmer in New York habe ich letzten Herbst eine Meetup-Gruppe ins Leben gerufen: German Entrepreneurs in New York. Die Gruppe erfährt regen Zulauf und auch alteingesessene Hasen schwärmen von der "neuen deutschen Welle". Bei Interesse gern bei mir melden: sebastian@germanma.de. S. Reichelt
...schon geschehen. Die Birchbox wurde zum Beispiel gerade kopiert - der deutsche Klon heißt Glossybox: http://www.i-dex.de/mydex/glossybox
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