Netzkonferenz in Lissabon So will Tim Berners-Lee das Web retten

Er hat das World Wide Web erfunden. Heute sagt Tim Berners-Lee: Das offene und freie Web ist in Gefahr, höchste Zeit für eine Rettungsmission. Aber für die braucht er Hilfe.
Tim Berners-Lee

Tim Berners-Lee

Foto: JOSE SENA GOULAO/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

"Niemand kennt seinen Namen", heißt es zum Pfeil, der im Video auf den Kopf von Tim Berners-Lee zeigt. Die Szene ist das Ende eines kurzen Vorstellungsclips, der am Montagabend auf dem Web Summit  in Lissabon läuft. Auf der größten Tech-Konferenz Europas mit rund 70.000 Teilnehmern kann sich Berners-Lee solche Selbstironie erlauben.

Als er nach dem Ende des Videos die Bühne betritt, gibt es sofort Standing Ovations in der riesigen Arena. Die folgenden Redner, immerhin Uno-Generalsekretär António Guterres und Portugals Premier António Costa, werden weit weniger beklatscht.

Vom Erfinder des World Wide Web (WWW) aber - das ist Berners-Lee -, ist der Saal begeistert. Milliarden Nutzer profitieren in ihrem Alltag von seiner Pionierarbeit. "Wir haben Katzenbilder und Wikipedia bekommen", beschreibt er die Vorzüge des WWW heute scherzhaft.

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Aber seine Idee eines offenen und freien Webs für alle scheint zunehmend bedroht. Berners-Lee ist nach Portugal gekommen, um dafür zu kämpfen, dass seine Erfindung nicht untergeht, nicht entstellt wird durch Überwachungstechnologien, datenhungrige Tech-Konzerne und Fake-News-Probleme. In Lissabon stellt er dazu das jüngste Projekt der 2009 von ihm gegründeten Web Foundation vor. Es heißt: #ForTheWeb.

Globaler Gesellschaftsvertrag für den digitalen Raum

Dazu muss man wissen: Das WWW ist nur ein Teil des Internets, die Begriffe sind keine Synonyme. Das WWW ist eine von mehreren Nutzungsmöglichkeiten des Internets, eine andere ist zum Beispiel E-Mail. Wichtige Bausteine des WWW sind Browser wie Chrome oder Firefox, URL-Adressen wie www.spiegel.de und Links, die auf neue Inhalte im Web weiterleiten. Berners-Lee hat sich diese Struktur vor rund 30 Jahren ausgedacht.

#ForTheWeb soll nun ein globaler Gesellschaftsvertrag für den digitalen Raum werden. Regierungen, Firmen und einzelne Nutzer sollen sich auf grundlegende Ziele und Prinzipien verständigen. Bis Mai 2019 soll das Regelwerk stehen, eine Art Magna Charta des WWW, wie Berners-Lee sie in der Vergangenheit schon gefordert hatte.

Berners-Lee treibt ganz grundsätzliche Kritik an seiner Erfindung um, beschrieben auch im Positionspapier von #ForTheWeb:

  • Zugang: Über die Hälfte der Weltbevölkerung hat immer noch keinen Internetzugang. Besonders häufig sind Frauen abgeschnitten von den Chancen, die das WWW bietet.
  • Kontrolle und Überwachung: Regierungen versuchen zunehmend, den Zugang zum WWW zu regulieren oder ihn zu nutzen, um Bürger auszuspähen.
  • Machtkonzentration: Milliarden von Nutzern erleben das WWW allein durch die Nutzung einer Handvoll Dienste. Google ist als Suchmaschine übermächtig und für Milliarden Nutzer das einzig relevante Fenster ins Netz. Amazons Infrastruktur ist für Cloud-Anbieter weltweit unersetzlich, fast die Hälfte aller Cloud-Angebote weltweit läuft auf Servern der Firma. Facebook und das zu Facebook gehörende WhatsApp haben Milliarden von Nutzern - eine starke Zentralisierung.

Diese Probleme wirken so fundamental, dass es fast naiv scheint, dass Berners-Lee mit einem unverbindlichen, freiwilligen Regelwerk dagegen angehen will. Wie der Vertrag durchgesetzt werden soll, erklärt Berners-Lee nicht: Er setzt auf den guten Willen der Beteiligten. Sie sollen erkennen, was gut ist für die Welt und was nicht - und entsprechend handeln.

Bühne in Lissabon

Bühne in Lissabon

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"Das Web muss nicht so sein"

Zugleich ist Berners-Lee eine der wenigen Stimmen, die überhaupt nach einem Gegenentwurf fürs aktuelle WWW suchen oder versuchen, ihn konkret auszuformulieren. "Jeder Einzelne ist dafür verantwortlich, das Web zu einem besseren Ort zu machen", sagt Berners-Lee in Lissabon. "Das Web muss nicht so sein."

Im Hintergrund arbeitet Berners-Lee nicht nur an einem programmatischen Gegenentwurf, sondern will auch die Technik bereitstellen: Seit Jahren bastelt der WWW-Vater an einem Open-Source-Projekt namens Solid (mehr dazu hier). Es soll Grundlage für ein WWW werden, in dem Nutzer die Kontrolle über ihre Daten behalten.

Das Internet als demokratisches Gemeinschaftsprojekt - dieser Gedanke von #ForTheWeb dürfte vielen Nutzern ohnehin ziemlich fremd sein, trotz der innigen Beziehung, die sie zum Netz hegen. Dabei ist das Web so verwoben mit dem Alltag, dass die alte Unterscheidung zwischen digital und analog, offline und online, für viele Menschen den Sinn verloren hat.

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25 Jahre WWW: Wie das WWW erfunden wurde

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Alles hat sich verändert

Als Physiker Berners-Lee vor gut 30 Jahren am Kernforschungszentrum CERN arbeitete, sah das noch ganz anders aus: Im Jahr 1989 schreibt Berners-Lee ein Papier mit dem bescheidenen Titel "Informationsmanagement - ein Vorschlag". Er will das Informationschaos am CERN eindämmen.

Daraus entwickelt sich der erste Browser und schließlich die Infrastruktur des heutigen WWW. Am 6. August 1991 lädt Berners-Lee die Netzöffentlichkeit ein, den ersten öffentlich zugänglichen Webserver zu besuchen. Erst damit beginnt die Geschichte des Web: Gab es damals zunächst eine Website, sind es heute rund zwei Milliarden, rund 200 Millionen davon sind noch aktiv . Das mobile Internet und Smartphones haben das Nutzungsverhalten komplett verändert  - und stark intensiviert.

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oldweb.today: Zeitreise in das Netz der Neunziger

Wie aber sieht Berners-Lees Vorstellung vom idealen WWW aus? Die #ForTheWeb-Initiative soll von den Vorschlägen einzelner Nutzer auf der ganzen Welt leben. Sie sollen sich in der kommenden Projektphase einbringen.

Einige Grundprinzipien für einen neuen Internet-Gesellschaftsvertrag haben die Macher um Berners-Lee aber festgelegt:

  • Regierungen müssen allen Bürgern dauerhaft Zugang zum Netz ermöglichen. Außerdem müssen sie die Privatsphäre der Nutzer achten und dürfen das Netz nicht als Überwachungsinstrument missbrauchen.
  • Firmen müssen sich mit bezahlbaren Angeboten an alle Nutzer richten. Ihre Angebote dürfen Nutzer nicht ausspähen und sie zu schlechtem Verhalten verleiten.
  • Nutzer müssen sich daran erinnern, nicht nur zu konsumieren, sondern auch Inhalte im Netz zu gestalten. Es gilt, eine gute Diskussionskultur zu wahren und das Netz gegen Gefahren zu verteidigen.

Erste Unterstützer für sein neues Projekt hat Berners-Lee bereits gefunden. Die französische Regierung ist mit dabei, genau wie zwei Firmen, deren Machtfülle er für problematisch hält: Facebook und Google. Wie genau ihr Beitrag zu #ForTheWeb aussehen wird, ist noch nicht bekannt.