Web-Videos Die Halbwertzeit der Eintagsfliegen

Video kills the Videostar: Der Hype um Online-Filmchen wird immer größer. Millionen sehen, sammeln und versenden die oft skurrilen Web-Clips - doch an den Menschen, die sie machen, besteht kaum Interesse.

Von


Was macht eigentlich Gary Brolsma?

Wer das für eine völlig unverständliche Frage hält, hat in den letzten zwei Jahren nicht viel unternommen im World Wide Web. Brolsmas rasend komisches Lippenbekenntnis zu "Numa Numa" (siehe Video) gehört fraglos zu den meistverbreiteten Web-Inhalten überhaupt. Er zählt seit Dezember 2004 zu den prominentesten je über das Web bekannt gewordenen Personen. Wenn man so will, ist Brolsma ein Star.

So wie Ghyslain Raza alias "Star Wars Kid", der sich Stockschwingend in Yedi-Manier vor laufender Kamera zum Affen machte. Pech für ihn, dass Schulkameraden das Video im April 2003 online stellten: Raza wurde zu einem Web-Prominenten mit weltweiter Reichweite. Genauer gesagt wurde er zu einer weltweiten Witzfigur: Der von Ghyslains Eltern daraufhin angestrengte Prozess gegen die Schulkameraden wurde erst Anfang dieses Jahres eingestellt, Ghyslain in einem außergerichtlichen Vergleich für seine bis heute erlittene Demütigung mit einer Summe in unbekannter Höhe entschädigt. Vom Tisch ist das Thema damit noch immer nicht: Jede nachwachsende Generation von Web-Neunutzern entdeckt die lustigen Ikonen der Web-Kultur aufs Neue.

Darum lebt der Ruhm von Star Wars Kid und Gary Brolsma, von Hamsterdance und Ellen Feiss, von Dancing Baby und All your Base fort. Obwohl solche Internet-Phänomene, bei denen Bilder, Videos oder mitunter auch nur Texte sich in Windeseile per E-Mail und Link-Empfehlung um die Welt verbreiten, letztlich in der Tradition des Büro-Blödel-Faxes stehen, zeichnen sie sich durch eine wachsende Lebensdauer aus.

Denn neben all den schrillen, neuen Filmchen, die dort täglich erscheinen, halten sich auch die ollen Kamellen ganz wacker. Kein Wunder, bei YouTube und Google Video entdecken gerade Hunderttausende die Videos, die sie in den letzten sieben Jahren verpasst haben. Das kumuliert dann unter dem Strich zu Reichweiten, von denen TV-Sender nur noch träumen können.

Auf diesen anhaltenden Erfolg springt dann auch die Londoner Werbeagentur The Viral Factory gerne auf und wagt es, den Daumen so mutig wie werbewirksam in den Web-Wind zu halten: In den "Viral Charts" der von der Agentur ausgemachten erfolgreichsten Web-Videos aller Zeiten stehen Star Wars Kid und Brolsma natürlich ganz weit oben. Erster, behauptet die Agentur, sei über 900 Millionen Mal heruntergeladen worden, Brolsma bringe es immerhin auf 700 Millionen Downloads.

Das mag sein, vielleicht aber auch nicht: Natürlich sind solche Zahlen wie immer Schätzungen ohne jede bekannte Zahlenbasis und jede Top-10-Liste im Web fällt anders aus. Kein Wunder: Die Kapazität, den Web-Verkehr wirklich zu erfassen und zu Überwachen trauen manche allenfalls den Elektronik-Schnüfflern der amerikanischen NSA zu - und die streitet das ab. Unstrittig dürfte hingegen sein, dass die Zahl der Star-Wars-Kid- und Numa-Numa-Downloads tatsächlich in den vielfachen Millionenbereich geht.

Außer Lachern nichts gewesen

Wovon die Stars und Urheber solcher "Web-Fads" selbst am wenigsten haben. Gefragt sind nämlich in aller Regel nur die Originale: Weder Parodien, Trittbrettfahrer noch freiwillige Fortsetzungen durch die ursprünglichen Web-Stars waren bisher je von so viel Erfolg gekrönt, wie die ursprünglichen Filme. Interessant ist nur das Produkt, nicht der Macher.

Mahir, 1999 zum Archetypus des unfreiwilligen Web-Stars gewordener türkischer Homepage-Betreiber ("WELCOME TO MY HOME PAGE ! I KISS YOU !"), suchte soeben den Weg zurück in die Medien: Und zwar indem er sehr laut darüber nachdachte, den Komiker Sacha Baron Cohen entweder zu verklagen oder seine Entschuldigung dafür zu akzeptieren, dass dieser mit seiner Borat-Figur Mahir nachgemacht habe. Das riecht nach der Verzweiflung eines Ex-Promis, der das Casting für Dschungelcamp, perfektes Promi-Dinner oder ähnliches Ex-Star-Recycling nicht gepackt hat. Den Erfolg seiner originalen Dilettanten-Webseite kann er nicht wiederholen. Die ist, was sie ist - und nur im Urzustand glaubwürdig.

Was zur Eingangsfrage zurück führt: Was macht eigentlich Gary Brolsma?

Nachdem er sich längere Zeit im Sinne des Wortes versteckt hielt, mit Medienvertretern nicht reden wollte und die ihn auslachende Öffentlichkeit scheute, versucht er mittlerweile, Profit aus seinem Web-Ruhm zu schlagen. Längst betreibt Brolsma eine eigene Webseite, und eine neue Version eines Numa-Numa-Videos sollte an alte Erfolge anknüpfen.

Vergeblich, denn an Stelle der unfreiwilligen Komik, an Stelle des ganz originären Dilettantismus bietet Gary Brolsma sich nun nur noch selbst an - und wer will schon Gary Brolsma sehen? Gefragt bleibt nur das, was man einst für eine Eintagsfliege hielt: Das unfreiwillig veröffentlichte Video eines pubertären Jungen, der sich im Web vor Millionen von Menschen zur Witzfigur machte. Das ist längst ein Klassiker der Web-Kultur, der es auch in zehn Jahren noch zu Video-Charts-Notierungen bringen mag. Der Star aber ist der Film, nicht der gezeigte Mensch.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.