Web-Visionär Jarvis "Staatshilfe für Verlage? So eine Idee ist absurd"

"Dieses Jahr wird eine echte Wende bringen": Der Medienexperte Jeff Jarvis sagt ein massenhaftes Zeitungssterben in den USA voraus. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, welche Zukunft er in Zeiten von Twitter und Google News für echten Journalismus sieht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich heute Morgen informiert, was in der Welt los ist?

Jarvis: Ich habe meine Twitter-Nachrichten angeschaut und mehrere Websites besucht. Aber meine Frau mag immer noch die gedruckte Fassung der "New York Times" - und auf der Titelseite unserer Lokalzeitung habe ich gesehen, dass es einen Schweinepest-Fall in unserer Heimatstadt in New Jersey gibt. Das hat mich natürlich interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht gerade ein Beispiel dafür, dass Zeitungsrecherchen immer noch wichtig sind? Sogar in den USA, wo die Branche noch schlechter dasteht als in Europa?

Jarvis: Ich würde eher sagen, es ist ein Skandal, dass die Behörden nicht rasch online mehr Informationen über diesen Schweinepest-Fall zur Verfügung gestellt haben. Sie haben sich einfach noch nicht an den neuen Nachrichten-Rhythmus gewöhnt. Leute verlassen sich heute nicht mehr auf die Medienorganisationen, um ihre Nachrichten zu bekommen. Die Online-Generation denkt: Wenn die Nachricht wirklich wichtig ist, findet sie mich schon. Mein Sohn hat noch nie eine Zeitung abonniert, er bekommt seine Nachrichten über Facebook, über Twitter, von Freunden. Von Leuten also, denen er vertraut.

SPIEGEL ONLINE: Was bleibt aus Ihrer Sicht noch für Zeitungen?

Jarvis: Das Informationsgeschäft wird schwierig, weil es einfach so viel davon umsonst online gibt. Aber sie könnten sehr erfolgreich beim Sammeln und Ordnen dieser Informationen sein - indem sie einfach das Beste zusammentragen, das im riesigen Netz zu finden ist. Sie könnten ihre starken Marken nutzen, um das eleganter zu organisieren und neue Märkte zu erschließen. Die "New York Times" hat etwa gerade Journalismusstudenten von mir in New York angeheuert, damit die online über ihre Freunde oder ihre Gegend berichten. Das ist der richtige Ansatz. Die etablierten Medien müssen mit Bloggern oder mit sozialen Netzwerkseiten aktiv zusammenarbeiten. Auf meinem Blog verlinke ich auch auf Google News oder Google Maps. Innovative Zeitungen wie der britische "Guardian" sind sehr offen für Kooperation. Sie stellen alle ihre Angebote online zur Verfügung, sie verlinken zu allen möglichen Angeboten - und erhalten im Gegenzug mehr Links für ihre Seite.

SPIEGEL ONLINE: Aber Verlagshäuser haben es bislang kaum geschafft, diese vielen Links auch in Einnahmen zu verwandeln.

Jarvis: Die Online-Revolution bringt ja erst einmal gewaltige Ersparnisse. Verleger müssen etwa bald nicht mehr für die teuren Druckerpressen oder Lastwagen bezahlen, um ihre Produkte auszuliefern. Sie werden auch mit viel kleineren Redaktionen auskommen. Start-ups können echte Nachrichtengemeinschaften mit wenig Geld schaffen, wenn sie die Art der Kooperation praktizieren, die ich beschrieben habe. Und es gibt viele neue Optionen. Etwa die eines hyperlokalen Journalismus-Ansatzes, der sich ganz auf die Nachbarschaft konzentriert. Oder echte Journalismus-Netzwerkseiten, auf denen Blogger aktiv sein können, aber daneben auch Freiwillige oder Journalisten, die von Stiftungen gefördert werden. Doch wir schauen uns auch an, ob das alte Modell - Geld für Inhalte - noch funktionieren kann im Digitalzeitalter.

SPIEGEL ONLINE: Kann es denn? Bislang scheint es fast unmöglich, Leser online bezahlen zu lassen.

Jarvis: Es gibt einfach eine Unmenge Nachrichten kostenlos im Netz. Die alten Monopole der Medienunternehmen werden also nicht zurückkommen, und die Gewinnspannen auch nicht. Ich höre oft von Medienmanagern, die Leute sollten doch für die Inhalte im Netz bezahlen müssen. Von dem emotionalen Ansatz müssen sie sich lösen. Es geht nicht darum, wer bezahlen sollte - es geht um schlichte Ökonomie. Als die "New York Times" ihre Online-Inhalte kostenlos freischaltete, stiegen die Besuche auf der Seite um 40 Prozent an. Man wird für diese Besucher nie dieselben Anzeigenpreise verlangen können wie einst für Print-Ausgaben. Aber man kann sie nutzen, um auf andere Weise Geld zu machen. In Deutschland verdient Axel Springer etwa viel Geld mit Merchandising im Netz. Die "Bild"-Zeitung hat gerade 21.000 Videokameras an ihre Leser verkauft. Diese nutzen die jetzt, um Leserfotos an die Zeitung zu schicken, es ist also ein interaktiver Ansatz.

SPIEGEL ONLINE: Manche fordern Staatshilfen für Print-Produkte. Andere schlagen eine Grundgebühr auf Computer- oder Handyverkäufe vor - weil die Internet-Angebote dieser Geräte ohne die kostenlosen Medienangebote viel weniger spannend wären.

Jarvis: Das kommt mir vor, als warte man auf den edlen Ritter, der die Industrie rette. Verlagshäuser müssen sich einfach der neuen Konkurrenz stellen. Und wie sollte eine Regierung entscheiden, welche Print-Produkte sie unterstützen möchte und welche nicht? So eine Idee ist absurd.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selber lange als Print-Journalist gearbeitet. Fürchten Sie nicht einen Qualitätsverlust im Journalismus, wenn Leute sich für ihre Nachrichten auf den Online-Meinungschor verlassen? Manche Nachrichten finden eben nicht einfach ihren Weg zum Leser - Journalisten müssen sie mühselig ausgraben. Das dauert und kostet.

Jarvis: Zumindest in den USA haben uns wegen der Größe des Landes lange nationale Meinungsstimmen gefehlt. Diese vielen neuen Stimmen online waren also eine echte Bereicherung. Und seien wir doch mal ehrlich: Welcher Teil der Medien-Ressourcen ist bislang wirklich in investigativen Journalismus geflossen? Ein winziger Anteil. Außerdem passiert auch in diesem Bereich viel online. Schauen Sie sich nur Web-Seiten wie TalkingPointsMemo oder die "Huffington Post" an - die gerade eine große Spende erhalten hat, um genau solchen investigativen Journalismus stärker zu verfolgen. Auch Redakteure der "Washington Post" haben mir erzählt, dass sie härter denn je recherchieren, weil sie online herausstechen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wann wird das letzte Printprodukt in den USA erscheinen?

Jarvis: Ich mag Print-Erzeugnisse, aber ihr Geschäftsmodell klappt einfach nicht mehr. Dieses Jahr wird eine echte Wende bringen. Immer mehr Zeitungen werden entweder zumachen oder nur noch online erscheinen. Der legendäre US-Anleger Warren Buffett hat gerade gesagt, er werde auf keinen Fall in Zeitungen investieren. Das sagt ein Mann, der im Aufsichtsrat der "Washington Post" sitzt. Warum sollte irgendjemand auch nur einen Pfennig in eine sterbende Branche investieren?

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz, Washington
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