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25. Oktober 2008, 11:19 Uhr

Web-Wahlkampf

Essen für den Wahlsieg

Von Tobias Moorstedt

Isst Barack Obama zu wenig Fleisch und zu viel Käse? Kulinarisches spielt eine wichtige Rolle im US-Wahlkampf - und zwar nicht nur, was die Diät der Kandidaten betrifft. Private Fressfeiern sind, dem Internet sei Dank, zu einem wichtigen Wahlkampfinstrument geworden.

Truthahn, Apple Pie und Freedom Fries - Staatsbürgertum ist in den USA nicht nur eine Frage des Gehirns, auch der Magen spielt eine große Rolle. Immer wieder und völlig ernsthaft wird etwa Barack Obama für seine Vorliebe für Brie, Rucola und das gute Glas Rotwein kritisiert. Er esse nicht genug rotes Fleisch und sei deshalb nicht in Kontakt mit dem roten (dem konservativen, echten) Amerika - das persönliche Menü als ein Indikator für den Grad des Patriotismus. Es sollte nicht verwundern, dass auch das Essen zum politischen Akt wird.

Web-Seite "Hungry 4 Obama": Nicht genug rotes Fleisch?

Web-Seite "Hungry 4 Obama": Nicht genug rotes Fleisch?

" Hungry 4 Obama" heißt ein neues Web-Projekt, mit dem man mit einigen Mausklicks ein Fundraising-Dinner organisieren und alle seine Freunde und Bekannte dazu einlanden kann. Jeder Teilnehmer, so das (Schneeball-)Prinzip, muss dann wiederum ein Fundraising-Dinner veranstalten. Die Menschen, so sagt man in Amerika, seien "Hungry for Change" und "Hungry 4 Obama" das richtige Projekt zur richtigen Zeit: Jedes Dinner, jeder Bissen hilft; je mehr Kalorien man zu sich nimmt, desto mehr unterstützt man seinen Kandidaten. Die US-Wahl ist für den wahren Aktivisten ein Grund, doch noch fett zu werden.

"Hungry 4 Obama" ist nur das aktuellste Beispiel, wie im Internet innerhalb kürzester Zeit eine Organisation entstehen kann. Immer deutlicher wird, dass das Web nicht nur ein weiterer Werbekanal ist, den die Wahlkampfstrategen in den Medienmix einfügen, sondern dass es sich um ein soziales Medium handelt: Menschen kommunizieren per E-Mail, Instant Messenger und Skype, reden, streiten, machen Deals. Web-Projekte wie "Hungry 4 Obama" werden meist von Einzelpersonen gegründet und erreichen innerhalb kürzester Zeit eine enorme Größe. Die Projekte geben den Menschen das Gefühl, dass sie teilhaben am politischen Prozess, dass sie etwas tun können, und wenn es nur auf der Mikroebene des eigenen Umfelds ist. Soziale Aktivität wird zum politischen Aktivismus.

"House Party Politics" nennt man diese Taktik in den USA: Moveon.org, die Mutter aller Online-Organisationen, veranstaltet regelmäßig "National Bakesales" für Kandidaten oder Kampagnen - Interessierte melden auf der Web-Seite, dass sie im Bereich der Postleitzahl XYZ ein Event organisieren könnten, Moveon schickt dann automatisch eine Einladung an alle Mitglieder in dieser Region (Moveon hat insgesamt drei Millionen Mitglieder). Bakesales sind eine Mischung aus Fundraising und Gemeinde-Event. Mit diesem einfachen Instrument finanzieren auch Highschool-Basketballmanschaften ihre Trikots und die örtliche Kirche das neue Dach. Moveon.org und "Hungry 4 Obama" repolitisieren diese uramerikanische Erfahrung.

Menschen im ganzen Land laden Fremde zu sich nach Hause ein, man diskutiert über Politik und isst Kuchen für den Frieden. Die politischen Partys sollen dafür sorgen, dass Politik nicht nur von Insidern gemacht wird, sondern wieder zu einem Teil des Alltags wird, so wie man früher auf dem Markt-, Kirchen- oder Sportplatz über die Verfehlungen des Bürgermeisters diskutierte.

"Hungry 4 Obama" organisierte innerhalb weniger Wochen mehr als 120 Veranstaltungen und nahm bislang weit mehr als 40.000 Dollar ein. Man könnte nun sagen, diese Summe sei zu vernachlässigen, wenn man in Betracht zieht, dass Obama allein im September mehr als 150 Millionen Dollar an Spenden eingenommen hat.

Man könnte aber auch sagen, dass es eigentlich schon ausreicht, dass Tausende Menschen bei den 120 Amateur-Fundraising-Events in Freundeskreis und Nachbarschaft mal nicht über Modeschauen, Autoersatzteile und das Mobbing im Büro gesprochen haben. Sondern über Politik, und darüber, was für eine Politik man sich eigentlich wünscht.

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