Web-Wanderführer Letzte Ruhe im Cyberspace

Es gibt nichts, was es nicht gibt. Auch und vor allem das Internet erweist sich mal wieder als Sammelsurium an Skurrilitäten. Online-Bestattungen sind offenbar ziemlich in, zum Teil auch richtig teuer. Dennoch: Das Web wird immer mehr zum Grab, und das nicht nur für Tier und Mensch.

Von Sascha Klein


Gräber: Nicht nur auf realen Friedhöfen wird bestattet
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Gräber: Nicht nur auf realen Friedhöfen wird bestattet

Verewigt in den Weiten des Raums - nein, die Rede ist nicht von einem Astronauten, der beim Ausstieg aus der Raumkapsel für immer im Weltall verschwindet. Vielmehr geht es um virtuelle Gräber im Cyberspace - von und für Menschen oder einen "tierisch treuen" Begleiter. Das Angebot ist reichhaltig und hat für jeden Geldbeutel etwas zu bieten, auch für den kleinsten.

Kostenlose Tierbestattung

Wer ein Tier verloren hat und ihm im Netz die letzte Ehre erweisen möchte, ist sicher bei Virtuellerfriedhof.de gut aufgehoben. Nicht nur, dass die Seite sehr dezent wirkt, sie kommt auch ohne störende optische Nebenwirkungen aus. Besonderer Pluspunkt: Der Service ist kostenlos - nun ja, ganz vielleicht nicht, aber der Obolus ist nicht zwingend. Die Macher bitten lediglich um eine Spende. Das Konzept scheint zumindest zum Teil aufzugehen: Der Online-Tier-Friedhof ist randvoll.

Trost nach dem Verlust des Tieres bietet der Comunity-Bereich: Mitglieder, die bereit sind, sich bei Virtuellerfriedhof.de nochmals einzuloggen, können ein Forum nutzen und so Kontakt zu anderen Tierliebhabern aufnehmen. Das ist auch bei regenbogenbruecke.com möglich. Auch dieser virtuelle Tierfriedhof ist kostenlos, optisch jedoch nicht mit Virtuellerfriedhof.de zu vergleichen.

regenbogenbruecke.com: Das Design ist nicht mehr up to date, die User stört's aber offenbar nicht.

regenbogenbruecke.com: Das Design ist nicht mehr up to date, die User stört's aber offenbar nicht.

Über Geschmack lässt sich streiten

Regenbogenbruecke.com wartet mit einem aparten Old-School-Design auf. Für einen Friedhof ohnehin etwas zu bunt, wird auch nicht auf verspielte technische Gimmicks verzichtet: Dass einige Klicks dabei soft zu einer Folgeseite blenden, darüber könnte man fast noch hinwegsehen - schlimm wird es jedoch, wenn am Mauszeiger beim Klick durch die Online-Gräber ein Rosenband baumelt. Hier wäre weniger sicher mehr gewesen. Dennoch: Die Resonanz auf das Angebot ist durchaus positiv, die Gräberliste sehr lang.

Voll auf der Esoterik-Schiene fährt Pet Cemetery - der Friedhof der Kuscheltiere, wie er sich selbst nennt. Vor dem Grab-Besuch gilt es aber zunächst, ein Klicklabyrinth zu überwinden - um dann vor der Frage zu stehen, wo das liebe Tier begraben liegt: im Olymp, in der Wüste oder an der Küste. Der Friedhof der Kuscheltiere unterscheidet nämlich nicht etwa nach Tierarten, sondern nach Bestattungsort. Die Auslastung der Gräberkapazität ist beachtlich. Besonders attraktiv könnte sich bei diesem Angebot vielleicht die große Auswahl an Grabsteinen auswirken.

Nichts für Pfennigfuchser

Eindeutige Verlierer im Kundenzuspruch scheinen die kostenpflichtigen Online-Tier-Bestatter zu sein. Bei Abschiednehmen.com sind bislang elf Gruften angelegt, dabei ist ein Grab zu fünf Euro noch relativ günstig. Auf nur acht Kunden bringt es Lieblingsruh.de - mit 28 Euro wird hier auch schon kräftiger zur Kasse gebeten. Etwas günstiger wird es, wenn Tierliebhaber gleich eine ganze Parzelle erwerben: 45 Euro für zwei Tiere plus einen satten Rabatt auf jedes weitere.

Ähnlich das Schicksal von Tierfriedhof.bighp.de: Hier ruhen gerade mal vier Katzen und ein Kleintier ungewisser Spezies. Warum kommt der Service nicht an? Weil die Navigation wegspringt und die Seite damit sehr benutzerunfreundlich ist? Weil das Design zum sofortigen Wegklicken animiert? Vielleicht liegt es aber auch schlicht und ergreifend an den finanziellen Forderungen: Von 21 Mark (etwa 10,74 Euro) bis 50 Mark (etwa 25,56 Euro) sind drei Preiskategorien aufgeführt. Dabei bieten die Friedhofsverwalter noch einen besonderen Service: Für einen geringen monatlichen Aufpreis liegt regelmäßig eine frische Blume auf dem Grab des lieben Tieres.

Für Menschen noch kostspieliger

Will man nicht einem Tier, sondern einem menschlichen Verstorbenen eine Grabstätte im WWW errichten, muss mitunter viel Geld investiert werden. Bei Dervirtuellefriedhof.de sind die Preise nach Umfang der Gedenkseite gestaffelt. Das "Einsteigermodell" - einer einfachen Print-Todesanzeige sehr ähnlich - ist noch umsonst. Wollen Hinterbliebene jedoch etwas mehr Service, zum Beispiel ein Foto, müssen sie in die Tasche greifen. Das so genannte Premiumpaket beläuft sich auf 300 Euro und bietet neben bis zu zehn Bildern, Hintergrundmusik und einer Menge Text auch interaktive Elemente wie Besucherzähler, Gästebuch oder zahlreiche Links. Doch damit ist die Spitze des Eisberges noch nicht erreicht: Individuelle Wünsche wie Audios oder Videos werden extra berechnet.

"requiescat in pacem": Andächtiges Äußeres aber hohe Preise.

"requiescat in pacem": Andächtiges Äußeres aber hohe Preise.

Abgeschossen wird der finanzielle Vogel aber sicher von "requiescat in pacem". Die Website sieht sehr ansprechend aus: Sie verzichtet auf unnötigen Schnickschnack und bunte Aufmachung, konzentriert sich voll und ganz auf die Andacht. Dennoch sind nur drei Gräber angelegt. Ein Blick auf die Preisliste könnte den Grund verraten: 700 Schweizer Franken (etwa 476,61 Euro) will der Betreiber für die einfache Version. Das ist jedoch noch nichts im Vergleich zum Spezialservice zu 3900 Schweizer Franken (2655,41 Euro) - nicht gerade ein Sonderangebot!

Dabei wird das Grab nur für die relativ kurze Zeit von einem Jahr bereitgestellt. Soll es länger bestehen, muss nachgezahlt werden. Und damit noch nicht genug: Features wie Kondolenzbuch oder Forum kosten hier extra, und das nicht zu knapp. Dennoch, "requiescat in pacem" wirkt sehr seriös und scheint dem ernsten Thema am ehesten Rechnung zu tragen.

Projekt gescheitert

Ein Versuch, Mensch und Tier auf demselben Friedhof zu bestatten, sollte offenbar Aeternam.de werden. Hier war der Zuspruch allerdings mehr als nur gering: Keine Seele, ob nun menschlich oder tierisch, hat auf dem Online-Friedhof von Dr. Martinus seine letzte Ruhestätte gefunden.

Woran lag es, fragt man sich: Die Preise bei Aeternam.de - übrigens noch immer in der guten alten Mark ausgelobt - sind nicht überzogen. Das System veranlasst jedoch zu einigem Rätselraten: Warum gibt es Einzel- und Jahrespreise? Ein spezieller Service für Vielsterber? Abschreckender als das Finanzielle wirkt bei Aeternam.de ohne Frage die optische Aufmachung, auch technisch lässt die Site viel zu wünschen übrig. Der Grund für das Scheitern könnte aber ein anderer sein: Sollte auch im Netz das ewige Nebeneinander von Mensch und Tier nicht funktionieren?

Wie dem auch sei, die Website ist offensichtlich auf keinerlei Nachfrage gestoßen. Selbst der Macher von Aeternam.de scheint das Interesse an seinem Friedhof verloren zu haben: Die letzte Aktualisierung datiert vom 19. Oktober 2000. Somit bleibt Aeternam.de wohl der einzige Verblichene, der auf Aeternam.de beigesetzt ist - irgendwie doch ein Selbstläufer. Im Netz entstehen in der Tat immer mehr Gräber - leider nicht nur von Mensch und Tier…



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