Web-Werbe-Revolution Nielsen zählt Minuten statt Klicks

Für die Netzwirtschaft könnte zu massiven Umwälzungen führen, was die Marktforscher von Nielsen gerade angekündigt haben. Sie wollen künftig nicht mehr in erster Linie Seitenaufrufe zählen, um das Gewicht eines Webangebotes zu bestimmen - sondern die Zeit, die Nutzer dort verbringen.


Google beispielsweise trifft die Änderung hart: Nach Seitenaufrufen gezählt, sind die Suchmaschinisten mit ihrem Angebot die drittstärkste Kraft im US-Netz. Nach Nielsens neuer Minutenzählung rutscht Google ab auf Platz fünf - die Nutzer kommen, suchen, finden und gehen wieder.

YouTube: Mehr Zeit, weniger Klicks

YouTube: Mehr Zeit, weniger Klicks

AOL dagegen profitiert mächtig von der Zeit-statt-Klicks-Zählweise: Weil der AOL Instant Messenger bei vielen ständig auf dem Desktop präsent ist und diese Zeit nun mitgerechnet wird, sammelte AOL im Mai allein in den USA 25 Milliarden Minuten ein und landet damit auf Platz eins der Rangliste. Nach Seitenaufrufen wäre AOL die Nummer Sechs gewesen.

Der Grund für Nielsens Wechsel von Klicks zu Surfzeit sind neue Webtechnologien: Seiten wie YouTube binden die Nutzer zwar lange - aber weil ein Video gewöhnlich ein paar Minuten dauert, bringt ein längerer Aufenthalt dort nicht notwendigerweise mehr Klicks - die aber werden bislang zugrundegelegt, wenn Werbung auf einer Seite gebucht wird.

Eine weitere wichtige Neuerung verändert unter dem Namen Ajax (für Asynchronous JavaScript und XML) schon seit einiger Zeit das Web: Sie ermöglicht Veränderungen auf Seiten, ohne dass ein neuer Seitenaufruf notwendig ist. Je nachdem, mit welcher Methode beispielsweise Community-Seiten arbeiten, hat das gravierende Einflüsse auf die Zugriffszahlen.

Bei MySpace zum Beispiel führt fast jede Aktion des Nutzers zu einem neuen Seitenaufruf - sei es eine Veränderung am eigenen Profil oder der Aufruf eines anderen Nutzerprofils. Yahoo dagegen nutzt in seinen Angeboten Ajax, so dass ein Nutzer sich lange Zeit auf einer einzigen Seite aufhalten kann, weil Veränderungen innerhalb eines unveränderten Browserfensters ablaufen können.

Im Web 2.0 geht es um nahtlose Übergänge

Yahoo sammelt so doppelt so viele Minuten an wie die Seiten von Fox Interactive (zu denen auch MySpace zählt), obwohl Yahoo nur 10 Prozent mehr Seitenaufrufe vorzuweisen hat.

Scott Ross von Nielsen Netratings sagte Associated Press: "Wegen allem, was mit Ajax und Streaming-Inhalten passiert, finden wir, dass Gesamtminuten das beste Maß für Seiten-Traffic sind." Man verändere deshalb die Datenbasis.

Nielsens Konkurrent Comscore Media Metrix nähert sich dem Ajax-Problem auf andere Weise: Dort zählt man nun "Visits", definiert als die Anzahl der Besuche einer bestimmten Person auf einer Seite. Ein neuer Visit wird gezählt, wenn der betreffende Nutzer mindestens eine halbe Stunde lang anderswo im Netz unterwegs war und dann zurückkehrt.

Nielsen will die Seitenaufrufe, die Page Impressions (PIs) als Maß aber nicht vollständig abschaffen. Sie seien nun nicht "irrelevant", aber eben ein "weniger genaues Maß". Der "Computerworld" sagte Ross: "Wenn es im Web 1.0 um komplette Seitenaufrufe ging, geht es im Web 2.0 um die Frage 'Wie minimiere ich die Seitenaufrufe und übermittle meine Inhalte nahtloser?'"

cis/AP



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