"Webgrrls" Frauenpower ist längst schon online

Das Internet, eine Männerdomäne? Sicher, wenn man(n) sich die Statistik anschaut, mag das (noch) stimmen. Doch die "Webgrrls" sind auf dem Vormarsch und haben sich längst organisiert. Sogar in China gibt es bereits Regionalgruppen der "Frauenpower-online".


"Webgrrls" in Deutschland: Reger Kontakt per E-Mail

"Webgrrls" in Deutschland: Reger Kontakt per E-Mail

Seattle - Als eine der weltweit ersten Unternehmerinnen im Internet fühlte sich Aliza Sherman Anfang der neunziger Jahre recht einsam im großen Datennetz. Sie machte sich auf die Suche nach Homepages anderer Frauen, und mit einigen von ihnen entstand rasch ein reger E-Mail-Kontakt. Im April 1995 trafen sich erstmals sechs der weiblichen Internet-Freaks zum Erfahrungsaustausch in einem New Yorker Cybercafé. Bis November schlossen sich 200 Frauen an, die sich fortan Webgrrls nannten - wenn Amerikaner das R heftig rollen, klingt es dann wie "Webgirls". In weniger als vier Jahren entstanden mehr als hundert Regionalgruppen auf der ganzen Welt. Auch das deutsche Frauen-Netzwerk hat heute über 5000 Mitglieder.

Gefehlt habe ihr vor allem der Kontakt mit anderen Frauen in den Neuen Medien, erinnert sich Sherman, Inhaberin einer Internet-Unternehmensberatung. In der oft anonymen Branche, die bis zu 80 Prozent von Männern beherrscht wird, habe sie oft nicht gewusst, an wen sie sich auf der Suche nach Ratschlägen und Unterstützung wenden sollte. Offenbar erging es vielen ihrer Kolleginnen ähnlich: Heute gibt es weltweit mehr als 30.000 "Webgrrls", und jede Woche kommen im Schnitt 50 neue hinzu.

Das berufsorientierte Netzwerk sieht sich als "Forum für Wissenstransfer, Erfahrungsaustausch, Jobvermittlung, Entwicklung von Geschäftsideen und Weiterbildung", wie es auf der Web Site der deutschen Webgrrls heißt. Die Mitglieder erhalten per E-Mail regelmäßig Listen mit Stellenangeboten, Branchennachrichten sowie Vergünstigungen bei der Teilnahme an Fachkonferenzen und Fortbildungsveranstaltungen. Auf der Internet-Seite von Webgrrls International finden sich Online-Lehrgänge, Diskussionsforen und fachbezogene Datenbanken. Außerdem wird unter den Mitgliedern regelmäßig das "Webgrrl" der Woche gekürt.

"Webgrrl zu sein, öffnet Türen auf der ganzen Welt"

Auch international bietet "Webgrrls" allen Internet-Frauen ein Forum

Auch international bietet "Webgrrls" allen Internet-Frauen ein Forum

"Jemandem, der noch nicht mit der Technologie vertraut ist, bieten wir eine angenehme Lernumgebung", sagt Betsy Aoki, die Gründerin der Webgrrls-Gruppe in Seattle. "Frauen, die bereits im Beruf stehen, können Erfahrungen austauschen und ihr Wissen weitergeben. Und wer nur einen speziellen Ratschlag braucht, findet auch den bei uns." Die 25 Jahre alte Hosanna Lettwin nutzt die Anlaufstelle vor allem, wenn sie psychologische Hilfe braucht. "Es ist großartig, die Möglichkeit zu haben, zu einer Gemeinschaft von Frauen zu gehen, die Unterstützung geben," schwärmt das "Webgrrl".

Genutzt werden die Angebote des Netzwerks von Frauen jeden Alters und aus allen möglichen Bereichen der Neuen Medien: Programmiererinnen, Designerinnen, Anwenderinnen und Marketingspezialistinnen. "Für mich besteht die Schönheit von Webgrrls darin, dass unsere Mitglieder keinem Stereotypen entsprechen", sagt Sherman. "Ein Webgrrl kann eine Mutter mit drei Kindern sein, eine Studentin, eine Großmutter, die ihre eigene Webdesign-Firma gründet, eine Künstlerin oder eine Vorstandschefin."

Da auch "Webgrrls" gelegentlich genug haben von der virtuellen Kommunikation, treffen sich die Untergruppen regelmäßig zu Gesprächen, Workshops und Vorträgen. In Deutschland entstanden seit 1997 bislang sechs Regionalgruppen, in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, München und Stuttgart. Neue Initiativen wurden in Köln und Mainz/Wiesbaden gestartet, und auch in weiteren Städten wie Kiel, Dresden und Hannover regen sich die ersten Interessierten. "Bald ist nichts mehr vor uns sicher", frohlocken die Computer-Frauen auf ihrer Internet Site.

Wie in Deutschland findet Webgrrls in der ganzen Welt immer mehr Anhängerinnen. Inzwischen gibt es Untergruppen in China, Japan, Italien, Kanada und Frankreich. Angesichts rasender Fortschritte in der Industrie sind auch dem Frauen-Netzwerk nach Ansicht von Sherman kaum Grenzen gesetzt. Die 32-jährige Gründerin träumt bereits von eigenen Webgrrls-Sozialversicherungen und einer internationalen Konferenz. "Wenn ich reise, staune ich immer wieder darüber, dass es in fast jeder größeren Stadt auf der Welt eine Webgrrls-Gruppe gibt", berichtet sie. "Zu sagen, dass man ein Webgrrl ist, ist wie eine Eintrittskarte. Es öffnet buchstäblich Türen auf der ganzen Welt."



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