Weblog-Nation Iran Aufstand per Mausklick

In keinem anderen Land des Nahen Ostens wird so viel gebloggt wie im Iran. Einer der Weblog-Pioniere ist Hoder Hossein Derakhshan. Der Held der Blogger-Szene propagiert eine soziale Revolution gegen die Mullahs – beginnend im Netz und endend im Alltag.
Von Mohammad Reza Kazemi

Sein Weblog i.hoder.com  war in den vergangenen Tagen voll von WM-Kommentaren, von Lob für Italiens "hundertschichtige" Abwehr bis hin zur Verteidigung "Zizous" (Zinedine Zidanes) und Verfluchung des Inter-Mailland-Verteidigers Marco Materazzi. Sein Herz schlägt aber für das junge Team von Jürgen Klinsmann. "Ohne Zweifel wird die deutsche Elf bei den nächsten Europameisterschaften den Meistertitel gewinnen." So lautet die Prophezeiung von Irans bekanntestem Blogger Hossein Derakhshan, der gerne seine Lieblingsmannschaft als Weltmeister gesehen hätte.

Im Eiscafé Portofino in der Freiburger Stadtmitte klingelt ständig Derakhshans Handy. Diesmal will ein kanadischer Radiosender Informationen über die iranische Weblogszene von ihm haben. "Der Prophet der iranischen Blogger", wie er sich selbst nennt, benutzt seit 2001 die digitale Welt für den politischen Kampf gegen das Regime der Mullahs und ist ein unangefochtener Experte auf diesem Gebiet. Der 31-Jährige reist durch ganz Europa und hält Vorträge. Nun ist die Schwarzwald-Stadt dran.

In den ersten Monaten nach seiner Auswanderung nach Übersee arbeitete er noch von Toronto aus für iranische Zeitungen. "Vor allem die staatliche Kontrolle und die Zensur motivierten mich, ein Weblog zu starten", sagt der prominenteste iranische Blogger. "Editor: Myself" heißt sein digitales Tagebuch, in dem nur er selbst das Sagen hat. "Stundenlang habe ich damals Zeit investiert, um Anleitungen über die Zusammenstellung von Blogs auf Persisch zu erstellen und die Probleme von iranischen Bloggern zu lösen." Dank engagierter Menschen wie ihm gibt es mittlerweile über 700.000 iranische Weblogs. Fern von den Augen der Mullahs brechen die jungen Iraner in den Web-Portalen häufiger soziale und politische Tabus.

Bloggen für die Individualität

Die Frage, ob die Weblogs als eine neue politische Opposition gegen das herrschende System in Iran betrachtet werden können, verneint Derakhshan: "Die sind viel zu dezentralisiert und beschäftigen sich eher mit unpolitischen und privaten Themen". Nichtsdestotrotz darf ihre Bedeutung nicht unterschätzt werden, da sogar die Enthüllung privater Geheimnisse der Staatsideologie der Mullahs widerspricht. "Es ist in Wahrheit ein Aufstand gegen die traditionelle Kultur, gegen eine Regierung, die die Gesellschaft geschlossen halten möchte", sagt Derakhshan. "Es ist ein Individualitätstraining. Die Menschen lernen, wie sie sich ausdrücken können."

Vor allem den Frauen, denen dieses Recht bevorzugt abgesprochen wird, bietet das moderne Medium neue Möglichkeiten. Nach Einschätzung von Derakhshan machen sie etwa 35 Prozent der iranischen Blogger aus. Dank der modernen Kommunikationsmittel gelang es ihnen unter anderem, am 12. Juni eine Protestkundgebung gegen die Diskriminierung der Frauen in Iran zu veranstalten. Die Demonstranten wurden von der Polizei zusammengeknüppelt.

Sogar Journalisten und Politiker greifen immer öfter auf Blogs zurück. "Journalisten veröffentlichen ihre Texte, die in den Zeitungen zensiert werden, in ihren Weblogs", sagt Derakhshan. Sein Freund, Omid Memarian, ist der erste iranische Journalist, der am 10. Oktober 2004 wegen kritischer Äußerungen in einem Weblog ( omemarian.blogspot.com ) verhaftet wurde. Trotzdem gibt es immer noch zahlreiche Menschen in Iran, die unter ihren Klarnamen Blogs führen. "Für die Besucher der Seite ist es viel attraktiver, einen echten Menschen zu sehen."

Wie geht's den Leuten in Tel Aviv?

Mohammad Abtahi, einst Vizepräsident unter Präsident Chatami, ist der prominenteste Politiker, der aktiv ein Blog unterhält ( www.webneveshteha.com ), das den Lesern erlaubt, einen vorsichtigen Blick hinter die Kulissen der iranischen Politik zu werfen. Der ehemalige Parlamentsabgeordnete Ahmad Shirzad wiederum lästert in seinem Online-Tagebuch ( shirzad.ir ) über das "nutzlose" Atomprogramm der Regierung und meint, die Urananreicherung würde nichts dazu beitragen, Iran ein größeres Ansehen auf dem internationalen Parkett zu bescheren.

"Durch die Weblogs kommen die Politiker den Menschen näher", meint Derakhshan. Einen ähnlichen Effekt sieht er bei den Exil-Iranern, die sich von ihren Landsleuten entfremdet haben. "Die braucht man nicht mehr zu fragen, wann sie zum letzten Mal in Iran waren, sondern wann sie zuletzt Weblogs gelesen haben", beschreibt der Blogger den Beitrag der Online-Tagebücher zu einem innergemeinschaftlichen Dialog. Sie bieten gleichzeitig auch den Menschen in Iran die Gelegenheit, sich ein Bild von ihren Landsleuten im Exil zu machen. "Café Ginsburg" heißt das exotische Weblog eines iranischen Juden aus Tel Aviv ( cafeginsburg.blogspot.com ), das mit Derakhshans Hilfe zustande gekommen ist. Der Besitzer, Farhad, informiert seine Besucher über den Alltag in Israel.

Die Präsidentschaft des ultrakonservativen Politikers Mahmud Ahmadinedschad hat nicht nur gesellschaftliche und politische Restriktionen zur Folge, sondern auch eine verstärkte Zensur des Internets. Die Zeile "Lieber User, der Zugang zu dieser Seite ist unmöglich" sehen die iranischen Surfer inzwischen immer öfter auf dem Bildschirm.

Die "Zentralstelle für Filtering", die vor einigen Wochen ihre Arbeit aufgenommen hat, betreibt einen systematischen Kampf gegen "unzüchtige" und politisch unerwünschte Internetseiten. Neben der Blockierung der Seiten durch Schlüsselwörter wie zum Beispiel "Sex", suchen die Mitarbeiter gezielt nach zensuranfälligen Inhalten in der digitalen Welt. "Die Weblogs zu kontrollieren und zu zensieren ist keine leichte Arbeit. Es sind zu viele, und sie wachsen auch zu schnell", erläutert Derakhshan die Probleme der Ajatollahs beim Kampf gegen das neue Medium. Sein eigenes Weblog ist in Iran allerdings längst gesperrt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.