Webradios Harte Zeiten für Cyberfunker

Nicht nur das deutsche Projekt "Cyberradio" kämpft derzeit mit Schwierigkeiten, weltweit geht Radio- und Fernsehkanälen im Netz die Puste aus. Sind die Konzepte falsch, oder kommen die Angebote nur zu früh?


Ende September hatte die Hamburger Cyberradio AG einen Insolvenzantrag gestellt. "Rein vorsorglich", ließ Vorstandschef Olaf Kriewald wissen, um in Ruhe Übernahmeverhandlungen führen zu können; in den nächsten drei bis vier Wochen rechne man mit einem neuen Eigentümer.

Momentan herrscht ein rauhes Klima für Radio und Fernsehen im Web
[M] DPA

Momentan herrscht ein rauhes Klima für Radio und Fernsehen im Web

Doch dass der gefunden wird, ist nicht selbstverständlich. Rund um den Globus weht Internetradios und -fernsehsendern zurzeit ein kräftiger Wind ins Gesicht. So stellte unter anderem der amerikanische Kurzfilmsender pseudo.com seinen Betrieb ein. Geschäftsführer David Bohrmann hatte zuvor mitgeteilt, man habe keinen Käufer für das angeschlagene Unternehmen finden können. Auch der Kanal Pop.com, der von Steven Spielbergs Hollywood-Studio Dreamworks unterstützt wurde, gab auf, ehe er überhaupt auf Sendung gehen konnte.

Besonders problematisch sind für die Netz-Sender die hohen technischen Kosten. Denn je mehr Streams ein Internetprogramm anbietet, das heißt je mehr Leute gleichzeitig auf das Angebot zugreifen können, umso teurer wird es, weil das zu übertragende Datenvolumen massiv steigt. Kompressionsalgorithmen wie zum Beispiel MP3 können da teilweise Abhilfe schaffen, der Rest muss über neue Server abgewickelt werden. Zusätzliche Lizenzkosten fallen teilweise auch für die Streams an, zumindest wenn Software des Marktführers RealNetworks verwendet wird.

Zwar steigen durch die größere Reichweite auch die Werbeerlöse, die Netzprogramme werben mit klassischen Bannern und mit Spots, offenbar reicht das aber nicht aus. Vor allem nicht, wenn zu den technischen Kosten auch noch hohe Ausgaben für die Inhalte der Programme, etwa Produktionskosten bei Filmen, kommen. Besser haben es da Kanäle, die existierende Inhalte im Netz zweitverwerten, wie etwa E-TV, Tochter der Produktionsfirma Brainpool. Bei ihrem Comedychannel werden neben Live-Shows vor allem die TV-Formate wie "TV total" verwertet. Damit schreibt das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits schwarze Zahlen.

Ein mögliches Problem könnte auch sein, dass die Webkanäle trotz der stetig steigenden Nutzerzahlen schlicht zu früh am Start sind. Josh Harris, Gründer des gescheiterten Pseudo.com-Angebots, sagte jüngst der "New York Post": "Vielleicht waren wir einfach ein bisschen vor unserer Zeit".

Christoph Seidler



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.