WEF-Hacker "Freie Software, freie Liebe!"

Die Hackergruppe "Virtual Monkeywrench" knackte das Computernetzwerk des Weltwirtschaftsforums und entwendete Tausende von Kreditkarten- und Telefonnummern. Erpresst werden sollte niemand: Sie wollten nur "die herrschenden Machtstrukturen unterminieren".


Screenshot Sonntagszeitung TEXT/AUFMACHER (thumb)

Screenshot Sonntagszeitung TEXT/AUFMACHER (thumb)

Seit gut einer Woche haben zahlreiche Wirtschafts- und Politikgrößen neue Handy- und Kreditkartennummern. Nötig wurde das, nachdem eine zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannte Hackergruppe der Schweizer "Sonntagszeitung" eine CD mit persönlichen Daten, Telefon- und Kreditkartennummern Tausender Besucher des Weltwirtschaftsforums (WEF) zugespielt hatte. Die CD enthielt zudem detaillierte Angaben über die Höhe von Zahlungen an das WEF sowie persönliche Randbemerkungen von WEF-Angestellten über einzelne Teilnehmer. Der Hack machte weltweit Schlagzeilen.

Eine Woche später stellen sich die Hacker der Öffentlichkeit - wenn auch hinter Homer-Simpson-Masken verborgen. "Virtual Monkeywrench" nennt sich die Gruppe, die sich - erneut die Schweizer "Sonntagszeitung" für ihren Gang an die Öffentlichkeit wählend - in einem schriftlich geführten Interview zu den Motiven des WEF-Hacks äußern: "Für uns Hacker ist es wichtig, alle Information offen zu legen und in einem weiteren Sinn die Mächtigen und die Macht zu attackieren."

Ihr Credo beschreiben die Hacker im Interview als eine "Synthese zwischen Anarchismus und Hacker-Ethik. In unseren Augen ist geistiges Eigentum illegitim, es dient den Interessen der Mächtigen und stört die Zusammenarbeit".

Mit der Aktion habe die Gruppe auch aufzeigen wollen, wie einfach es ist, angeblich sichere Systeme zu knacken. Gefragt, wie der Gruppe das Eindringen in die WEF-Computer gelungen sei, antwortet einer der Hacker: "Eindringen kann man das nicht nennen. Wir benutzten keine speziellen Hilfsmittel, bloß Standardsoftware. Und wir änderten nichts an der Sicherheitskonfiguration. Sie könnten auch jemanden fragen, wie er in einen offenen Hof spaziert sei."

In ihrer aktuellen Online-Ausgabe veröffentlicht die "Sonntagszeitung" eine Reihe von PDF-Dokumenten, die Listen aus dem erhackten WEF-Datenbestand enthalten. Darauf sind alle Personen mit Namen und Funktionen aufgeführt, denen E-Mail-Adressen, Telefonnummern, WEF-Passwörter und Kreditkartennummern gestohlen wurden. Die - zum größten Teil inzwischen geänderten - Nummern selbst erfährt man nicht.

Nach Angaben des WEF-Sprechers Charles McLean erstatteten die Organisatoren des Weltwirtschaftsforums wegen des Hacks Anzeige gegen unbekannt. Gleichzeitig scheint es möglich, dass dem WEF selbst rechtliches Ungemach drohen könnte. Nach Schweizer Recht wäre es jedem der Geschädigten möglich, gegenüber dem WEF auf Schadenersatz zu klagen, wenn es gelingen würde nachzuweisen, dass dieser die empfindlichen Daten nicht ausreichend gegen den Zugriff Unbefugter geschützt hätte. Das würden die Hacker von "Virtual Monkeywrench" wohl gern bezeugen: "Man könnte sagen, sie lagen im Schaufenster und boten sich selbst an".

Ihr Ziel hätten sie damit jedenfalls erreicht: "Die Veröffentlichung der Daten erfüllt alle Kriterien guter Sabotage: Das gut geölte Laufen der Maschine wird gestört, Autoritäten verlieren Einfluss und werden unterminiert. Die Entdeckung der Fehlbarkeit Gottes ist der erste Schritt zum Sturz seines Throns."



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.