Weltinformationsgipfel Das Mofa bringt das Internet

Vom "Ende der digitalen Spaltung der Welt" ist auf dem Uno-Informationsgipfel oft die Rede. Doch was braucht man, um weltweit technologische Chancengleichheit herzustellen? Geld? Festnetzleitungen? Drahtlose Netzwerke? In Kambodscha hat man eine andere Antwort gefunden: Man braucht Mofas!

Die Provinz Ratanakiri  im Nordosten von Kambodscha ist so etwas wie das Ende der Welt. Eine bewaldete Bergregion an der Grenze zu Vietnam und Laos, weit gehend ohne zentrale Strom- und Wasserversorgung, wo die Bewohner ein durchschnittliches Einkommen von 37 Dollar pro Jahr haben. In dem Gebiet leben zahlreiche Bergvölker, die von der Geschichte nicht eben freundlich behandelt wurden: Tausende Menschen starben entweder im Feuerhagel amerikanischer Bomber, die im Vietnamkrieg den Ho-Tschih-Minh-Pfad angriffen, oder später bei Massakern der kommunistischen Terrorgruppen der Roten Khmer.

Aber einige Dörfer in Ratanakiri haben seit wenigen Wochen eine Internetanbindung, die für viele Teile der Welt zum Modell werden könnte - jedenfalls wenn es nach Bernard Krisher von der Hilfsorganisation "American Assistance for Csmbodia/ Japan Relief for Cambodia" .

Ein wichtiger Teil der Gespräche beim am Mittwoch gestarteten UN-Informationsgipfel in Genf dreht sich um die Frage des Zugangs zum Internet. Damit die Informationsgesellschaft der Zukunft nicht ohne weite Teile der Welt abläuft, müssten Milliarden von Menschen in den nächsten Jahren Zugang zum Netz bekommen. Neben der Finanzierung spielt dabei nicht zuletzt die Technologie eine wichtige Rolle.

Sollte man beim Aufbau der Kommunikationsinfrastruktur in Entwicklungsländern auf Festnetzleitungen setzen? Oder stattdessen gleich auf drahtlose Netzwerke? Wie können beide Technologien am besten kombiniert werden?

"Die Leute, die darüber diskutieren, wissen oft zu wenig von der Praxis", sagt Bernard Krisher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. So würde zum Beispiel drahtloses Internet in großem Maßstab in bestimmten Gegenden gar nicht funktionieren, nämlich dort, wo es bergig und bewaldet ist - wie in Ratanakiri.

Fünf Mofas sind im Einsatz

Deswegen haben sich Krisher und seine Kollegen einen neuen Weg ausgedacht, um die digitale Spaltung zu überwinden: den "Internet Village Motoman". Seit September sollen fünf Honda-Mofas dem Internet in Kambodscha auf den Weg helfen.

Die Idee ist so einfach wie genial, denn die Mofas ersetzen Kabelverbindungen. Sie holen sich Daten von einer Satellitenschüssel auf einem Krankenhaus in Banlung ab, speichern sie zwischen und machen sich dann auf den Weg durch die Provinz , um die Daten - E-Mails und einfache Suchmaschinen-Anfragen - zu ihren Empfängern zu transportieren.

Auf fünf verschiedenen Routen fahren sie verschiedene Dörfer an, in denen die Hilfsorganisation solarbetriebene, drahtlose Access-Points in den Schulen installiert hat. Binnen drei Sekunden werden die Daten ausgetauscht: Neue E-Mails oder Google-Anfragen werden gelesen und im Mofa-Rechner gespeichert, empfangene Daten werden an den Schulrechner überspielt. Staus auf der Datenautobahn könnten also vor allem dann entstehen, wenn der Mofa-Fahrer an einem seiner fünf wöchentlichen Arbeitstage einen Unfall auf einem der roten Schlammwege durch die Provinz baut.

Ein Tag Verzögerung

"Wir haben also keinen Echtzeitzugang", erklärt Neou Ty, der das Projekt vor Ort betreut. Doch nach Ansicht von Bernard Krisher fällt das in den seltensten Fällen ins Gewicht: "Die Alternative wäre, dass diese Dörfer gar keine Anbindung ans Netz haben". Probleme mit der eintägigen Datenlaufzeit könnte es nur dann geben, wenn ein Dorfbewohner schlimm krank sei und sehr kurzfristig Hilfe über das Web brauche. Ärzte vom Massachusetts General Hospital haben nämlich zugesagt, E-Mail-Anfragen aus Ratanakiri zu beantworten.

Krisher und Ty sind vom Erfolg ihres digitalen Pony-Expresses überzeugt: "Man kann unsere Lösung überall in der Welt reproduzieren." Momentan seien sie auf der Suche nach Sponsoren, um das Angebot in Kambodscha weiter auszubauen. Eine Satellitenverbindung schlage einmalig mit 2500 und monatlich mit knapp 300 Dollar zu buche. Damit könnten 15 bis 20 Dörfer angebunden werden, werben sie.

Der "Internet Village Motoman" wird als eines von rund 350 Projekten im Rahmenprogramm des Uno-Informationsgipfels in Genf vorgestellt, auf einer Messe mit dem kryptischen Namen ITC4D  ("Informations and Communications Technologies for Development").

Ganz in der Ecke der Messehalle vier im Kongresszentrum Palexpo findet sich hier auch der recht klein ausgefallene deutsche Gipfelstand. Neben der Bundesregierung, die unter anderem ihre eGovernment-Initiative BundOnline  präsentiert, sind unter anderem die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), Siemens und der Deutsche Zivilgesellschaftliche WSIS-Koordinierungskreis .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.