Algorithmen im Personalwesen Liebe Leserin, lieber Leser,

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mit ihrem Projekt "Ethik der Algorithmen" versucht die Bertelsmann Stiftung, den Einfluss von automatisierten Entscheidungen auf unser Leben zu erklären. Am heutigen Montag hat sie im Rahmen dieses Projekts, zusammen mit der Stiftung Neue Verantwortung, ein lesenswertes Paper zum Einsatz von Algorithmen im Personalwesen veröffentlicht.

Dieser Einsatz nämlich finde längst statt, heißt es darin, "von der Analyse des Arbeitsmarktes und seiner Entwicklung über Tools, die die Wechselwilligkeit von potenziellen Mitarbeiter:innen berechnen, bis hin zu automatisierten Lösungen, die Bewerbungen filtern oder gar (Vor-)Auswahlgespräche führen". Mit anderen Worten: Die wenigen Jobs, die uns Software künftig nicht ohnehin wegnimmt, verteilt eine andere Software unter uns.

Mensch und Maschine: Wer gratuliert künftig eigentlich wem zum neuen Job?

Allerdings, heißt es in dem Paper von Carla Hustedt und Tobias Knobloch, wüssten nur 35 Prozent der Deutschen, dass Algorithmen bereits bei der Personalauswahl verwendet würden. Ich empfehle die Lektüre deshalb vor allem den anderen 65 Prozent.

Mir gab ein Abschnitt besonders zu denken. Darin geht es um ein "maschinelles Wettrüsten zwischen den Algorithmen der Stellenanbieter und denen der Stellensuchenden" - nämlich dann, wenn Bewerber "ihre Lebensläufe mithilfe von Algorithmen für maschinelle (Vor-)Auswahlsysteme optimieren, was tatsächlich zunehmend der Fall ist." Es ist eine neue Form der Suchmaschinenoptimierung: Bewerber versuchen zu erkennen, wie ein Arbeitgeber-Algorithmus funktioniert, und richten ihre Bewerbung darauf aus, dass sie in dessen Ergebnissen möglichst weit oben landen.

Ralph Müller-Eiselt von der Bertelsmann Stiftung hat mir ein besonders raffiniertes Beispiel genannt: "Bewerber schreiben mit weißer Schrift so etwas wie Harvard-Universität in ihren Lebenslauf" - für das menschliche Auge nicht zu sehen, aber maschinenlesbar.

Bemerkenswert finde ich, dass die Entwickler der Software mit derartigen Täuschungsversuchen die Intransparenz der algorithmischen Entscheidungsfindung rechtfertigen. Im Bertelsmann-Paper heißt es dazu: "Die Angst vor einem möglichen Austricksen ('Gaming') der Systeme ist ein unter Anwenderorganisationen verbreitetes Argument, um die Forderung nach Nachvollziehbarkeit abzuwehren." Sprich: Die Entwickler wollen nicht erklären, wie ihre Recruitingsysteme zu einem Ergebnis kommen, damit niemand eventuelle Schwächen darin erkennt und ausnutzt. Vertrauenswürdiger werden sie dadurch nicht gerade.

Allerdings gäbe es durchaus Ansätze, wie eine gewisse Transparenz für Bewerber geschaffen werden könnte, auch ohne alle Details eines Systems offenlegen zu müssen. Einer davon sind die "Counterfactual Explanations": Sie zeigen, welche Eingaben anders hätten sein müssen, um im Bewerbungsprozess eine Runde weiterzukommen.

Ich frage mich aber auch, ob das "Gaming" von Algorithmen nicht sogar eine gesellschaftlich wünschenswerte Qualifikation wäre. Es ist eine Form des Hackings, die mir jedenfalls erstrebenswerter erscheint als das wehr- und ahnungslose Hinnehmen von automatisierten (Vor-)Entscheidungen über die eigene Zukunft.

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Seltsame Digitalwelt: Meine Nerd-Folgschaft

Kürzlich sind mir die Ideen ausgegangen, welches Buch ich als nächstes lesen könnte. Also habe ich meine Twitter-Follower nach ungewöhnlichen Romanen gefragt. Das hat vor zwei Jahren schon einmal vorzüglich geklappt, und auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht. Nach wenigen Stunden hatte ich eine Liste von zehn Büchern, die für mich tatsächlich infrage kommen.

Gleichzeitig hat mir die Umfrage vor Augen geführt, wie hoch der Nerd-Anteil unter meinen Followern sein muss. Deutlich mehr als die Hälfte aller Vorschläge waren Science-Fiction-Romane - oder irgendwas von Terry Pratchett. Das fand ich geradezu klischeehaft. Vielleicht habe ich mich auch deshalb erst einmal für "Freshwater" von Akwaeke Emezi entschieden - und es nicht bereut.

Preisabfragezeitpunkt:
20.06.2019, 16:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

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    Theresa Locker und Sebastian Meineck von "Vice" haben in Telegram-Gruppen und -Channels recherchiert und "eine weitgehend unbeachtete Nische zwischen Darknet und Internet" entdeckt.
  • "Avril Haines, Eric Rosenbach, and David Sanger on U.S. Offensive Cyber Operations" (Podcast, 53 Minuten)
    Kürzlich berichtete die "New York Times" über angeblich versteckte Malware der US-Regierung im russischen Stromnetz. In diesem - einige Wochen vorher veröffentlichten - Podcast erklärt einer der Autoren, wie er bei Themen wie diesen vorab mit der US-Regierung über seine Recherchen redet.
  • "Die Tragweite von Facebook Libra" (zwölf Leseminuten)
    Marcel Weiß analysiert Facebooks Währungspläne mithilfe einiger US-Quellen, fügt aber auch viele eigene Gedanken an. Das Ergebnis: Man entwickelt eine ziemlich gute Vorstellung von der enormen (potenziellen) Bedeutung des Projekts Libra.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Ihr Patrick Beuth

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 24.06.2019
1. Feldstudien
"..Ich frage mich aber auch, ob das "Gaming" von Algorithmen nicht sogar eine gesellschaftlich wünschenswerte Qualifikation wäre... Und ich frage mich, ob eine derart morbide Einstellung zu Wahrhaftigkeit und fairem Wettbewerb nicht schon Ergebnis eines pervertierten Selektionsprozesses, oder noch herkömmliche Charakterschwäche ist.
Little_Nemo 24.06.2019
2. Der Mensch als Maschine, aus der Sicht einer Maschine
Eigentlich eine konsequente Fortentwicklung des bisher schon zunehmend menschenfeindlichen und in Teilen auch völlig realitätsfernen gnadenlosen Selektionsprozesses im Peronalwesen, der schon immer in sich widersprüchliche Ansprüche an Bewerber stellte, die auf ehrliche Weise kaum zu erfüllen waren, und die man schon immer irgendwie kreativ aushebeln musste, wenn man als Bewerber nicht auf der Strecke bleiben wollte. So züchtet man sich eine Klasse von Beschäftigten, die sich ebenso nach oben betrügen wie es die Unternehmen tun und mehr Schein als Sein sind. Wenn Unternehmen Bewerber als den potenziellen Feind betrachten, dann bekommen sie halt auch genau das: eine Gesellschaft von Hochstaplern und Betrügern.
Susi64 24.06.2019
3. Sich selbst erfüllende Prophezeihungen
Da man bei einer Einstellung kein Risiko eingehen will und auch keine Verantwortung übernehmen will, muss es der Computer richten. Man legt auch den Algorithmus nicht offen, einfach weil es ansonsten Konkurrentenklagen geben könnte. Darin liegt aber das größte Problem, wenn keiner weiss, was der Computer wikrlich macht, dann ist das Willkür und abzulehnen. Verantwortung kann man nicht delegieren. Wenn es nur noch ums Betrügen geht, dann gibt es auch keine geeigneten Bewerber mehr. Wer ehrlich ist, ist raus und wer betrügt wird es immer wieder tun und zwar auch und gerade zum Schaden des Unternehmens.
doctoronsen 24.06.2019
4. Das Problem ist die Personalabteilung
Die Personalabteilung, die mehr sein will als eine Lohnbuchhaltung, steht immer unter Legitimationsdruck gegenüber den Fachabteilungen. Denen muss sie nämlich nachweisen, dass sie besser über die Eignung der Kandidaten urteilen kann. Da helfen Algorithmen sehr gut. Denn im Zweifel, wenn mal Kritik am Selektionsprozess wach wird, beschäftigt man sich nicht mehr mit der Frage, ob die Personalabteilung überhaupt der Aufgabe gewachsen ist, sondern wo es beim Algorithmus hakt. Die Stellung dieser Abteilung - die ja selber keinen direkten Beitrag zur Wertschöpfung leistet - bleibt dadurch unangetastet.
annoo 24.06.2019
5.
Zitat von taglöhner"..Ich frage mich aber auch, ob das "Gaming" von Algorithmen nicht sogar eine gesellschaftlich wünschenswerte Qualifikation wäre... Und ich frage mich, ob eine derart morbide Einstellung zu Wahrhaftigkeit und fairem Wettbewerb nicht schon Ergebnis eines pervertierten Selektionsprozesses, oder noch herkömmliche Charakterschwäche ist.
Die Selektion nach persönlichem Gusto des Personalers hinsichtlich Foto beim Bewerbungsschreiben hin zum attraktiveren Bewerber und weg vom vorrangig qualifizierteren Bewerber war schon immer ein wie Sie es nennen "pervertierter Selektionsprozess". (Von dem ich vermutlich durchaus selbst schon profitiert habe, weil ich - nach Selbsteinschätzung - zur geschätzt attraktiveren Hälfte der Bewerber gehöre/gehört habe. Fair ist/war das sicher nicht.)
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