Sascha Lobo

Auf dem digitalen Fußballplatz Drei Elfer, eine Ecke

Sprächen Politiker über Fußball ähnlich ahnungslos wie über das Internet, nähme sie niemand ernst. Bei Digitalthemen hingegen wird Unwissenheit offen zur Schau gestellt - und dann auch noch in Gesetzesvorhaben gegossen.
Jürgen Klopp

Jürgen Klopp

Foto: Laurence Griffiths/ Getty Images

Jürgen Balthasar Klopp, was für ein Kapitän! Gegen Ronaldos Topteam motiviert er seine Leute zu einem 0:7 und zieht ins Finale der Europameisterschaft ein. Leider sind die größten Probleme im Fußball noch immer ungelöst, kaum ein Spieler kümmert sich um die goldene Regel "Drei Elfer, eine Ecke". Freilich könnte man Abhilfe schaffen: Die Spielfeldmarkierung sollte mit weißen Ziegeln 40 Zentimeter hoch gemauert werden. Der schwarzgekleidete Mann bekommt statt der altmodischen Pfeife eine moderne, kalorienreduzierte Lichthupe, dann gewinnt seine Elf vielleicht auch mal mit einem Unentschieden. Im französischen Liverpool hat er jedenfalls die beste Leistung gezeigt.

Würde Fußball so besprochen wie das Internet, käme - leider kaum übertrieben - ein solcher Hyperquark dabei heraus. Vergleichbare Wortmeldungen aus Politik und Medien werden allerdings nicht nur ernsthaft diskutiert, sondern haben messbare Folgen in Form von Gesetzesvorhaben und politischen Initiativen.

Zwar wäre eine Expertokratie ein schlimmer Alptraum von Demokratie, aber ein gewisser Wille zum Wissen wäre in so komplexen, vernetzten Zeiten angebracht. Nein, notwendig. Dabei gibt es anders als etwa vor zehn Jahren inzwischen in allen demokratischen Parteien Leute, die sich in der Tiefe der Materie auskennen. Das heißt in Sachen Digitalisierung übrigens auch, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen. Es ist einfach nicht (mehr) so, dass die Politik in toto keine Ahnung hat - sie setzt sie bloß strukturell falsch ein. Meiner Ansicht nach liegt das vor allem daran, dass an entscheidenden Schaltstellen zur politischen Verhandlungsmasse umgedeutet wird, was eigentlich digitale Realitäten sind.

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Digitale Unwissenheit wird mit Stolz zur Schau getragen

Obwohl das Netz menschengemacht ist, kann man es nicht beliebig gestalten, es folgt einer Reihe mathematischer und technosozialer Gesetzmäßigkeiten. Fußball ist auch menschengemacht, trotzdem gibt es sinnhafte und nicht sinnhafte Regeln. Die Problematik fängt lange vorher an, dort, wo digitales Unwissen nicht nur mit Selbstverständlichkeit, sondern sogar mit Stolz zur Schau getragen wird. Wie kann das sein?

Gestern hat in Berlin der zuständige Berichterstatter im EU-Parlament, Axel Voss (CDU), erneut erklärt, was er mit seiner schlechten, undurchdachten, gefährlichen Urheberrechtsreform hatte erreichen wollen. Vor der Abstimmung hatte er behauptet, die Richtlinie würde nur ein bis fünf Prozent der Plattformen betreffen. Auf die Frage, ob er nachgezählt habe, antwortet er: "Natürlich nicht." Messi hätte vom Siebenmeterpunkt verwandeln müssen!

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Schon im Vorfeld hatte Voss, selbst Jurist, eine Menge bizarren, nachweislich falschen Unfug behauptet. In einem Interview sagte er, es sei legal, wenn man komplette Zeitungsartikel auf seiner privaten Seite oder auf Facebook mit 500 Freunden teile, weil es sich um einen geschlossenen Kreis handele.

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Obwohl eine konkrete Zahl an Privatkopien durchaus umstritten ist, gehen Fachleute (und Gerichte) meist von sieben aus , basierend auf einem alten Urteil des Bundesgerichtshofs. Von einem befreundeten Mathematiker habe ich mir bestätigen lassen, dass zwischen sieben und fünfhundert eine numerisch maßgebliche Differenz besteht. Aber Voss' Sicht ist nicht nur falsch, sondern multifalsch. Aus urheberrechtlicher Sicht gilt eine Facebook-Gruppe von 500 Leuten nicht als "geschlossener Kreis", sondern muss viel eher als Öffentlichkeit gesehen werden . Beim Freistoß sollte die Mauer nur noch aus Natursteinen gebaut werden, wegen Klimawandel.

Aus Hilflosigkeit wird Transparenz gefordert

Bei den anderen Parteien finden sich ähnlich realitätsaverse An- und Aussagen. Sigmar Gabriel (SPD) erwog in seiner Zeit als Wirtschaftsminister öffentlich die Zerschlagung von Google , als würden dadurch auf magische Weise die Probleme gelöst. Oder als sei es auch nur möglich. Viele Spitzenpolitiker der SPD haben häufiger "Transparenz" bei Algorithmen gefordert, zum Beispiel beim sogenannten "Facebook-Algorithmus".

Auch Grüne, Linke und eigentlich alle haben das Transparenzlied oft gesungen. Es handelt sich ähnlich wie "Zerschlagung" um eine Art wohlklingende, aber in der Praxis absurde Forderung. Besagter Facebook-Algorithmus enthält erstens manchmal über 100.000 Faktoren zur Berechnung des Nachrichtenstroms, ist zweitens personalisiert und beinhaltet drittens Machine-Learning-Anteile. Was übersetzt bedeutet, dass "der Algorithmus" bei jedem anders funktioniert und sich ständig verändert. Facebook könnte jedem Nutzer die zehntausend DIN-A4-Seiten seines genau jetzt verwendeten Algorithmus auf handgeschöpftem Büttenpapier ausdrucken - es würde exakt nichts bringen. Transparenz ist hier eine Nullforderung, die eher Hilflosigkeit ausdrückt als die dringend benötigte Regulierung großer Plattformen voranzubringen. Balthasar Klopp!

Vor ein paar Wochen hat Manfred Weber (CSU) hier einen Gastbeitrag geschrieben: "Das Internet muss europäischer werden". Schon die Überschrift deutet auf ein grundsätzliches Missverständnis hin, aber im Text selbst wird offenbar, dass Weber sich nicht für die digitale Realität interessiert. "Es sollte ein einfaches Prinzip gelten: Jeder Nutzer von Social-Media-Kanälen muss sich ordentlich registrieren. Und in öffentlichen Debatten sollte grundsätzlich mehr Gesicht gezeigt werden. Wer eine Meinung hat, muss in einer Demokratie auch dazu stehen." Das ist nicht nur falsch, sondern gefährlich falsch.

Das "einfache Prinzip" ist schon auf den anderthalbsten Blick alles andere als "einfach". Wer ist Nutzer? Jede Person aus dem Publikum? Leute, die etwas einstellen? Wenn das zweite, dann ist es längst so. Es gibt nur wenige allgemein bekannte Plattformen, auf denen man ohne Registrierung publizieren kann. Die Vagheit, die Ungenauigkeit, die mangelnde Konkretisierung ist kein Zufall, sondern die direkte Folge daraus, dass Weber hier einem vordigitalen Bauchgefühl folgt. Wahrscheinlich ist mit "Gesicht zeigen" sogar eigentlich die Ablehnung der Anonymität im Netz gemeint. So kann man nur dann argumentieren, wenn man nicht eine Sekunde die digitale Sphäre aus einer anderen Perspektive als der eigenen, hyperprivilegierten Weber-Sicht betrachtet hat.

Ein perfektes Einfallstor für Lobbyismus

SPIEGEL ONLINE macht nicht zufällig einen Themenschwerpunkt über digitale Gewalt gegen Frauen, die digitale Öffentlichkeit steht der nichtdigitalen an toxischen, extremistischen und allgemein bedrohlichen kaum nach. Vielmehr ist beides miteinander verbunden. Wir leben in einer Zeit, in der irritierend viele Männer glauben, Frauen online belästigen zu können bis hin zur Vergewaltigungsdrohung. Und zwar nicht selten unter vollem Namen.

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Anonymität im Netz bedeutet in allererster Linie Schutz, und zwar gerade für Menschen, die sich ansonsten nicht nur im Internet, sondern auch in der Kohlenstoffwelt angreifbar machen würden. Das sogenannte "Doxxing" - die Veröffentlichung privater Daten - ist eine Standardattacke bösartiger Trolle, insbesondere gegen Frauen oder Minderheiten. Weber aber schreibt im selben Textabschnitt vom großartigen europäischen Datenschutz und fordert mindestens implizit die Abschaffung der Anonymität. Abseitsfarfalle an der Elfmeterfahne.

Es handelt sich hier nicht allein um das Versagen einzelner Figuren, sondern um ein systemisches Problem. Weil Digitalisierung komplex und diffus zugleich ist und für die große, nichtfachliche Öffentlichkeit im Detail nur schwer nachzuvollziehen - wird das Thema politisch zuerst inszenatorisch betrachtet: Was hört sich gut an? Was kann man medial gut verkaufen? Die Schamlosigkeit, digitales Unwissen offensiv zu zeigen und stolz drauf zu sein, bildet aber auch ein perfektes Einfallstor für Lobbyismus.

Denn gerade die unredlichen Formen des Lobbyismus arbeiten intensiv daran, egoistische Argumente gesellschaftsförderlich klingen zu lassen. Das von mir vorgeschlagene Gesetz hilft nur rein zufällig mir, sondern fördert zuerst die Vielfalt, die Gesellschaft, die Demokratie, ehrlich! Sehr gern würde ich einen klugen, einfach umsetzbaren Vorschlag zur Verbesserung dieser Situation anbringen. Aber ich befürchte, solange ein faktisch falscher und realitätsferner Vorschlag zur Netzneutralität in der wählenden Bevölkerung auf weniger Kritik stößt als etwa ein Vorschlag zur Verlegung des Anstoßpunktes ins gegnerische Tor, wird sich daran wenig ändern. Da kann nicht mal Balthasar Klopp helfen.

Podcast-Frage: Wie lässt sich in Zeiten digitaler Vernetzung die Balance halten zwischen Expertokratie und Kakistokratie ?

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