Corona-Hackathon #WirVsVirus Wie 42.000 Freizeithacker das Virus bekämpfen

Ein gigantischer Programmierwettbewerb gegen die Coronakrise, ausgerufen vom Kanzleramt, geht zu Ende. Die Öffentlichkeit soll mit abstimmen: Welche Apps, Programme oder Datenbanken werden jetzt wirklich gebraucht?
Zigtausende Freiwillige haben am Wochenende an Apps und Projekten für die Coronakrise gearbeitet

Zigtausende Freiwillige haben am Wochenende an Apps und Projekten für die Coronakrise gearbeitet

Foto: Elise Amendola/ AP

Es war die wohl größte Massendemonstration gegen das Coronavirus, und doch wurde auf den Straßen kein einziger Teilnehmer gesichtet. Stattdessen versammelten sich von Freitag- bis Sonntagabend rund 42.000 Teilnehmer, von denen am Ende 27.000 aktiv mitgemacht haben, um gemeinsam Software zu entwickeln für Problemlösungen in der Coronakrise : Wie lassen sich Krankenhausbetten zuteilen oder Infektionsketten verfolgen, wie können Corona-Tests organisiert werden, wie lassen sich Erntehelfer für Bauern finden und Helfer, die Nahrungsmittel zu Obdachlosen bringen? Im Start-up-Sprech heißen diese vertrackten Probleme euphemistisch "Challenges" - Herausforderungen.

Diese Challenges sowie 1500 weitere Projekte wurden 48 Stunden lang von technikbegeisterten Bürgerinnen und Bürgern bearbeitet. Anfänglich zickten die Slack-Server, auf denen die Aktion lief, denn der populäre Instant-Messaging-Dienst wird zwar in vielen Firmen eingesetzt, ist aber nicht dafür geschaffen, auf einen Schlag 42.000 Mitarbeiter anzumelden. So mussten die Organisatoren die Anmeldung in kleinere Häppchen von je 2000 herunterbrechen, und das dauerte am Freitag bis spät in die Nacht.

Zum Abschluss eine große Party - auf YouTube

Ist es der größte Hackathon der Welt, wie solche Marathon-Hacking-Veranstaltungen genannt werden? Man habe schon das Guinness-Buch der Rekorde im Auge, bestätigen die Veranstalter, eine Gruppe aus sieben Organisationen wie dem Prototypefund , Code4Germany  und der Initiative21 , die sich unter dem Hashtag #WirVsVirus  zusammengefunden haben.

Vor einer Woche kam ihnen die Idee, inspiriert von einem Hackathon in Estland. Kurzerhand erstellten sie ein Konzept, trugen es im Bundeskanzleramt vor, und schon am Mittwoch entschied das Kabinett, "einstimmig", wie es heißt: Wir übernehmen die Schirmherrschaft. So kommt es, dass eine der größten Massendemonstrationen der kollektiven Solidarität von der Regierung mitveranstaltet wird. Auch Dorothee Bär (CSU), die Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, bedankte sich im Videostream vom Sofa aus bei den Teilnehmern mit einem zünftigen "Vergelt’s Gott".

Wer sind diese Menschen, die das gesamte Wochenende hindurch Tag und Nacht an Datenbanken und Apps schuften, ohne Entlohnung, und das auch noch zusammen mit Wildfremden?

Welche Landkreise brauchen Hilfe?

Manuel Bleschmidt zum Beispiel entwickelt im Hauptberuf E-Commerce-Systeme. Der 34-Jährige musste seinen Urlaub in Österreich abbrechen, weil dort das Hotel geschlossen wurde. Seitdem sitzt er im Homeoffice in Berlin und erstellt mit 20 anderen Teammitgliedern Simulationen: Wie entwickelt sich die Lage in den Krankenhäusern, welche Landkreise werden bald überwältigt von der Flut der Patienten, wie lässt sich die Hilfe zwischen den Landkreisen organisieren, vielleicht mit Krankentransporten oder Materialtausch? Unterstützung bekommt sein Team von Forschern der Uni Basel und von Kollegen aus Stockholm. Seine Simulationen sehen bedrohlich aus. Entspannt chattet er am Sonntag, und schreibt nebenher einen Kontakt beim Statistischen Landesamt an, um Daten zur Anzahl von Krankenhausbetten zu bekommen. Macht er sich Sorgen oder Hoffnung? "Eher Hoffnung, das liegt aber mehr an mir, dass ich Optimist bin, als an der Simulation."

Corona-Tests besser organisieren

Jonas Zagatta aus Aachen ist 26 Jahre alt und arbeitet bei einem Start-up in Aachen, das eine Software zur smarten Parkplatzsuche entwickelt. Nach einer fast durchgearbeiteten Nacht sitzt er am Sonntagmorgen beim Frühstück,  Laugenecken mit Ei, und tüftelt mit sechs Mitstreitern an einem neuen System, um Corona-Tests flüssiger zu organisieren. "Ich habe mit einem Laborleiter aus Neuruppin und mit der Organisation der Teststation dort gesprochen, die haben mir beschrieben, was sie wirklich brauchen", erzählt er. Ein Arbeitskollege wartet derzeit auf sein Testergebnis. 

Arzt-Befunde digitalisieren

Stefanie Weise ist Mitgründern eines Start-ups, 27 Jahre alt, und arbeitet in einer Berliner IT-Firma als Softwarearchitektin für Firmen-Clouddienste. Sie ist wütend über ein träges, schlecht organisiertes Gesundheitssystem, und darüber, dass sie ihre Großmutter verloren hat. Die hatte mit Mitte 60 eine Schlaganfall, dann infizierte sie sich mit einem Virus und starb. Auch ihre Eltern gehören zu Risikogruppen, ihr Vater ist lungenkrank, ihre Mutter hatte eine Bluttransfusion. "Die aktuelle Krise war der I-Punkt", sagt sie, "es war eine schwere Zeit. Aber ich versuche, Wut in Energie zu wandeln. Ich bin da sehr pragmatisch." Gemeinsam mit ihrem Team, in dem auch Leute aus Spanien und Norwegen sind, will sie Arztbesuche vereinfachen, den Befund digitalisieren, unnötige Anfahrten reduzieren, die Krankschreiben beschleunigen - am liebsten irgendwann sogar europaweit.

Infektions-Tracking ohne personenbezogene Daten

Achill Rudolph aus Berlin ist eigentlich Software-Entwickler bei Mercedes-Benz Vans Mobility. Der Dreißigjährige ist ein großer Fan von Hackathons: "Ich habe mir das Programmieren selbst beigebracht und am Anfang vor allem bei Hackathons von den Pros gelernt." Nun tüftelt er mit fünf anderen an einer Infektions-Tracking-App, die nicht den gläsernen Bürger schafft, sondern den Datenschutz respektiert. Ihr "Elevator Pitch" liest sich so: "Dir wurde eine Infektion ärztlich bestätigt? Dann teile hiermit deine Bewegungshistorie, damit wir sie mit dem Verlauf anderer vergleichen können. Deine Daten bleiben bei uns und andere Nutzer erhalten nur die Information, ob sie mit dir in Kontakt gewesen sein könnten." Er ist begeistert von anderen, die ähnliche Ansätze verfolgen, wie etwa der Oberarzt Gernot Beutel von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Heute Nacht soll eine gemeinsame Party steigen, physisch distanziert, alle gemeinsam und jeder für sich allein vor dem Rechner, aber verbunden über Slack und YouTube.  

Eine Jury wird in den nächsten Tagen festlegen, welche Projekte weiter gefördert werden. Und auch die Netzöffentlichkeit wird auf der Website der Aktion  mitentscheiden dürfen, welche Projekte wichtig und aussichtsreich erscheinen. Nur eines scheint klar. Nach dem Hackathon ist vor dem Hackathon. Demnächst soll es hier weitergehen.