Wahl in Thüringen So können auch Sie zum Dumpfbürger werden

Sie glauben, dass es nicht darum geht, was für die Gesellschaft gut ist, sondern was für Sie gut ist? Dann hat unser Kolumnist etwas für Sie: Eine Anleitung, wie Sie die liberale Demokratie zerstören können.

Warum soll man sich um die Bedürfnisse anderer kümmern, wenn es doch eigentlich nur um einen selbst geht?
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Warum soll man sich um die Bedürfnisse anderer kümmern, wenn es doch eigentlich nur um einen selbst geht?

Eine Kolumne


23,4 Prozent sind für einen Faschisten schon gar nicht schlecht. Aber wenn Sie, geschätztes Publikum, die freie und offene Gesellschaft wirklich vernichten möchten, dann reicht das natürlich nicht. Dann brauchen Sie mehr. Nicht nur mehr Prozente, sondern vor allem mehr von einer ganz besonderen Substanz: der dumpfen Bürgerlichkeit nämlich, dem bösen Zwilling der aufrechten Bürgerlichkeit.

Faschisten gewinnen selten allein, sie brauchen Sympathisanten, Verbündete und Verharmloser. Und dazu taugen auch Sie - wenn Sie sich endlich zur Dumpfbürgerlichkeit bekennen. Ob in Gesprächen in sozialen Medien, in Leitartikeln oder in der Kaffeeküche im Büro.

Sascha Lobo: der Debatten-Podcast #117 - Wahl in Thüringen: So können auch Sie zum Dumpfbürger werden

Nur zu, es geht ganz leicht, denn vor Ihnen haben schon viele diesen Weg beschritten. Die dumpfe Bürgerlichkeit hat sich wie ein, na ja, Nebelteppich im Land ausgebreitet. Bitte begreifen Sie diesen Text als Leitfaden der Dumpfbürgerlichkeit. Schließlich lässt sich jede zivilisatorische Errungenschaft ins Giftige wenden.

Und das ist das Generalrezept zur Zerstörung der liberalen Demokratie: die Umdeutung bürgerlicher Werte und Positionen in Richtung egozentrischer Dumpfheit. Dabei müssen Sie für jeden sinnvollen Aspekt der Bürgerlichkeit eine oberflächlich ähnliche Entsprechung finden, die den bürgerlichen Fundamentalwert der Menschlichkeit durch sein Gegenteil ersetzt. Das geht leichter, als man befürchtet, probieren Sie es doch selbst aus!*

Mäßigung wird zu Lethargie

Das wesentliche Merkmal der Bürgerlichkeit ist die Mäßigung. Die dumpfe Bürgerlichkeit macht daraus Lethargie. Der Unterschied ist, dass Mäßigung eine aktive Entscheidung ist, die manchmal gezielt nicht getroffen wird. Zum Beispiel, wenn es um die Verteidigung der liberalen Demokratie geht, also der einzigen Staatsform, in der aufrechte Bürgerlichkeit existieren kann.

Die lethargische Dumpfbürgerlichkeit hingegen lässt alles geschehen, solange sie selbst nicht betroffen ist. Oder präziser: sich nicht betroffen fühlt. Denn in der dumpfbürgerlichen Welt gerinnt alles zum Ich-Gefühl, selbst die messbare Realität. Wenn sich also das im Erdgeschoss brennende Haus für ihn gar nicht warm anfühlt, fragt der Dumpfbürger auf der Dachterrasse lautstark und rhetorisch, ob das von der Feuerwehr verspritzte Wasser nicht mehr schade als nutze. Konkret müssen Sie den Kampf gegen Extremisten selbst als Extremismus brandmarken.

Anstand wird zu "Political Correctness"

Mit dem Kampfbegriff "Political Correctness" verwandeln Sie die bürgerliche Tugend des Anstands in ein egozentrisches Monster. Wer "Political Correctness" in verächtlichem Sinn sagt, macht seinen eigenen Gefühlsmaßstab zum Mittelpunkt der Welt: Ich entscheide, was herabwürdigend ist und was nicht.

Das N-Wort ist dann eine liebgewonnene Tradition, gegen die drei Ihnen persönlich bekannte schwarze Menschen gar nichts haben, hoho, wohingegen "Kartoffel" und "weißer, alter Mann" höchst rassistische Beleidigungen sind.

Das wird einfacher, wenn Sie Sprache nicht etwa als fluides Kulturkonstrukt begreifen, das Realität gleichzeitig abbildet und prägt, sondern sich Sprache als Denkmal vorstellen. Und zwar als Denkmal von Ihnen selbst. Denn das Geheimnis der richtigen, also dumpfbürgerlichen Anwendung von "Political Correctness" ist, jede eigene Empfindung als unhinterfragbaren "gesunden Menschenverstand" zu betrachten und alle anderen Empfindungen als übertrieben, hysterisch oder humorlos zu verwerfen.

Preisabfragezeitpunkt:
12.09.2019, 11:24 Uhr
Ohne Gewähr

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Sascha Lobo
Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
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Preis:
EUR 22,00

Moral wird zu Hypermoral

Hypermoral ist ein Konzept von Arnold Gehlen, einem noch 1933 in die NSDAP eingetretenen Philosophen, der sein geplantes Großwerk "Die Philosophie des Nationalsozialismus" leider nicht veröffentlichte. Nach dem Krieg wurde er geschmeidig als "Mitläufer" entnazifiziert zur konservativen Leitfigur und dient heute als Stichwortgeber der Neuen Rechten.

Die heutige Unterscheidung zwischen Moral und Hypermoral ist wiederum nichts als Egozentrik: Sie allein entscheiden, was moralisch legitim oder zwingend ist - und wo man aber unbedingt Fünfe gerade sein lassen muss, weil man sonst die Freiheit - sprich: Ihre eigene Freiheit - einschränkt. Aus 3000 Jahren westlicher Moralphilosophie nehmen Sie als Dumpfbürger bitte nur mit, was ihnen situativ in den Kram passt. Vor jeder moralischen Klärung muss die allererste Frage lauten: Und ich?

Meinungsfreiheit wird zu meiner Meinungsfreiheit

Von Gauland lernen heißt siegen und heilen lernen. Und wenn Gauland sagt, dass "die Meinungsfreiheit bei uns in manchen Dingen zu weit geht", dann ist das das Hoheamt der Dumpfbürgerlichkeit. Denn sonst schreien die AfD und ihre Anhänger bei jeder Gelegenheit "Meinungsfreiheit!".

Dieser scheinbare Widerspruch ist in einer dumpfbürgerlichen Welt gar keiner - denn dort existiert nur die Freiheit zu meiner Meinung. Das ist aber, wie selbst noch die linksliberalsten ElfenbeinturmbewohnerInnen* zugeben müssen, bereits im Wort Meinungsfreiheit angelegt, das sonst ja Deinungsfreiheit heißen würde. So werden Sie zum Dumpfplauderer!

Empathie wird zu Weinerlichkeit

Mitgefühl als bürgerlicher, gemeinschaftsstiftender Wert muss aus dumpfbürgerlicher Sicht nur marginal verändert werden. Und zwar erneut durch die Konzentration auf die eigene Person und alle, die einem ähnlich sind. Mitgefühl wird zu Mitgefühl mit sich selbst. Aus Mitleid wird Selbstmitleid. Aus dem eigenen Bauchgefühl wird das verallgemeinerbare Ressentiment.

Als Dumpfbürger dürfen Sie nicht müde werden, die Notwendigkeit zu einer gewissen Härte zu predigen, sollten aber jede noch so sanfte Widrigkeit gegen Sie selbst mit maximaler Weinerlichkeit beantworten. Das Opfer sind stets Sie selbst, und noch wenn Ihr Knüppel verschmiert ist von den Eingeweiden anderer, heben Sie nur die durchs Prügeln entstandene, unangenehme Blutblase in Ihrer Handfläche hervor.

Debatte wird zu Normalisierung

Die bürgerliche Debatte, das wichtigste Instrument der deliberativen Demokratie, dient eigentlich der Aushandlung von Politik. Verwenden Sie die Debatte stattdessen, um Ihre eigenen, tiefsitzenden, rechten Ressentiments zu normalisieren. Reden Sie Vollzeit mit Rechten statt gegen Rechte, binden Sie jede noch so menschenfeindliche Attacke als diskutierbare Meinung in den Diskurs ein. Denn so sieht Ihre eigene, etwas besser gekleidete Menschenfeindlichkeit plötzlich freundlich und harmlos aus.

Aber Vorsicht, das gilt natürlich nur rechts. Praktisch alle, die aus Prinzip ständig mit Rechten reden wollen, begraben dieses Prinzip sofort, wenn es etwa um islamistische Meinungen geht. Dann nämlich leuchtet Dumpfbürgern die Notwendigkeit roter Linien in der Debatte sofort ein. Ihr simpler Ausweg aus diesem Problem heißt: Bigotterie! Sie ist der Schlüssel zu jeder guten Dumpfbürgerlichkeit.

Menschenwürde wird zu Selbstähnlichkeit

Und das also ist des Dackels Kern: Während Bürgerlichkeit die Menschenwürde als höchstes Gut begreift, stuft die Dumpfbürgerlichkeit sie geschmeidig ab. Je ähnlicher jemand Ihnen ist, in egal welcher Hinsicht, um so mehr Würde gestehen Sie ihm zu.

So einfach ist es wirklich, denn auf diese höchst elegante Weise können Sie bei der Rettungsaktion für eine weiße Britin im Mittelmeer ehrlich betroffen mitfiebern und zugleich das strategische Ertrinkenlassen afrikanischer Migranten als anwendbares politisches Instrument betrachten.

Selbstähnlichkeit ist Ihre magische Soße, die Sie der Bürgerlichkeit beimischen. Der gigantische Ödön von Horváth schrieb: "Der Spießer ist bekanntlich ein hypochondrischer Egoist, und so trachtet er danach, sich überall feige anzupassen und jede neue Formulierung der Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet." Gemeint hat er es als diagnostische Warnung - aber Sie als Dumpfbürger wissen: Es ist eine Anleitung. Prost Deutschland!

*Empfohlen nur für weiße, heterosexuelle, nicht jüdische, nicht behinderte, nicht arme Cis-Männer. Alle anderen stellen sich bitte nicht so an, ja?

Die Podcast-Frage:

Wie kämpft man gegen seine eigene Dumpfbürgerlichkeit?



insgesamt 445 Beiträge
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Seite 1
buffbuff 30.10.2019
1. klasse
und dann bitte die abhilfe auch gedruckt
Bohrwurm 30.10.2019
2. Geht nicht
"Sagen Sie Ihre Meinung!" Sry kann ich gerade nicht, bin zu "dumpf" im Kopf, trotz Abitur, abgeschlossenem und praktiziertem Hochschulstudium, ohne Drogenabhängigkeit bei gelegentlichem Weingenuss.
CHSAprazivel 30.10.2019
3. Alles was Lobo fuer seine gute Seite reklamiert
Spricht er den anderen, den boesen, ab. DAS ist der Niedergang der Demokratie. Und wenn beleidigendes Abwerten andersdenkender als Meinung deklariert wird, darf Spon's Nettikette nicht mehr das Mass sein. Denn so eine Meinung ist auch Dumpfbuergertum.
severus1985 30.10.2019
4. Großartiger Kommentar
Leider werden die Dumpfbürger (was für ein schönes Wort) diesen Artikel nicht lesen, dabei könnten diese so viel über sich lernen.
ange-mayert 30.10.2019
5. Dazu gibt....
....es fast nichts hinzuzufügen. Ich befürchte nur, dass diejenigen, die es wirklich angeht, sich nicht die Mühe machen, die feinsinnige Ironie eines Sascha Lobo zu durchdringen. Andererseits, vielleicht bin ich ja auch schon ein bisschen abgedumpft. Ich freue mich jedenfalls, dass man bis jetzt noch reden darf. A. Sakschewski
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