WWW-Erfinder Tim Berners-Lee Liebe Leserin, lieber Leser,

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das World Wide Web ist kaputt, nach 29 Jahren kann das ja mal passieren. Facebook hat das am Wochenende eindrucksvoll demonstriert: Eine Kette von Programmierfehlern erlaubte es Unbekannten, sich Zugang zu 50 Millionen Nutzerkonten zu verschaffen. Das ist die Folge der Zentralisierung im WWW - die großen Plattformen, insbesondere von Facebook, verwalten Milliarden von Nutzerkonten, und jeder ihrer Fehler (e)skaliert entsprechend.

Sir Tim Berners-Lee (Archivbild von 2011)
REUTERS

Sir Tim Berners-Lee (Archivbild von 2011)

WWW-Erfinder Sir Tim Berners-Lee will alles ändern: die Macht der Plattformen, die Monetarisierung jeder Information, den Kontrollverlust der Nutzer. "Ein kleiner Schritt für das Web ..." steht als Überschrift über seinem Blogpost vom Samstag. Für wen es ein großer Schritt werden soll, können Sie sich sicherlich denken.

Schon seit einigen Jahren bastelt Berners-Lee an einem Open-Source-Projekt namens Solid, mit dem er die Grundlage für ein besseres WWW legen will, in dem jeder einzelne Nutzer die Kontrolle über seine Daten behält. Die Grundidee: Jeder sucht sich selbst aus, wo er seine Daten speichert, wer welche davon einsehen oder nutzen darf und mit welchen Anwendungen das möglich ist.

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Das Konzept dahinter heißt Linked Data, in seinen Grundzügen ebenfalls erdacht von Berners-Lee, vor etwa zwölf Jahren. Jede Datei im Netz bekommt eine eigene URL, und jede andere Datei kann darauf Bezug nehmen. Verlinkt werden die Dateien mithilfe bestehender Web-Standards und -Spezifikationen. Und Zugriffsrechte auf die eigenen Dateien verwalten die Nutzer selbst. Ein Facebook wäre damit überflüssig.

Noch ist das alles recht abstrakt, genau das will Berners-Lee nun ändern. Er hat sich dazu eine Auszeit am MIT genommen und eine Firma namens inrupt gegründet, um Solid zu verbreiten. Inrupt soll das werden, was Netscape einst für das WWW war: ein erster einfacher Zugangsweg. Ab dieser Woche sollen Entwickler überall auf der Welt ihre eigenen Apps für Solid bauen können, mithilfe der Werkzeuge, die inrupt ihnen zur Verfügung stellt.

"Das Ziel ist die Weltherrschaft", scherzte Berners-Lee im Gespräch mit "Fast Company".

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Facebook wird verklagt

Die Grünen gehen jetzt juristisch gegen Facebook vor. Vielleicht erinnern Sie sich: Im Juni hatte ich berichtet, dass die Bundestagsfraktion der Partei das Unternehmen aufgefordert hatte, den Umgang mit Nutzerdaten auf ihrer Fanpage genau zu erklären. Vorausgegangen war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, der eine gemeinsame Verantwortung von Fanpage-Betreibern und Facebook für den Datenschutz der Seitenbesucher feststellte.

Die Fraktion wollte wissen, wie sie ihre Fanpage rechtssicher weiterbetreiben kann, und verlangte deshalb tiefe Einblicke in Facebooks Datenerhebung und -verarbeitung. Die aber habe sie bis heute nicht bekommen, daran ändere auch Facebooks neue Informationsseite für Seitenbetreiber nichts. Die nämlich sei "unzureichend", heißt es in der dem SPIEGEL vorliegenden Klageschrift der Frankfurter Media Kanzlei, die nun die Klage am Landgericht Hamburg eingereicht hat. "Wir wollen jede Chance nutzen, um zu mehr Transparenz und Datenschutz bei Facebook zu kommen", teilte die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt mit.

Seltsame Digitalwelt: RSA?

Vor einigen Tagen war ich zu einem Hintergrundgespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden einer Krankenkasse eingeladen, es sollte unter anderem um die Gesundheitsdaten-App Vivy gehen, über deren fragwürdigen Einsatz von Trackern wir berichtet hatten. Doch das war nicht das einzige Thema, irgendwann sprach der Mann, der direkt neben mir saß, auch über RSA, und alle anwesenden Journalisten nickten wissend.

Natürlich weiß ich, wofür RSA steht, jedenfalls in meiner Welt: das asymmetrische Verschlüsselungsverfahren nach Rivest, Shamir und Adleman, das oftmals für den sicheren Austausch kryptografischer Schlüssel verwendet wird. Aber irgendwie ergab das, was der Krankenkassenchef darüber sagte, keinen Sinn. Ich begann mich zu fragen, ob er von Technik vielleicht doch nicht so viel Ahnung hat, wie mich seine Anmerkungen zu Vivy und dem sicheren Umgang mit Patientendaten zuvor hatten glauben lassen.

Dass der Fehler bei mir lag, dämmerte mir nach einigen Minuten. Ich googelte - von ihm hoffentlich unbemerkt - "RSA Krankenkasse" und bekam des Rätsels Lösung angezeigt: In der Welt aller anderen Menschen im Konferenzraum steht RSA für Risikostrukturausgleich.


App der Woche: "Tapete"
getestet von Tobias Kirchner

llevo3 design

Lust auf einen Tapetenwechsel? Jeden Tag starrt man auf das Hintergrundmotiv seines Smartphones. Die Suche nach einer passenden Alternative, die eine entsprechende Auflösung und das richtige Bildformat bieten, ist selten leicht. Die App "Tapete" bietet verschiedene minimalistische Fotos sowie Grafiken in einer hochwertigen Aufmachung und mit guter Auflösung. Direkt aus der Anwendung können Start- und Sperrbildschirm neu eingestellt werden.

Außerdem ist die App kostenlos und kommt im Gegensatz zu vergleichbaren Angeboten komplett ohne Werbung aus. Der Entwickler von "Tapete" ist zudem gleichzeitig der Urheber der angebotenen Motive. Einziger Nachteil: Bisher bietet die App nur etwas mehr als 60 Fotos und Grafiken.

Gratis von llevo3 design, ohne In-App-Käufe: Android


Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "How Russia Helped Swing the Election for Trump" (Englisch, 18 Leseminuten)
    Haben Hackerattacken und Onlinepropaganda aus Russland die US-Wahl entscheidend beeinflusst? Ein interessanter "New Yorker"-Artikel über ein neues Buch der US-Professorin Kathleen Hall Jamieson.

  • "Wir müssen die Tech-Konzerne haftbar machen" (fünf Leseminuten)
    Anfang 2019 soll ein neuartiges datenjournalistisches Portal namens "The Markup" starten. Dirk Peitz von "Zeit Online" hat sich die Idee von der Mitgründerin Julia Angwin näherbringen lassen.

  • "Das steckt hinter dem Scrabble-Prank von Dojo" (vier Leseminuten)
    Sie haben letzte Woche irgendwo im Netz gelesen, dass der Brettspielklassiker Scrabble bald "Buchstaben YOLO" heißen wird? Die angebliche Umbenennung war nur ein Marketing-Stunt, wie "Horizont" erklärt.

Ich wünsche Ihnen eine fantastische WWWoche,

Patrick Beuth

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insgesamt 3 Beiträge
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Newspeak 01.10.2018
1. ...
"in dem jeder einzelne Nutzer die Kontrolle über seine Daten behält." Und was soll das aendern? Das Problem, dass Nutzer bereitwillig ihre Daten zur Verfuegung stellen, bleibt. Das Problem mit dem Internet sind auch nicht die privaten Nutzer. Das Problem sind Staaten und Konzerne und ueberhaupt alle Institutionen. Das Internet kann nur dann wieder "gut" werden, wenn man jede kommerzielle oder propagandistische Nutztun verhindern koennte. Geld ist es, was das Netz korrumpiert, und Macht, und in diesem Punkt bildet das Internet exakt die reale Welt ab.
lotharbongartz 01.10.2018
2. Eigene Webseite statt Facebook Profil
Das ist ja die vereinfachte Analogie. Es gibt aber immer den Bedarf für Suche, wie Google eindrucksvoll zeigt. Meine Firma bietet schon heute Webseiten an, die aus einer einzigen Datei im Web-Standard JSON bestehen. Der Besitzer hat die 100%ige Kontrolle. Die Datei kann exportiert, mit Standard-Werkzeugen bearbeitet, und auch wieder importiert werden. Der Besitzer kann diese Daten auch anderen Apps zur Verfügung stellen. JSON ist sowohl von Menschen als auch von Programmen hervorragend bearbeitbar und wird daher von fast jeder APP schon verwendet. Wir haben sogar ein künstliches Webdesigner Programm, das diese Dateien erzeugen, überprüfen und verändern kann. Jeder kann schon heute kostenlos diese Technologie nutzen und kooperieren.
timo0105 02.10.2018
3. Guter Ansatz
Die Idee ist prima. Allerdings wäre das das Ende der Kostenloskultur. Momentan ist vieles im Internet frei verfügbar, weil wir mit unseren Daten Zahlen. Fällt dieses Zahlungsmittel weg, muss anders finanziert werden.
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