Einseitige Artikeländerungen Warum ein Wikipedianer 8000 Euro Schadensersatz zahlen soll

Ein Wikipedia-Autor soll einem Komponisten 8000 Euro zahlen, weil er ihn als Verschwörungstheoretiker darstellte. Er hatte so etwas schon früher getan. Funktionieren die Kontrollmechanismen der Online-Enzyklopädie noch?
Urteil gegen Wikipedia-Autor: »Maßstab der Objektivität in relevanter Weise verlassen«

Urteil gegen Wikipedia-Autor: »Maßstab der Objektivität in relevanter Weise verlassen«

Foto: SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/Shutterstock

Die Feiern zum 20. Geburtstag der Wikipedia sind gerade vorbei – da wirft ein neues Urteil schlechtes Licht auf die Online-Enzyklopädie. Das Landgericht Koblenz hat einen langjährigen Wikipedia-Autor verurteilt, 8000 Euro Schadensersatz an einen isländischen Komponisten zu zahlen, weil der sich durch den Artikel über sich nicht nur gekränkt sah, sondern auch handfeste geschäftliche Nachteile durch die prominente Platzierung der Wikipedia in Suchmaschinen geltend machte.

Hinzu kommen für den Beklagten mehrere tausend Euro Rechtskosten. Rechtskräftig ist die Entscheidung allerdings noch nicht.

Der Wikipedianer mit dem Pseudonym »Feliks« habe es gezielt darauf angelegt, den Kläger als unglaubwürdigen Verschwörungstheoretiker erscheinen zu lassen. So bezeichnete er den Isländer als »Hauptvertreter des Antizionismus«. Wegen mehrerer Aufsätze über die Sanktionen gegen den Irak suggerierte der Wikipedia-Autor eine Nähe des Komponisten zum Diktator Saddam Hussein. Auch die beruflichen Qualifikationen des Komponisten zog er in Zweifel. Er schrieb zum Beispiel, eines seiner Werke sei nie aufgeführt worden oder dass er sich inzwischen auf das Komponieren von Übungsstücken für Kinder verlegt habe. All diese Behauptungen waren nach Feststellung des Gerichts falsch oder irreführend.

Ein Mann auf einer Mission

Der Richter sahen hierin einen Verstoß gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht und unterstellte dem Wikipedia-Autor Vorsatz. Er sei bereits in der Vergangenheit durch einseitige Bearbeitungen aufgefallen, die auch das Landgericht Hamburg beschäftigt hatten. Obwohl es keine völlig neutralen Wikipedia-Artikel geben könne, habe »Feliks« den »Maßstab der Objektivität in relevanter Weise verlassen« und die Enzyklopädie als eine Art »Gesinnungspranger« eingesetzt, steht in dem Hamburger Urteil, aus dem das Landgericht Koblenz ausführlich zitierte. Deshalb ging es auch über den vom Kläger geforderten Schadensersatz von mindestens 5000 Euro hinaus.

Die Entscheidung ist mittlerweile auf den Diskussionsseiten der Wikipedia angekommen. Einige Wikipedianer fordern die sofortige Sperre des streitbaren Autors, da der als »man on a mission« – als »Mann auf einer Mission« – die Wikipedia-Regeln grob missachtet habe. Andere nehmen eine Verteidigungshaltung ein, da sie externen Druck auf die Enzyklopädie grundsätzlich ablehnen. Wieder andere suchen eine neue Kompromisslösung: Die inzwischen bereinigte Version des Artikels sei zu unkritisch und zeichne ein zu positives Bild von dem Isländer. So war der Komponist Teil einer Reisegruppe, die 2012 dem damaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad einen umstrittenen Besuch abstattete.

Die streitbare Wikipedia

Der Fall wirft ein Licht darauf, wie die Arbeit in der Wikipedia in der Praxis funktioniert. Wer sich das Schreiben einer Enzyklopädie als durchweg nüchterne und gediegene Angelegenheit vorstellt, dürfte bei den ersten eigenen Schreibversuchen überrascht sein, wie konfrontativ der Prozess verläuft. Kein Zufall: Wikipedia ist zum Teil auf Streit gegründet. Jeder kann prinzipiell jede Information in Wikipedia schreiben – und jeder andere kann sie wieder herausstreichen. Ein Grundgedanke des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales: Die Waffengleichheit soll dafür sorgen, dass sich die unterschiedlichen Lager auf eine Artikelversion einigen, die allen Seiten zumindest fair vorkommt.

Bei mittlerweile 2,5 Millionen Artikeln allein in der deutschen Wikipedia-Ausgabe ist ein solcher ständiger Verhandlungsprozess aber nicht zu organisieren. Deshalb gibt es mittlerweile automatisierte Spam-Filter, die Vandalismus-Versuche gelangweilter Schüler aussortieren. Beiträge unangemeldeter Nutzer müssen erst von einem Wikipedia-Autor durchgewinkt werden, bevor sie für die Öffentlichkeit freigeschaltet werden. Das ist besonders wichtig, weil viele Angebote wie Google Behauptungen von Wikipedia übernehmen und weiterverbreiten. Zudem gibt es Relevanzkriterien, die sicherstellen sollen, dass es für jeden Artikel in der Wikipedia ausreichend glaubwürdige Quellen gibt.

Parallel hat sich auch eine eigene Wikipedia-Technokratie entwickelt: Wer über Jahre an Artikeln mitschreibt, Spam löscht und sich konstruktiv an Diskussionen beteiligt, kann mit einem Vertrauensvorschuss bei anderen Wikipedia-Autoren und bei Administratoren rechnen, die unter anderem für das Sperren von Nutzern zuständig sind. Laut Wikipedia-Statistik sind monatlich zwischen 6000 und 7000 Autorinnen und Autoren in der Wikipedia mit mehreren Beiträgen aktiv. Der Löwenteil der Arbeit bleibt jedoch bei eher wenigen Menschen hängen.

Gericht erkennt Wikipedia-Regeln an

Führt das Urteil von der Mosel nun zu einem Umdenken in der Wikipedia? John Weitzmann, Leiter der Abteilung Politik und Recht bei Wikimedia Deutschland, sieht keinen generellen Handlungsbedarf. »Das Landgericht Koblenz hat sich in seiner Urteilsbegründung auf die Community-Regeln der Wikipedia bezogen – was zeigt, dass diese Regeln in den Augen des Gerichts in Ordnung sind.« Ohnehin habe der Wikimedia-Verein mit Sitz in Berlin nur begrenzt Einfluss auf das, was in der Wikipedia geschieht. In Extremfällen werden Artikel von der Wikimedia Foundation in San Francisco gelöscht. In der Vergangenheit unterstützte der Verein Wikipedia-Autoren vor Gericht, wenn es etwa um grundsätzliche Klagen zum Urheberrecht geht. Nicht so dieses Mal: »Wikimedia Deutschland war in dem Fall nicht involviert«, sagt Weitzmann.

Dass Wikipedia-Autoren über Jahre unter einem Pseudonym aktiv und unter Umstände für eine Klage gar nicht greifbar sind, ist Teil der Realität der Wikipedia. »Wir sind für einen starken Pseudonymschutz, weil auf Wikipedia-Autoren immer wieder unzulässiger Druck ausgeübt wird«, sagt Weitzmann. Auch mit Journalisten sprechen viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer nur unter Pseudonym, insbesondere wenn es um Themen wie die Corona-Bekämpfung geht. Immer wieder versuchen manche Gruppen, Wikipedia-Autorinnen und -Autoren öffentlich anzuprangern und sogar bei ihren Arbeitgebern anzuschwärzen, wenn sie mit der Wikipedia-Version bestimmter Geschehnisse nicht einverstanden sind.

Wer sich von der Community unsachgemäß behandelt sieht, kann sich etwa per E-Mail an ein ehrenamtliches Support-Team wenden , sollte vorher aber auch einen Blick in die Wikipedia-Regeln werfen, die insbesondere bei den Artikeln über noch lebende Personen  sehr ausführlich sind.

Trotz der teilweise chaotisch anmutenden Diskussionen können Wikipedianer in Streitfällen oftmals die Oberhand behalten. So hat sich der Deutsche Fußball-Bund erst in der vergangenen Woche bei der Online-Enzyklopädie entschuldigt, weil eine PR-Agentur den Wikipedia-Eintrag von Generalsekretär Friedrich Curtius aufgehübscht hatte, ohne dass die Auftragsarbeit offengelegt worden war.

Hinweis: Dieser Artikel hatte zunächst eine andere Überschrift, die trotz des noch nicht rechtskräftigen Urteils als Vorverurteilung von »Feliks« verstanden werden konnte. Wir bedauern das und haben die Überschrift geändert.