Kryptowährungen unerwünscht Bitte keine Bitcoins mehr für Wikipedia

Die Wikimedia Foundation setzt ein Zeichen gegen Energieverschwendung und Spekulation – und nimmt keine Spenden mehr in Bitcoin an. Viel Geld entgeht ihr durch diesen Strategiewechsel nicht.
Foto: NurPhoto / NurPhoto / Getty Images

Die Wikimedia Foundation hat entschieden, künftig keine Spenden mehr in Kryptowährungen entgegenzunehmen. Damit kommt die US-Stiftung, die die freie Enzyklopädie Wikipedia betreibt, einer Petition von Autorinnen und Autoren nach, die diesen Schritt gefordert hatten.

Bei der Finanzierung der Wikipedia spielten Bitcoin, Ethereum und andere Kryptowährungen bisher allerdings nur eine winzige Rolle. Laut einer Bilanz nahm die US-Stiftung auf diesem Wege gerade einmal 130.000 Dollar ein. Zum Vergleich: Der aktuelle Jahresplan  sieht Ausgaben in Höhe von 150 Millionen Dollar vor.

Der Hype um Kryptowährungen sorgt bereits seit einiger Zeit für Verstimmung bei Organisationen, die sich schon früh der Freiheit im Internet verschrieben hatten. Im April stoppte die Mozilla Foundation , die den Open-Source-Browser Firefox herausgibt, die Möglichkeit, ihr Bitcoins zu spenden. Diese und andere Kryptowährungen vertragen sich nicht mit der Selbstverpflichtung, die eigene Arbeit klimaneutral zu gestalten, begründete Mozilla diesen Schritt. Weiterhin will die Stiftung aber Kryptowährungen annehmen, die das weniger energieintensive Verfahren »proof of stake« verwenden.

Die Antithese zur eigenen Vision

Die Wikipedianer gehen mit ihrer Entscheidung darüber hinaus: Sie wollen, dass die Enzyklopädie überhaupt keine Verbindungen mehr zum Hype um Kryptowährungen hat. Sie sehen in Bitcoin, Ethereum und Co. die Antithese zu dem Internet, das die Wikipedia vorantreiben will.

»Einige Befürworter sprechen weiterhin von Freiheit und Dezentralisierung, aber der Markt ist überwiegend zu einer Gelegenheit zur Selbstbereicherung auf Kosten anderer und der Umwelt geworden«, schrieb die langjährige Wikipedia-Autorin und Kryptowährungs-Kritikerin Molly White im Januar. Statt Bankdienstleistungen für Unterprivilegierte zu schaffen, hätten sich wenige an dem neuen Investitionshype bereichert. An der Normalisierung solcher hochspekulativer Anlageform könne sich die Wikipedia deshalb nicht beteiligen .

Fans von Kryptowährungen versuchten daraufhin, die Wikipedia-Community zu überzeugen, ihre Verbindungen zum Kryptowährungsmarkt nicht zu beenden. Sie argumentierten, dass der Umweltschaden durch Bitcoin übertrieben werde, dass die Blockchain-Dezentralität der Philosophie der Wikipedia entspräche und dass man sich alternativen, besser regulierten Kryptowährungen nicht verschließen dürfe.

Letztlich aber setzten sich nach einer dreimonatigen intensiven Debatte die Gegner von Kryptowährungen durch: 234 Wikipedia-Autoren unterstützten das Bitcoin-Verbot, 94 stimmten dagegen.

Jahrelanges Lobbying

Dass Wikipedia zur Normalisierung der Kryptowährungen eingesetzt werden sollte, lässt sich kaum bestreiten. Der Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales  zum Beispiel wurde zu Kryptowährungs-Konferenzen eingeladen und immer wieder aufgefordert, die Wikipedia von einer herkömmlichen Datenbank auf eine Blockchain zu verschieben.

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Ein solcher Schritt ergab aus Sicht des Unternehmers jedoch keinen Sinn: Die Blockchain-Techniken sind nicht nur viel ineffizienter und langsamer als die derzeit eingesetzten Datenbanken. Auch die Verknüpfung von Wikipedia-Beiträgen mit finanziellen Anreizen bot zu viel sozialen Sprengstoff für ein Projekt, das durchweg auf die Arbeit von Freiwilligen angewiesen ist. Ein Klon der Wikipedia namens Everipedia, bei dem Autoren mit einer eigenen Kryptowährung entlohnt werden, war nach kurzer Zeit in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Pseudo-Wikipedia als NFT

Trotzdem entschied sich Wales, an dem Spekulationshype zu partizipieren und versteigerte über das Auktionshaus Christie's ein sogenanntes NFT mitsamt einem Wiki , das der Wikipedia in ihrem Anfangsstadium ähnlich sehen soll. Der Erlös: 750.000 Dollar. Für den iMac, auf dem Wales tatsächlich die ersten Wikipedia-Versuche unternommen hat, bekam Wales 187.500 Dollar.

Das Geld sollte zwar nicht Wikipedia, sondern Wales' neuer Plattform WT.Social zugutekommen. Doch für die Kryptowährungs-Kritiker unter den Wikipedianern war die öffentlichkeitswirksame Auktion ein Zeichen, dass die Zeit gekommen sei, einen Trennstrich zu ziehen.

Obwohl Abstimmungen wie die über den Bitcoin-Bann formal nicht bindend sind, entschied sich die Wikimedia Foundation, der Aufforderung zu folgen. Von Bitcoin-Kurssteigerungen hatte die US-Stiftung übrigens keinen unmittelbaren Nutzen, weil die Spenden direkt bei Eingang über den Zahlungsdienstleister Bitpay in Dollar umgewandelt wurden.

Wikipedia ist nicht anti-kommerziell

Grundsätzlich hat die Wikimedia Foundation beim Thema Finanzierung wenige Berührungsängste. Immer wieder nimmt die Stiftung große Geldbeträge von Konzernen wie Microsoft und Google entgegen. Im vergangenen Jahr hat sie zudem ein kommerzielles Angebot gestartet , mit dem Großkunden auf Wikipedia-Inhalte zugreifen können, um das dort gespeicherte Wissen in ihre eigenen Angebote zu überführen.

Wirklich für immer hat die Wikimedia Foundation auch die Welt der Kryptowährungen nicht abgeschrieben. In ihrer Ankündigung, die Zahlmöglichkeiten per Bitpay einzustellen, hält sich Wikimedia-Managerin Lisa Seitz-Gruwell eine Hintertür offen und schreibt: »Wir werden weiterhin flexibel bleiben und auf die Bedürfnisse von Freiwilligen und Spendern eingehen.«