Interview mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales "Fake-Nachrichten können die Wikipedia-Community nicht beeindrucken"

Wenn Populisten öffentliche Debatten bestimmen, wie kann eine Online-Enzyklopädie dagegen bestehen? Wikipedia-Gründer Jimmy Wales spricht über Fake News, Desinformationskampagnen und Diversität.

Jimmy Wales
Martin BUREAU / AFP

Jimmy Wales

Von Torsten Kleinz


Zur Person
  • Rosdiana Ciaravolo / Getty Images
    Jimmy Wales, Jahrgang 1966, stammt aus Alabama und hat seit den Neunzigerjahren eine Reihe von Internetunternehmen gegründet. Mit der Wikipedia wollte Wales jedoch keine Gewinne machen und übertrug das Projekt der gemeinnützigen Wikimedia Foundation. Das Gespräch mit ihm fand im Rahmen der "Digital X" in Köln statt.

SPIEGEL: Herr Wales, Sie haben ihre Rolle in der Wikipedia einst mit der der Queen von England verglichen. Welche Funktion haben Sie heute?

Wales: Ich hab keine formale Rolle in der Community, ich bestimme nicht, wie die Dinge laufen. Im Vorstand der Wikimedia Foundation fungiere ich als eine Art Gedächtnis: Ich weiß, welche Diskussionen wir in der Vergangenheit schon hatten und kann so dazu beitragen, dass wir dieselben Fehler nicht zu oft hintereinander machen. Meine Hauptaufgabe ist es, die Leute an unsere Grundwerte zu erinnern.

SPIEGEL: Kann man politische Strömungen - etwa den Aufstieg der Populisten wie Donald Trump - auch in der Wikipedia spüren?

Wales: Niemand ist hiervon nicht betroffen. Das aufgeheizte Klima des Zeitalters von Trump spüre ich in der Wikipedia aber eher nicht. Die Wikipedia-Community ist sehr gut darin, die Qualität von Quellen zu bewerten. Fake-Nachrichten wie "Der Papst unterstützt Trump", die bei sozialen Netzen viral werden, können eher nur naive Nutzer beeindrucken, nicht die Wikipedia-Community. Andere Entwicklungen machen mir da mehr Sorgen.

SPIEGEL: Nämlich welche?

Wales: Zum Beispiel der Niedergang der Lokalpresse. Man kann keinen guten Wikipedia-Artikel zu einer Kleinstadt schreiben, wenn es keine Nachrichten mehr über diese Kleinstadt gibt. Dies wird langfristig Auswirkungen auf die Qualität der Wikipedia haben.

Jimmy Wales auf der "Digital X" in Köln
Deutsche Telekom

Jimmy Wales auf der "Digital X" in Köln

SPIEGEL: Es gibt durchaus auch Desinformationskampagnen auf Ihrer Plattform. So kam etwa vor Kurzem heraus, dass mutmaßlich polnische Nationalisten einen Wikipedia-Artikel über Jahre verfälschen konnten, indem sie ein Nazilager falsch darstellten und die Zahl polnischer Opfer gezielt übertrieben.

Wales: Dieser spezielle Fall ist sehr kompliziert. Erstens handelte es sich um einen wenig beachteten Artikel, zweitens war die historische Quellenlage sehr unübersichtlich. Das ist natürlich keine Entschuldigung, wir müssen bei diesen Artikeln bessere Arbeit leisten. Allerdings ist es nicht ganz so schlimm, wie es teilweise dargestellt wird: Auf Twitter wurde ich angegangen, ob nun Holocaustleugner bei der Wikipedia das Sagen hätten. Das ist natürlich nicht der Fall.

SPIEGEL: Gibt es viele solcher Kampagnen?

Wales: Wir haben bisher gute Arbeit geleistet, so etwas abzuwehren. Die Wikipedia funktioniert am besten, wenn wir eine starke Gemeinschaft haben. Leute, die sich gegenseitig kennen und ein Auge auf die Entwicklungen haben. Viele Menschen meinen, es wäre einfach, die Wikipedia zu manipulieren, weil jeder sich beteiligen kann. In der Realität ist es aber deutlich schwerer.

SPIEGEL: Es war ein Slogan der Wikipedia, dass jeder an Wikipedia-Artikeln mitschreiben kann. Sollte auch jeder mitarbeiten?

Wales: Wir sagen immer noch, dass jeder mitarbeiten kann. Aber nicht jeder hat Spaß daran, es ist intellektuelle Arbeit. Ich glaube, unser Geschäftsmodell führt uns da in eine ganz andere Richtung als werbefinanzierte soziale Netzwerke. Wir müssen unsere Plattform nicht darauf optimieren, möglichst viele Besucher anzuziehen.

SPIEGEL: Die werbefinanzierten Plattformen nutzen aber das Wissen der Wikipedia. Zum Beispiel blendet Google seit Jahren Kurzdefinitionen aus den Artikeln auf der Suchergebnisseite an.

Wales: Alles in der Wikipedia ist frei lizensiert. Wir sind froh, wenn unsere Arbeit das Leben der Menschen positiv beeinflusst - auf welchen Wegen auch immer. Natürlich sind wir zufriedener, wenn wir als Quelle genannt werden. Google macht das ganz gut. Wenn man aber Alexa fragt: "Wer ist Tom Cruise?", dann liest sie die ersten zwei Sätze aus dem Wikipedia-Artikel vor, ohne dem Nutzer zu sagen, woher die Informationen stammen. Es wäre schlecht, wenn Leute meinten, dass die Wikipedia entbehrlich ist, weil Alexa ja alles weiß.

SPIEGEL: Sollten Konzerne wie Google, Amazon und Facebook mehr tun, um die Wikipedia zu unterstützen?

Wales: Ja, vielleicht. Aber wir legen großen Wert auf unsere Unabhängigkeit. Der größte Teil unserer Einnahmen stammt von Kleinspendern. Das soll auch so bleiben. Wann immer ein Konzern uns große Geldbeträge spendet, gibt es teils paranoide Reaktionen: Welchen Einfluss wollen sie auf die Wikipedia ausüben?

SPIEGEL: Diversität ist in der Wikipedia-Community derzeit ein großes Thema. Es gibt zum Beispiel viel weniger Artikel über Frauen als Männer. Bildet das nur das Ungleichgewicht der Gesellschaft ab - oder trägt Wikipedia zum Ungleichgewicht bei?

Wales: Beides ist der Fall. Zum Beispiel: Wenn man Wissenschaftler aus dem 18. Jahrhundert nachschlägt, wird man darunter wenige Frauen finden, weil sie damals systematisch vom Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen waren. Dieses Problem können wir heute nicht lösen. Aber natürlich stellt sich die Frage, inwieweit Wikipedia das Ungleichgewicht verstärkt. Zum Beispiel hat jemand die Artikel von preisgekrönten Autorinnen und Autoren untersucht. Die Artikel zu den Autorinnen waren wesentlich kürzer als die zu den männlichen Autoren.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Wales: Jedenfalls nicht daran, dass die Wikipedia-Community glaubt, dass Frauen weniger wichtig sind. Leute schreiben über das, was sie kennen - etwa Science-Fiction-Literatur, die weitgehend von männlichen Autoren und Lesern geprägt wird. Allerdings gibt es auch viele andere Genres, und wir müssen uns überlegen, wie wir diese Stimmen in unsere Community integrieren. Hier müssen wir über Verhaltensstandards in der Community nachdenken: Nehmen wir das Thema ernst genug? Sind wir einladend genug?

SPIEGEL: Was ist das wichtigste Problem, das Sie gerne lösen würden?

Wales: Eine der größten Herausforderungen ist das Wachstum der Wikipedia in den Sprachen der Entwicklungsländer. Die nächste Milliarde Menschen, die einen Onlinezugang bekommt, wird mit Mobilgeräten ins Internet gehen. Es ist schwer, auf Smartphones Wikipedia-Artikel zu schreiben. Deswegen investieren wir immer mehr Ressourcen, um den Zugang für diese Menschen zu verbessern. Für mich ist das die ursprüngliche Vision der Wikipedia, eine Enzyklopädie für alle in ihren eigenen Sprachen anzubieten. Das ist mein Lebenswerk.



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emcioran 06.11.2019
1. Hoch lebe Wikipedia!
Auch wenn ich mehrere vielbändige Lexika im Keller - nicht im Gemüse- bzw. Kohlenkeller - stehen habe, will und kann ich auf die Wikipedia nicht verzichten. Das liegt auch an den Vorzügen diditaler Medien. Wenn ich z. B. einen Artikel in der Brockhausenzyklopädie, in der MGG, RGG oder im Lexikon des Mittelalters nachschlage, dann ist mein Schreibtisch bald voll mit weiteren Bänden. In der digitalen Welt reich eben schon ein Klick. Und weil das so ist, bekommt Wikipedia jedes Jahr im Dezember eine moderate Spende. Ich wünsche Wikipedia ein langes Leben!
Susi64 06.11.2019
2. Wikipedia ist sehr unterschiedlich
Wenn es um Wissenschaft geht, dann ist das englischsprachige Wikipedia sehr gut, auch in Deutsch ist es in Ordnung, allerdings gibt es da weniger verfügbare Artikel und in vielen Fällen sind es auch nur Kopien der englischsprachigen Seiten. Alles, was in irgendeiner Form mit "Meinung" zu tun hat ist zumindest in der deutschsprachigen Wikipedia ein Problem. Zum einen sind Meinungen verschieden und gerade die neuere Geschichte wird von verschiedenen Seiten eben verschieden beurteilt. Hier halte ich von der deutschen Wikipedia gar nichts. Offensichtlich gibt es gerade zu politische Fragen einen eingeschworenen Klüngel, der seine Meinung durchsetzt. Sicher sind politische Fragen besonders strittig, aber wenn Wikipedia seinem Ruf gerecht werden will, dann sollte die Vielfalt abgebildet werden. Wenn es um Stars und Sternchen geht, dann habe ich kein Problem damit, wenn sie ihre Fan-Seite eben auch auf Wikipedia haben, solange es sich um Fakten handelt und nicht um Klatsch und Tratsch.
vielflieger_fred 06.11.2019
3.
Dünnes Eis. Das System Wikipedia funktioniert auch nicht tadellos. Da spielt auf Adminseite noch eine viel zu große Menge Stolz mit.
Motorpsycho 06.11.2019
4.
Einfach mal nach Wikipedia und "Feliks" googeln. Viele Themen sind von bestimmten Grüppchen besetzt und wer unbedarft Wissen ergänzt, der wird sein blauer Wunder erleben. Kein Wunder, dass da abseits dieser Fanatiker niemand mehr Lust darauf hat, da mitzuarbeiten.
static_noise 06.11.2019
5.
Schade wenn man die Objektivität zu seinem "Baby" verliert. Die Wikipedia ist lange nicht mehr objektiv und sachlich, durch die interne 'Hirarchie' entstanden durch reine 'Dominanz' werden ganze Themenbereiche von Autorengruppen dominiert die Ihre Sicht durchdrücken. Diese entscheiden was als "wikiwürdig" gilt, was "sachlich" ist. Klar, offiziell gibt es Standards aber am Ende sind es diese grauen Eminenzen die Wahrheit definieren.
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