Jubiläum der Online-Enzyklopädie Die erfundenen Gaskammern in der Wikipedia

Seit 20 Jahren steht die Wikipedia für freies Wissen im Netz. Doch wo jeder mitschreiben darf, schleichen sich manchmal Fälschungen ein – die längste hielt sich 15 Jahre. Ein Wikipedianer erinnert sich.
Ein Buchauszug von Pavel Richter
Ruinen des Warschauer Ghettos: Die Unwahrheit geschickt in wahre Fakten eingeflochten

Ruinen des Warschauer Ghettos: Die Unwahrheit geschickt in wahre Fakten eingeflochten

Foto: Roger Viollet / Getty Images

»Die erste Vergasung fand am 17. Oktober 1943 statt, als mindestens 150 Polen und 20 belgische Juden ermordet wurden, die zuvor bei einer Razzia auf der Straße festgenommen worden waren. Schätzungen […] beziffern die Zahl der Opfer, die in dem Konzentrationslager ermordet wurden, auf deutlich über 212.000, zumeist Polen und einige Tausend Nicht-Polen.«

Scheinbar sachlich beschrieb die englische Wikipedia fürchterliche Vorgänge in einem Vernichtungslager in Warschau, das nach der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Getto auf dessen Trümmern errichtet worden sein soll. Die Gaskammern befanden sich laut dem Onlinelexikon in einem ehemaligen Eisenbahntunnel an der Gesiastraße.

Solche und ähnliche Informationen fanden sich jahrelang an verschiedenen Stellen der Online-Enzyklopädie, in zahlreichen Sprachen. In einer Liste der Vernichtungslager wird das Konzentrationslager Warschau  neben Auschwitz und Treblinka aufgeführt. Schon in der ersten Version des Artikels vom 25. August 2004 findet sich der Hinweis auf die Gaskammern, in denen Polen ermordet worden seien.

Doch das ist eine Lüge, eine Fälschung.

Auch wenn es mehr als 15 Jahre in der Wikipedia stand: Es gab kein Vernichtungslager in Warschau, es wurden dort keine 200.000 Polen in Gaskammern ermordet. Es gab tatsächlich für mehrere Monate ein Lager auf den Trümmern des Warschauer G etto, aber dieses fungierte niemals als Vernichtungslager. Und es gibt keinerlei Beweise dafür, dass Gas gegen die Häftlinge eingesetzt wurde.

Es ist das Verdienst der israelischen Zeitung »Haaretz« und des Journalisten Omer Benjakob , diesen Hoax in der Wikipedia 2019 aufgedeckt zu haben. Der Eintrag (»Warsaw concentration camp «) wurde entsprechend korrigiert . Das Vernichtungslager Warschau ist damit wohl die Fälschung, die sich bisher am längsten in der Wikipedia gehalten hat.

Zum Autor
Foto: Michael Nanz

Pavel Richter , geboren 1969,  aufgewachsen in Bremen, ist seit 2004 Wikipedianer. Er war unter anderem Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland und CEO der Open Knowledge Foundation in London, seit 2018 arbeitet er in der Geschäftsleitung des Bundesverbands Deutscher Stiftungen in Berlin. Am 25. November erscheint sein Buch "Die Wikipedia-Story - Biografie eines Weltwunders". Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug daraus.

Eine alte Lüge kehrt zurück

Im Fall des Warschauer »Vernichtungslagers« hat nicht etwa irgendjemand aus Spaß falsche Fakten in einem bestehenden Artikel platziert. Vielmehr wurde Wikipedias Reichweite und Reputation dazu verwendet, eine bereits bestehende Lüge erneut in den öffentlichen Diskurs zu bringen. Die Lüge vom Vernichtungslager Warschau ist nämlich deutlich älter als der Wikipedia-Artikel aus dem August 2004 – ja sogar älter als die Wikipedia und das Internet.

Seit den Siebzigerjahren wird die Behauptung, Hunderttausende (nichtjüdische) Polen seien im Lager in Warschau vergast worden, von polnischen Nationalisten verbreitet. Ausgangspunkt dieses Hoaxes  sind die Arbeiten der polnischen Richterin Maria Trzcinska, die der polnischen Kommission zur Aufklärung der NS-Verbrechen in Polen angehörte. Sie stellte als Erste die Behauptung auf, es hätte Gaskammern im Lager Warschau gegeben, und auch die Zahl der 200.000 vermeintlichen Opfer stammt von ihr. Ihre Behauptungen fanden unter Historikern keinerlei Widerhall, auch das polnische Institut für Nationales Gedenken hat in zwei Veröffentlichungen aus dem Jahr 2007 und 2010 festgestellt, dass es keinerlei Belege für Trzcinskas Behauptungen gibt. Doch das Projekt Wikipedia eröffnete neue Möglichkeiten.

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Richter, Pavel

Die Wikipedia-Story: Biografie eines Weltwunders

Verlag: Campus Verlag
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Da es nicht gelang, diese Behauptungen im wissenschaftlichen Diskurs durch Veröffentlichungen oder Vorträge zu positionieren, wurde die Wikipedia zum optimalen Umweg, diese Aufmerksamkeit doch noch zu erreichen. Dabei kam den Nationalisten zugute, dass sie keinen neuen Artikel einfügen mussten, sie konnten ihre Lügen geschickt in einen Artikel über ein real existierendes Konzentrationslager einflechten.

Denn es gibt keinen Zweifel, dass es das Konzentrationslager Warschau gegeben hat, dieses war aber kein Vernichtungslager. Es besteht zudem natürlich auch keinerlei Zweifel daran, dass die polnische Bevölkerung extrem gelitten hat unter der deutschen Besatzung Polens. Alles, was es nun noch brauchte, war ein geschicktes Einflechten der Unwahrheit in diese Fakten.

Ein dunkler Schatten auf der Geschichte der Wikipedia

Erschreckend für jeden Wikipedianer sollte sein, wie leicht diese Fälschung war und wie lange sie sich halten konnte. Es hätte den Wikipedianern auffallen müssen, dass die Zahl der angeblich 200.000 vergasten Polen absurd war: Erstens, weil sie durchaus nicht zufällig gewählt war – beim Warschauer Aufstand der Polnischen Heimatarmee waren zwischen Anfang August und Anfang Oktober 1944 rund 200.000 Polen ums Leben gekommen. Zusammen mit den angeblich im Vernichtungslager Warschau vergasten Polen wäre die Zahl der nichtjüdischen polnischen Opfer auf rund 400.000 gestiegen – und das entspricht ziemlich genau der Zahl der im Warschauer Getto ermordeten Juden.

Aber es wäre noch viel einfacher gewesen, diese ganze Geschichte als Hoax zu entlarven. Wenn tatsächlich 200.000 Menschen in einem »Vernichtungslager Warschau« vergast worden wären, dann wäre dieses Lager vergleichbar mit den ausführlich dokumentierten und erforschten Vernichtungslagern Sobibor und Majdanek gewesen. Es bleibt ein dunkler Schatten auf der Geschichte der Wikipedia, in diesem zentralen Fall über einen so langen Zeitraum versagt zu haben.

Die Wikipedia-Redaktionsprozesse haben hier nicht funktioniert. Die Artikel rund um den Nationalsozialismus werden verhältnismäßig oft aufgerufen, es gibt zahlreiche Wikipedianer, die sich im Thema engagieren. Und es gibt eine enorme Menge an historischer Forschung zum Nationalsozialismus und seinen Verbrechen. Wenn in einem so gut erschlossenen Themengebiet eine Fälschung mehr als 15 Jahre Bestand haben kann – wie groß ist dann die Gefahr ähnlicher Fälschungen bei Themen, auf denen weniger Aufmerksamkeit der Community liegt?

Ich bin kein Freund davon, einer ehrenamtlichen Community Arbeitsaufträge zu geben. Zu sagen, das Wikipedia-Projekt muss sich kümmern, ginge fehl. Es gibt eben niemanden, keine Einzelperson und keine Gruppe, die Wikipedia ist. Nicht einmal die Geschichtsredaktion der Enzyklopädie ist hier in der Pflicht, denn die Menschen, die sich dort in ihrer Freizeit engagieren, bestimmen selbst, wofür sie sich interessieren. Natürlich ist es notwendig und geboten, öffentlich auf solche Vorkommnisse hinzuweisen. Doch es ist zu einfach, Wikipedia als Institution verpflichten zu wollen, »etwas« dagegen zu tun. Wikipedia sind wir alle.

Viel gewonnen wäre, wenn die Wissensinstitutionen, deren Auftrag es ist zu forschen, zu kuratieren, zu bewerten, sich stärker in dem Projekt engagierten. Denn wer, wenn nicht die Universitäten, die Museen, die Forschungsinstitute – und auch die entsprechenden Abteilungen in Unternehmen – wären besser positioniert, das Wikipedia-Projekt kritisch zu begleiten, Fehler aufzuspüren und sie den Wikipedianern zu melden? Der Skandal, dass mehr als 15 Jahre ein erfundenes Vernichtungslager in der Wikipedia stand, ist nicht nur ein Problem für die Wikipedia. Es ist zuvorderst ein Problem der etablierten Geschichtsforschung, die das Projekt Wikipedia als zentrale Ressource der Wissensvermittlung offensichtlich lange nicht ernst genommen hat.

In der deutschen Wikipedia kam die Fälschung nicht an

Es ist nur ein geringer Trost, dass sich dieses erfundene Vernichtungslager nicht in der deutschen Wikipedia festsetzen konnte. Als ein Benutzer mit dem Namen Simplicius den Artikel im Februar 2005 anlegte, schrieb er – völlig korrekt und im Einklang mit der wissenschaftlichen Literatur: »Es gab hier keine Gaskammern. Die meisten Menschen kamen durch schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie durch Misshandlungen um.«

Wikipedia macht Fehler – und der Fall des erfundenen Vernichtungslagers ist besonders krass. Die Enzyklopädie ist radikal offen, jeder kann sie bearbeiten und jeder entscheidet selbst, wie er mitmacht. Eine solche Offenheit kann immer auch ausgenutzt werden, wie in diesem Fall.

Doch Wikipedia hat ein im Internet einmaliges System geschaffen, mit Fehlern umzugehen: Die radikale Transparenz macht jeden Bearbeitungsschritt nachvollziehbar. Jeder Leser, der Fehler findet, kann diese sofort ändern, ohne um Erlaubnis zu fragen. Jeder Wikipedia-Eintrag hat mit der Diskussionsseite einen Rückkanal für Leser, denen etwas aufgefallen ist. Dies alles ist ein Teil der einmaligen Kultur des Umgangs mit Fehlern innerhalb der Wikipedia-Community: Kein anderes Medium mit einer solchen Reichweite macht sich ebenso transparent wie offen für umgehende Korrekturen wie Wikipedia. Dies ist nicht nur im schnelllebigen Internet ein enormer Vorteil, sondern reflektiert auch die Anforderungen an eine sich immer rasanter verändernde Welt.