15 Jahre deutsche Wikipedia Unverzichtbar, allgegenwärtig, in Lebensgefahr

Am Mittwoch wird die deutsche Wikipedia fünfzehn Jahre alt. Kurt Jansson hat das Projekt von Beginn an begleitet und fürchtet: Ohne neue Autoren stirbt die Online-Enzyklopädie einen langsamen Tod.
Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, Wikipedia-Website

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, Wikipedia-Website

Foto: Fabian Bimmer/ dpa

Am Anfang stand der Größenwahn. Wir wollten mit Wikipedia "das Wissen der Welt sammeln und jedermann zur Verfügung zu stellen", wie es der Gründer Jimmy Wales formulierte. Am Ende ist es "nur" eine Enzyklopädie geworden. Und doch so viel mehr als das.

Mich faszinierte Wikipedia von Anfang an auch als soziales Experiment. Denn die Idee ist ja verrückt: Jeder darf an jedem Artikel mitschreiben, einfach so, man wird sich schon irgendwie einig werden. Zunächst erschien das Konzept vielen als zu fragil, nur langsam konnten wir neue Freiwillige für die deutschsprachige Ausgabe begeistern. Es war eine wunderbar anarchische Zeit des Ausprobierens und Sich-selber-Findens, aber auch ein bisschen einsam.

Das änderte sich, als 2004 mehrere große Medien über das Projekt berichteten und die deutsche Wikipedia von neuen Autoren geradezu überrannt wurde. Die Gemeinschaft wuchs auf eine Größe, die über Jahre konstant blieb. Doch in den letzten Jahren setzte ein schleichender Rückgang der Autoren ein, der von uns Wikipedianern lange verdrängt wurde. Viele fragten sich, ob man das Dickschiff Wikipedia nicht auch mit einer kleineren Mannschaft auf Kurs halten könnte, jetzt, wo es doch zu all den wirklich wichtigen Themen schon Artikel gibt.

Neuer Minister in Georgien? Neue Erkenntnisse zu den Hopi?

Doch das wird nicht klappen. Der Kern der Community umfasst derzeit etwa tausend Autoren - nicht viel, wenn man sich den stetig wachsenden Artikelbestand vor Augen führt. Bald zwei Millionen Artikel müssen gepflegt werden: In Georgien ist ein Minister zurückgetreten? Im EU-Asylrecht wurde eine neue Verordnung erlassen? Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Hopi-Indianern wurden veröffentlicht? Immer muss sich jemand finden, der die entsprechenden Wikipedia-Artikel aktualisiert.

Und Millionen neuer Artikel wollen noch geschrieben werden: Allein zu dreihunderttausend Käferarten gibt es noch keinen Eintrag. Dazu kommen unzähligen Filme, Ortschaften, Gemälde, Sterne... Immerhin gibt es mit Wikidata  einen Ansatz, wichtige Informationen zentral zu sammeln, damit Änderungen nicht mehr in jeder der 291 Wikipedia-Sprachausgaben einzeln vorgenommen werden müssen. Doch das grundsätzliche Problem, dass man nie weiß, ob man sich auf eine Angabe aus Wikipedia wirklich verlassen kann, ohne selbst recherchieren zu müssen, lässt sich so nicht beheben.

Rechercheure und verständliche Schreiber gefragt

Auch bei der Qualität ist noch Luft nach oben. Klar, fürs Infohäppchen zwischendurch reichen auch Artikel, die nur aus zwei Absätzen bestehen, keine Quellen angeben und neue Veröffentlichungen zum Thema aussparen. Doch für den Balanceakt, wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen und gleichzeitig für ein allgemeines Publikum zugänglich zu bleiben, sind gründliche Rechercheure und verständliche Schreiber gefragt.

Neue Autoren werden also dringend gebraucht. Leider steht die Community dank ihrer teils rauen Umgangsformen nicht in dem Ruf, besonders offen für Neulinge zu sein. Andererseits gibt es viele Wikipedianer, die motivierte Neuautoren als Mentoren bei den ersten Schritten begleiten . Auch ist es viel einfacher geworden, Artikel zu verbessern: Bis vor wenigen Tagen mussten neue Autoren erst mal eine schwer verdauliche Auszeichnungssprache lernen - dank einer neuen Eingabemaske reichen jetzt auch Grundkenntnisse in Textverarbeitungssoftware.

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Online-Lexikon: Sieben Wikipedia-Anekdoten

Foto: Rachel Murray

Google Now, Siri, Cortana: Kondensat aus Wikipedia-Artikeln

Nicht nur an Schreibern mangelt es. Noch immer sind die allermeisten Wikipedia-Artikel öde Bleiwüsten, auch wenn es mittlerweile immer öfter Fotos zu sehen gibt. Doch Videos, Animationen und Audio-Aufnahmen, die frei lizenziert sind und darum in Wikipedia genutzt werden können, sind auch im Jahr 2016 noch immer große Ausnahmen, von interaktiven und 3D-Grafiken ganz zu schweigen. Ohne eine kritische Masse an Aktiven, die sich dieser Themen annehmen, wird Wikipedia gegenüber kommerziellen Plattformen weiter ins Hintertreffen geraten.

Wie lange Wikipedia ihre enorme Reichweite noch nutzen kann, um Leser zum Mitmachen zu motivieren, ist ungewiss. Denn die Enzyklopädie wird zunehmend indirekt konsumiert: Google zeigt aus Wikipedia stammende Basisinfos oft schon direkt neben den Suchergebnissen - wem das reicht, der spart sich den Klick zum Original. Und es ist abzusehen, dass persönliche Smartphone- und Computer-Assistenten wie Siri, Google Now und Cortana bald alltagstauglich sind und auf Zuruf ebenfalls ein Kondensat aus Wikipedia wiedergeben. Eigentlich wäre das nicht schlimm, denn Wikipedia verfolgt ja keine kommerziellen Interessen. Doch potenzielle Neuautoren lassen sich über diese Kanäle nicht mehr erreichen.

Darum soll in diesem Jahr mit einer großen Online-Kampagne um neue Autoren, Fotografen, Filmer und Entwickler geworben werden. Ich bin optimistisch, dass unter den 100 Millionen Menschen, die Deutsch als Muttersprache sprechen, viele Tausend sind, die sich für ein so fantastisches Unterfangen gewinnen lassen. Doch der Beweis steht noch aus.

Wikipedia ist auch angetreten mit der Idee, die Schranke zwischen den Erschaffern und den Konsumenten von Nachschlagewerken einzureißen. Das Web wäre spürbar ärmer, wenn dieser offene, dezentrale Ansatz verlorenginge. Darum: Warum sich nicht ein neues Hobby zulegen? "Ich bin Enzyklopädist " - klingt doch nicht schlecht.

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