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Markus Böhm

20 Jahre Windows XP Unsterblich – oder nur nicht totzukriegen

Markus Böhm
Ein Netzwelt-Newsletter von Markus Böhm

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Rückblick, mit 20 Jahren Puffer, schreibt sich Tech-Geschichte leicht: So lässt sich heutzutage, im Wissen etwa um Windows Vista oder Windows 8, problemlos konstatieren, dass Windows XP eines der beliebtesten Computerbetriebssysteme war, die Microsoft je veröffentlicht hat.

Davon zeugen nicht nur viele, oft schon nostalgische Internetkommentare, sondern auch Zahlen: Die Seite Statcounter etwa gibt an, dass XP noch immer auf 0,59 Prozent aller Rechner mit Windows-Betriebssystem  läuft. Das klingt unspektakulär, hinter diesem Anteil allerdings verbergen sich Millionen Computer weltweit, die alle mit völlig veralteter Software am Internet hängen.

Windows XP ist damit ein Klassiker unter den Betriebssystemen, ein echter Dauerbrenner – und ein Sicherheitsrisiko. Der reguläre Support für XP endete schließlich schon 2014. Mit Ausnahme eines Notfall-Updates im Jahr 2019 kümmert sich Microsoft um etwaige Lücken in seiner Alt-Software seitdem nicht mehr.

Windows XP ist so unsterblich oder – aus der Perspektive mahnender und warnender IT-Sicherheitsexperten – einfach nur nicht totzukriegen.

Windows XP: Das Betriebssystem kam am 25. Oktober 2001 auf den Markt

Windows XP: Das Betriebssystem kam am 25. Oktober 2001 auf den Markt

Foto: Sen zi / Imaginechina / AP

Absehbar war diese nachhaltige Bedeutung von Windows XP im Herbst 2001 noch nicht. Für die Computerbranche und Microsoft war es keine leichte Zeit. Der PC-Markt kriselte, das Unternehmen fetzte sich um die Jahrtausendwende mit Wettbewerbshütern in den USA und Europa: Es ging um seine Zukunft und viele Milliarden Dollar.

Microsoft-Gründer Bill Gates bezeichnete XP damals gar als das wichtigste Produkt der Firmengeschichte. 200 Millionen Dollar steckte Microsoft ins Marketing, allein die Nutzung von Madonnas Song »Ray of Light« kostete angeblich 30 Millionen Dollar.

Kurzfristig hatte das Unternehmen noch seinen Werbeslogan ändern müssen: »Prepare to fly« war mit den Anschlägen vom 11. September, nur wenige Wochen vor dem XP-Start, unbenutzbar geworden. Microsoft wechselte zum weniger verfänglichen »Yes you can«.

Wechseleuphorie bei den Nutzerinnen und Nutzern herrschte 2001 nur bedingt. Mein SPIEGEL-Kollege Frank Patalong etwa hob in seinem Artikel zu XP hervor, dass das neue System keine Revolution sei, sondern nur ein Modellwechsel. Ein neues Windows sei auch keine neue Playstation, schrieb Frank außerdem: »Die Frage an die Bildredaktion, ob schon irgendwelche Fotos von wartenden Fans über die Ticker gegangen sind, trifft auf ein Achselzucken. Keine Schlangen? Keine Windows-Fanatiker, die im Schlafsack 19 Stunden vor dem Laden ausharrten, um als Erste das neue System in die Hände zu bekommen?«

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Ende eines Betriebssystems: Dinge, die so alt sind wie Windows XP

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Jörg Schieb und Thomas Borchert schrieben für den »Stern«, Windows XP sei fraglos »cool«: »Es sieht schick aus, läuft stabil, bietet interessante neue Funktionen und ist leicht zu bedienen«. Zugleich orakelten die Autoren aber, durch zahlreiche Verweise auf firmeneigene Zusatzangebote werde XP den schlechten Ruf Microsofts »nur verstärken«: »als rücksichtsloser Konzern, der mit allen Mitteln seine Marktbeherrschung auf möglichst viele Bereiche ausdehnen will.«

Detlef Borchers schrieb in der »Zeit«, Microsoft wünsche sich seine Kunden »offenbar Internet-versessen und kauffreudig«. Bei seiner »allumfassenden Orientierung auf das Internet« habe Microsoft aber »vergessen, dass normale Menschen den PC bedienen«, so einer seiner Kritikpunkte. »Viele Neuerungen sind unter der hübschen Oberfläche einfach zu technisch, bisweilen auch unzureichend ausgeführt.«

Und abmelden: Auf manchen Rechnern läuft Windows XP auch heute noch

Und abmelden: Auf manchen Rechnern läuft Windows XP auch heute noch

Foto: Franz-Peter Tschauner / dpa

Windows XP, so klangen die meisten Artikel, war zweifellos ein wichtiger Schritt Microsofts in Richtung Internetzeitalter und endgültig weg von der veralteten DOS-Basis. Doch ein so beliebtes Betriebssystem, das es in Nutzungsstatistiken nach 20 Jahren noch immer als eigener Punkt auftaucht, das hatte wohl kaum ein Rezensent in Windows XP gesehen. Zumal Microsoft auch noch mit der umstrittenen Aktivierungspflicht für sein System Negativschlagzeilen provozierte.

Am Fall XP zeigt sich wie so oft: Es ist selbst für Branchenkenner schwer vorherzusagen, wie gut oder schlecht bestimmte Programme oder Gadgets beim Endkunden ankommen – und wie sie eines Tages rückblickend bewertet werden. Ob die Nostalgie überwiegt oder die Freude, die Ära jenes Produkts hinter sich gelassen zu haben.

Gut erzählen lässt sich dieses Problem an einem weiteren Produkt aus dem Herbst 2001, das nur zwei Tage vor dem XP-Launch vorgestellt wurde: Apples iPod. Auch diesem Gerät attestierten die meisten Kritiker und Analysten zwar gute Verkaufschancen. Aber wer hätte damals schon gewettet, dass sich der Musikplayer mehr als 400 Millionen Mal verkaufen wird? Und dass er sogar 2021 noch als iPod Touch zu kaufen ist – sogar von Computern aus, auf denen dann noch immer Windows XP läuft.

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