Sascha Lobo

Verhalten in der Coronakrise Wir Alltagssüchtigen

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Der Wunsch nach Alltag kann übermächtig sein. Manche klammern sich an Verschwörungstheorien oder an Nazis, um zu rechtfertigen, warum sie sich jetzt wieder wie vor der Coronakrise verhalten. Andere haben einen viel schöneren Grund.
Fußgängerzone in Dortmund

Fußgängerzone in Dortmund

Foto: Bernd Thissen/ DPA

Die Menschen, die so tun, als sei Corona schon vorbei, auf den Straßen, in den Bahnen, in den Geschäften - was stimmt nicht mit denen? Fassungslosigkeit bricht sich bei den anderen Bahn: Um Gottes Willen, diese Leute, kein Abstand, sie tragen kaum je Masken, und wenn doch, dann im Stil des Nacktnasen-Laschet . Diese Menschen sind der gesellschaftliche Gegenentwurf zur Vernunftpanik, für sie war Corona ein pandemischer Spuk im März und April.

Sie treibt die Alltagssucht - dieser unbedingte Wunsch, es möge bitte wieder normal sein.

Das ist, was die vermeintlich oder tatsächlich Unvernünftigen so sehr spüren. Sie wollen wieder den Geschmack des Februars kosten oder den von 2019. Bei manchen als Sehnsucht noch irgendwie kontrollierbar, aber bei den meisten längst mit der Unerbittlichkeit einer Droge gefühlsbestimmend geworden. Wann bekomme ich endlich, endlich wieder Alltag, nur einen Tropfen? Wenn die Allzuentspannten in Gruppen in den Parks flanieren, wenn sie sich vor den Kiosken nicht um vorgeschriebene Abstände scheren, wenn Jugendliche höchstens symbolisch noch Hygieneregeln andeuten – dann sind sie süchtig nach Alltag. Natürlich kann man ihnen entgegenschleudern: Ihr gefährdet Risikogruppen! Denn sie kleiden ihren Mangel an Rücksicht in augenzwinkernde Bedenkenlosigkeit. Manche mit einer Kaltschnäuzigkeit, die jede mitfühlende Person schaudern lässt.

Doch es gibt Erklärungen für die trotzige Wiederherstellung des eigenen Alltags, bei der die Unterstellung von Bösartigkeit fehlgeht. Der Wunsch nach Normalität ist verständlich, wer wollte nicht endlich wieder die guten alten, weil gewohnten Probleme haben. Statt einer Großkrise, die einem die Fratze der eigenen und zugleich weltweiten Hilflosigkeit zeigt. Es ist ein bisschen viel im Moment, wir alle spüren mit Corona die Überdosis Weltgeschehen. Durch diese Überlastung wird attraktiv, einfach so zu tun, als sei nichts.

Jede Vorsicht nutzt sich ab, wenn auf die Missachtung keine spürbaren Konsequenzen folgen. Peter wäscht sich nie die Hände und lebt immer noch, außerdem kenne ich niemanden mit Corona. Deshalb hat die Einsicht für acht Wochen gereicht, jetzt sehen wir auf den Straßen die Massenflucht in den Alltag, ohne Maske, ohne Abstand, ohne Anstand. Oder? Ich habe versucht, die Alltagssüchtigen zu hassen, aber es geht nicht, denn im Grunde meines Herzens bin ich einer von ihnen. Noch hält mein eigener Damm der Vernunft und der Rücksicht, aber wie lange? Ich erinnere mich an die große, unsichtbare Gefahr der Achtzigerjahre, als nach Tschernobyl der Straßenstaub so radioaktiv war, dass man un-be-dingt die Schuhe vor der Haustür ausziehen sollte. Nach etwa sechs Monaten war die Vorsicht verblasst und kam nicht zurück, völlig unabhängig von Fakten und Messwerten. Alltagssucht ist so wirksam, dass sie nur ein wenig Zeit braucht, um selbst einen potenziellen Weltuntergang zur akzeptierten Normalität umzuwidmen. Alltagssucht speist sich aus der Supermacht der Gewohnheit und dem Wunsch, in einer ohnehin anstrengenden Welt wenigstens nicht mehr nachdenken zu müssen über buchstäblich jeden Atemzug. 

Die Boshaften und auch die Fehlgeleiteten stellen eine Gefahr für einige Alltagssüchtige dar, weil sie ihre extremistischen Agenden im Fahrwasser der Krise verbreiten. Hier muss präzise differenziert werden, nicht jede Erklärung taugt als Entschuldigung. In einem Kommentar der "Tagesthemen" heißt es : "Wenn die Argumente [von der Politik] nicht alle auf den Tisch gelegt werden, dann kommt erst das Misstrauen und danach die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien und Nazis". Für Misstrauen und Verschwörungstheorien mag dieser Satz nicht ganz falsch sein, auch wenn unklar bleibt, was eigentlich "alle Argumente" sein sollen. Aber danach geschieht, wie die Historikerin Annika Brockschmidt auf Twitter harsch entlarvt , ein gefährlicher, sprachlicher Trick: Die Verantwortung für die Entscheidung, Nazis zu folgen, wird von der konkreten Person auf die ach so arrogante Politik verschoben.

So wird das Bild normaler Leute gezeichnet, die Nazis aus Notwehr hinterherlaufen, und dieses Bild ist so bitter falsch wie lebensbedrohlich. Wer im Angesicht seiner Alltagssucht plötzlich keine Scheu mehr hat, mit Rechtsextremen zu marschieren oder deren Thesen zu verbreiten – der war schon vorher radikal rechtsoffen. Alle faschistoiden Erzählungen arbeiten mit der nationalen Notlage als Triebmittel, und auch Schlechtwetter-Nazis sind Nazis. Wer die liberale Demokratie nur bei Sonnenschein für alternativlos hält, hat sie entweder nicht begriffen oder lehnt sie in Wahrheit ab. Hier drohen einige Alltagssüchtige zu ihrem eigenen Gegenteil zu werden, zu Notstandsabhängigen.

Außerhalb der Nazinähe hat sich eine Gruppe Alltagssüchtiger gebildet, die rechtsextremen Erzählungen nicht folgen würde, die sich aber an jeden Strohhalm klammern möchte, der ihnen als Ausweg in den Alltag erscheint. Leider gehören neben Bedenkenlosigkeit manchmal auch frei erfundene "Nachrichten" und Verschwörungstheorien dazu. Man muss davon nichts explizit und vollumfänglich glauben, um trotzdem eine Wirkung zu spüren. Bei Verschwörungstheorien reicht oft das Gefühl, dass vielleicht ein Körnchen Wahrheit darin vorhanden sein könnte. So entsteht ein leiser Zweifel, der ausreicht, um wissenschaftliche und politische Gewissheiten zu unterminieren und das Weltbild in Nuancen dem eigenen Wunschbild anzupassen. Gezielt verbreitete Falschnachrichten und Verschwörungstheorien sind bei den Alltagssüchtigen so erfolgreich, weil sie als erlösendes Angebot daherkommen. Sie bieten entweder Verharmlosung (Corona ist wie Grippe) – oder Übergefahr (Bill Gates erfand Corona, um per 5G Kinder zu töten). Es hört sich kontraintuitiv an, aber beide Varianten erfüllen ähnliche Bedürfnisse.

Denn beide Abzweigungen sind bezüglich der zu ziehenden Konsequenzen ähnlich, sie erlauben zu tun, was den meisten Alltagssüchtigen entgegenkommen würde: nichts. Es ist strukturell egal, ob Corona völlig harmlos, ausgedacht oder die tödlichste Verschwörung des Universums ist – in allen Fällen gibt es nahe liegende Erklärungen für aktives Nichtstun. Einmal ist die Gefahr so klein, dass keine Reaktion erforderlich ist, und einmal ist die Gefahr so groß, dass keine Reaktion irgendetwas verändern würde. Auch wer den Kampf auf ein völlig anderes Schlachtfeld schieben möchte – etwa, dass Corona durch Strahlung ausgelöst werde – betreibt Verantwortungsabwehr mit dem gleichen Ziel: Ich muss mein Verhalten nicht verändern, ich darf weiter meinen Alltag praktizieren.

Die mit Abstand größte Gruppe der Alltagssüchtigen aber findet sich zwischen diesen extremen Polen. Unter denen, die ihre Müdigkeit mit dem Ausnahmezustand kaum mehr verbergen können und wollen, hegt man eine Art diffuse Hoffnung: Es wird schon so schlimm nicht sein. Irgendwie, warum auch immer. Hoffnung ist ein schwer greifbares Gefühl, sie braucht keine schlüssige Begründung, keinen Virologenstempel, keine Merkel-PK. Im Gegenteil kann sie aus Unklarheit und für Laien schwer nachvollziehbaren Wissenschaftsdiskursen entstehen: Wenn wir so wenig wissen, könnte nicht auch alles besser laufen als erwartet? Diese Hoffnung soll keine Geringschätzung der vielen Toten sein, der Opfer, des Leids, das Corona ohne Zweifel mit sich bringt. Es ist aber eine Erklärung dafür, warum ein so großer Teil der Bevölkerung sich seiner Alltagssucht hingibt.

Wenn man dem alten, neuen Phänomen der Alltagssucht auf den Grund geht, entblättert sich etwas durchaus Wunderbares: Alltagssucht ist ein anderes Wort für den Wunsch nach Frieden. Ich halte es nicht für übertrieben zu sagen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg Generationen hart dafür gearbeitet haben, dass heute Alltagssucht (in Europa) überhaupt möglich ist. Dass sich also der Tagestrott so bewahrenswert anfühlt. Weil er es ist. Ich habe den Ausruf einer empörten Person beobachtet: "Ihr tut so belastet nach ein paar Wochen? Ihr wisst ja gar nicht, was echte Not ist!"

Im ersten Moment wollte ich co-empört zustimmen, verdammte Dackel, kaum ist mal 75 Jahre kein Krieg, schon halten die Leute keine vier Wochen Quarantäne mehr aus. Aber in Wahrheit ist es ein Segen, dass 2020 so viele Menschen dem entsprechen, was Nationalmilitaristen "verweichlicht" nennen würden. Diese Form von Härte ist toxisch, in Deutschland doppelt. Gepriesen sei eine Gesellschaft, die Klopapierknappheit für ein Worst-Case-Szenario hält. Ich würde in keiner anderen Leben wollen.

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