Neues Netzwerk WT.Social Als hätten Facebook und Wikipedia ein Baby

Im neuen sozialen Netzwerk von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales können Mitglieder die Beiträge von anderen Nutzern bearbeiten. Nach einem ersten Blick in WT.Social bleibt die Frage: Wozu soll das mal gut sein?

WT.Social
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Wie sähe wohl das gemeinsame Kind von Facebook und Wikipedia aus? Eine Antwort auf diese Frage liefert Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales mit seinem neuen sozialen Netzwerk WT.Social. Nutzer können dort, ähnlich wie in der Wikipedia, die Beiträge anderer Nutzer bearbeiten und über sie diskutieren.

Die Plattform will damit Falschmeldungen und Propaganda entgegenwirken. Die Community soll eine entscheidende Rolle bei der Zusammenstellung von Informationen spielen und als eine riesige Gemeinschaft von Faktenprüfern agieren, statt nur passiver Empfänger von Nachrichten zu sein, wie Wales in einem Artikel in der Zeitschrift "Foreign Policy" schreibt.

Wales ist überzeugt, das Internet habe die Medienlandschaft nicht nur beeinflusst, sondern auch nachhaltig beschädigt und viele Menschen an der Glaubwürdigkeit von Medien zweifeln lassen. Er schreibt, die sinkenden Druckauflagen und Einschaltquoten hätten das Geschäftsmodell vieler Medienhäuser ins Wanken gebracht. Dadurch sei der Wettbewerb untereinander nicht nur schärfer geworden, er habe auch einen negativen Einfluss auf die Qualität gehabt. Quantität gehe häufig vor. Er prophezeit den Nachrichtenportalen gar den unaufhaltsamen Untergang.

Das Internet sei aber nicht nur Fluch, sondern auch Segen. Durch soziale Netzwerke könnten die Nutzer in den Journalismus einbezogen werden und gemeinsam für mehr Transparenz, Genauigkeit und Qualität sorgen. Und genau hier sieht Wales die Hauptaufgabe seines neuen Netzwerks WT.Social. Nicht ohne Grund ist es direkt aus WikiTribune, einem Nachrichtenportal, hervorgegangen.

Ein erster Blick in das Netzwerk

Noch befindet sich das Netzwerk in einer sehr frühen Entwicklungsphase und wer Mitglied werden möchte, landet nach der Anmeldung zunächst auf einer Warteliste, es sei denn man ist bereit 13 Dollar monatlich oder 100 Dollar jährlich zu zahlen. Dann erhält man sofort Zugang.

Nach eigenen Angaben möchte sich das Netzwerk auch langfristig durch Mitgliedsbeiträge finanzieren, anstatt etwa durch die Vermarktung von Nutzerdaten oder durch Werbung. Wer nicht zahlen möchte, erhält spätestens nach einigen Tagen Zugang. Ob ein Beitrag später verpflichtend sein wird, dazu äußern sich die Entwickler von WT.Social bisher nicht. Momentan kann man das Netzwerk aber ohne jegliche Einschränkung auch kostenlos nutzen.

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Wer aufgenommen wurde, den begrüßt zunächst ein Newsfeed, wie man ihn in ähnlicher Form von Facebook kennt. Anders als dort stellen aber keine Algorithmen den Feed zusammen, sondern es erscheinen chronologisch die Beiträge von Nutzern, denen man folgt und von Gruppen, denen man beigetreten ist. Ähnlich wie in Subreddits auf der Diskussionplattform Reddit finden sich in diesen Gruppen Menschen zu einem bestimmten Thema zusammen. So gibt es bereits Gruppen zu den Bereichen investigativer Journalismus, E-Mobilität und Klimawandel.

Ein Großteil der aktuellen Beiträge sind Links zu Nachrichtenportalen. So diskutieren Nutzer zum Beispiel einen Artikel der britischen Zeitung "The Independent" über eine gefälschte Website, die Desinformationen im Zuge der anstehenden Wahl in Großbritannien verbreitet. Allerdings finden sich auch Beiträge zu WT.Social selbst im Netzwerk. Auch Veranstaltungen werden dort angekündigt. Fast nicht zu finden sind selbstdarstellerische Postings, wie man sie von Facebook oder Instagram kennt, oder Beiträge mit Bildern.

An jedem Beitrag prangt eine große Bearbeiten-Schaltfläche. Wie oft ein Beitrag editiert wurde, zeigt die unter der Überschrift angezeigte Versionsnummer. Jeder Bearbeitungsschritt wird transparent dargestellt und mit dem Namen des Nutzers versehen. Diskutiert wird in den Kommentaren. Hauptsprache ist Englisch, auch in den Menüs.

Was mal der große Vorteil gegenüber anderen sozialen Netzwerken sein könnte, in denen Korrekturen immerhin in Form von Antworten oder Kommentaren vorgenommen werden können, ist bisher schwer abzusehen - auch weil die Bearbeitungsfunktion noch zurückhaltend genutzt wird. Meist beschränkt sich die Community darauf, zusätzliche Informationen wie weiterführende Links hinzuzufügen oder sprachliche Fehler zu korrigieren.

Technisch noch nicht ganz ausgereift

Auch deshalb wirkt das Netzwerk, in dem inzwischen fast 300.000 Nutzer angemeldet sind, nicht sehr lebendig. Ein anderer Grund ist der Mangel an Funktionen. Außer dem Newsfeed, den Gruppen, der Bearbeitungsfunktion und den Kommentaren bietet WT.Social nur eine Profilseite. Technische Fehler kommen ab und zu vor und Seiten laden teilweise sehr langsam. Auch gegen Spam-Beiträge gibt es noch keinen ausreichenden Schutz.

Allerdings befindet sich WT.Social ganz am Anfang seiner Entwicklung. Das Team rund um Jimmy Wales ist noch klein und auf der Suche nach Unterstützung. Weitere Funktionen sollen in Zusammenarbeit mit den Nutzern Stück für Stück eingeführt werden.

Neben den technischen Problemen macht aber das fehlende Impressum genauso skeptisch wie die fehlenden Datenschutzbestimmungen. Außerdem setzt WT.Social zur Anmeldung die Angabe von Vor- und Nachname sowie Geburtsdatum voraus. Die Entwickler versprechen zwar, Daten nie weiterverkaufen zu wollen, bisher muss man ihnen in diesem Punkt aber schlicht vertrauen.

Der neuen Ansatz ist kein Selbstläufer

Facebook mit seinen 2,4 Milliarden monatlich aktiven Nutzern wirklich Konkurrenz zu machen, dürfte für ein neues Netzwerk wie WT.Social auf absehbare Zeit unmöglich sein. Doch wie Snapchat und TikTok zeigen, ist eine Koexistenz möglich, sofern es genug Alleinstellungsmerkmale gibt. Der Ansatz, jeden Artikel bearbeiten zu können und so gemeinschaftlich gegen Desinformation und irreführende Beiträge vorzugehen, könnte ein solches Merkmal sein.

Doch wie Jimmy Wales selbst sagt, kann es ein langer und steiniger Weg sein, sich eine Community aufzubauen, die sich aktiv beteiligt und gemeinschaftlich dem Ziel folgt, qualitativ hochwertige Beiträge zu produzieren. Bei Wikipedia funktioniert dieses Prinzip mit viel freiwilligem Engagement. Doch ob es auch in einem sozialen Netzwerk anwendbar ist, muss WT.Social erst noch beweisen.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
mori1982 24.11.2019
1. Wikipedia
Dass einer aus der Wikipedia das Ding betreibt macht mich skeptisch, nachdem was wikihausen alles über Manipulation und Propaganda herausgefunden hat. Ausserdem befürchte ich, dass sich dort einige große Filterblasen aufbauen lassen. Interessant finde ich die Diskussionsmöglichkeiten mit vielen Usern über ein Thema aber sehr. Ich werde die Entwicklung verfolgen. Wenn es gut wird, werde ich dort einige Artikel aus dem Spon zerreissen und würde mich über Gegenargument zu meiner Sichtweise freuen.
sandnetzwerk 24.11.2019
2. Die allgemeine Skepsis
der Facebook und Instagram Gemeinde schlägt schon wieder zu. Die Filterblase .... bla bla bla. Ich finde den Gedanken gut. Aus einem simplen Grund. Die Meinungsmache bei Facebook & Co. funktioniert ganz einfach. Man muss eine Lüge nur oft genug wiederholen, dann wird sie in diesen Medien, die eine einzige große Filterblase sind, zur Wahrheit. Ich finden den Ansatz von WT sehr gut. Natürlich nicht zum Posten der heutigen Essenfotos und weichgezeichneten Selfies fürs eigene Ego. Diese Klientel braucht keine Nachrichten.
at.engel 24.11.2019
3.
Zieht man mal die USA, den Brexit und vielleicht noch den Nahen Osten ab, ist eine halbwegs vernünftige Information über das Ausland in der deutschen Presse praktisch nicht zu bekommen. Über westeuropäische Länder ist sie meist oberflächlich und schlecht, osteuropäische Länder existieren kaum, und den Rest kann man gleich vergessen.... Afrika ist rein wirtschaftlich und gesellschaftlich inexistent... Mag sein, dass das alles in Deutschland keinen Menschen interessiert und sich das entsprechend schlecht verkaufen lässt. Aber genau da könnte WT.Social z.B. ansetzen: Bei Themen, die in den professionnellen Medien sowie kaum einen Platz haben. Man könnte sich auch Debatten über Nischenthemen vorstellen: wissenschaftliche, technische, oder berufliche usw. Einziges Problem ist die Sprache: Um an wirkliche Informationen zu kommen, reicht Englisch einfach nicht! Damit kommt nicht weit.
.freedom. 24.11.2019
4. Das sieht interessant aus.
Wichtig wäre zu wissen ob damit die Überflutungen der Presse-Foren durch China-Trolle und Russland-Trolle gestoppt werden kann. Persönlich bin ich nicht bei den Sozial-Medien zu finden, aber das WT.Social kann man sich ja einmal anschauen.
ach 25.11.2019
5.
Wenn das Impressum nach deutschem Recht fehlt, kann es natürlich nichts solides sein...
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