Web-Festival XOXO in Portland Drohnen, die auf Ziegen starren

Auf dem Festival XOXO ist das Indie-Web unter sich: In Portland suchen Web-Unternehmer und Künstler nach einer Alternative zu einem Internet der Konzerne. Statt niedlicher Katzen gibt es hier Ziegen.

The Belmont Goats

Von


"Bitte keine Drohnen über die Ziegen fliegen, die Ziegen mögen das nicht besonders" - mit diesem Appell eröffnen Andy Baio und Andy McMillan ihr Internet-Festival XOXO. Die beiden Andys versammeln für ein Wochenende unabhängige Web-Unternehmer und Künstler in Portland, einer Stadt mit rund 600.000 Einwohnern im Nordwesten der Vereinigten Staaten.

Nachhaltigkeit, Handgemachtes, Jutebeutel, Bärte und, ja, Ziegen liegen in Portland im Trend. Mitten in der Stadt grast eine ganze Herde. Niedrige Mieten und liberale Einwohner machen alternative Lebensentwürfe möglich. Das Hipstertum hat in Portland mittlerweile so großen Zulauf, dass es in einer Fernsehserie parodiert wird: In "Portlandia" scheint der Kapitalismus schon überwunden.

Aber das ist Fernsehen. Im Internet dagegen kämpfen einige wenige Konzerne um die Macht, und das äußerst erfolgreich. Auf dem XOXO-Festival geht es nicht um diese Monopolisten, die das Netz kolonialisieren, oder um mit Geld künstlich hochgezüchtete Start-ups. Es geht um Alternativen, um den ursprünglichen Traum von der Mitmach-Revolution, um das Indie-Web. Ein bisschen mehr Portland statt Kaufland.

Persönliche Angriffe, finanzielle Nöte

Das kann frustrierend sein, wie Anita Sarkeesian berichtet. Weil sie in ihrem Blog "Feminist Frequency" den Sexismus in Videospielen auseinandernimmt, ist sie das Ziel von Hassattacken und Morddrohungen. Sarkeesian zeigt, wie Frauen im Netz ausgegrenzt werden, wie auf Kritik reagiert wird - und fordert: "Glaubt Frauen, wenn sie von ihren Erfahrungen sprechen." Die 750 Besucher des XOXO-Festivals feiern sie dafür mit minutenlangem Applaus.

Von finanziellen Nöten erzählt die Daten-Künstlerin Rachel Binx, die als Freelancerin arbeitet und zwei kleine Firmen gegründet hat, für Schmuck aus Geodaten und Wackel-GIFs zum Anfassen. Viele der XOXO-Besucher können ihre Existenzsorgen nachvollziehen, sie kennen den ständigen Kompromiss zwischen Selbstverwirklichung und ganz realen Bedürfnissen. Das Indie-Web lebt oft genug von Selbstausbeutung.

"Wir haben die ersten vier Jahre aus einer öffentlichen Bibliothek gearbeitet", erzählt Ethan Diamond, der Gründer von Bandcamp. Die Seite hilft Musikern bei der Einrichtung eines Online-Shops, damit sie direkt mit ihren Fans in Kontakt treten können. Denn von Streaming-Modellen, bei denen Nutzer für zehn Dollar im Monat Zugriff auf so ziemlich alle Musik überhaupt haben, hält Diamond nichts.

Jeden Tag ein neues Lied

Den Musikern bringe das Streaming oft nur Witzbeträge, außerdem sei die Musik für die Anbieter oft nur ein Weg, Handyverträge, Premium-Mitgliedschaften oder andere Produkte zu verkaufen, meint Diamond. Deswegen gebe es Bandcamp, das nach sechs Jahren einigermaßen funktioniert - ohne Geld von Investoren und ohne Interesse an einer Übernahme. "Fans wollen ihre Lieblingsmusiker unterstützen", sagt Diamond. Bei der Hälfte der Verkäufe würden die Nutzer sogar mehr als den vorgeschlagenen Preis zahlen.

Ein Faible für Musik hat auch Jonathan Mann. Seit mehr als fünf Jahren stellt er jeden Tag ein neues Lied ins Netz - ohne dafür Geld zu verlangen. "An vielen Tagen gucken sich das vielleicht 300 Leute an", sagt Mann. Nur selten schafft ein Song hohe Abrufzahlen, eher zufällig, kaum planbar. "Ich füttere das Internet-Monster mit Inhalten", sagt Mann.

"70 Prozent meiner Songs sind bestenfalls Mittelmaß", bilanziert der Liedermacher auf dem Festival. "20 Prozent sind richtig mies." Aber ohne diese Songs gebe es eben nicht die 10 Prozent, mit denen er zufrieden ist. Dann greift er zu seiner kleinen Gitarre und singt das Lied, das er am Sterbebett seiner Großmutter, einer lustigen Hippie-Dame, gespielt hat. In der alten Fabrikhalle in Portland bekommen bärtige Männer wässrige Augen.

Allzu politisch geht es nicht zu

Es ist nicht der einzige Moment, der in Erinnerung bleibt: Rund um die XOXO-Konferenz gibt es Konzerte, Tabletop-Spiele und eine eigens errichtete Arcade mit Indie-Games. Am Freitagabend trat Dan Harmon auf, der Macher der Comedyserie "Community", der unter Wodka-Einfluss eine Episode seines Podcasts "Harmontown" aufführte. Am Samstagabend zeigte Natasha Allegri eine neue Folge ihrer Trickserie "Bee & PuppyCat" und "Empire Uncut" feierte Premiere, der zweite Teil der "Star Wars"-Trilogie, bestehend aus 480 einzelnen, von Fans nachgespielten Szenen.

Das XOXO-Festival fand dieses Jahr zum dritten Mal statt, Andy Baio und Andy McMillan feiern das Indie-Web und seine Macher. Allzu politisch geht es dabei nicht zu, Themen wie Überwachung und Netzneutralität, die auf Konferenzen wie der re:publica in Berlin oder dem Hackertreffen Defcon in Las Vegas allgegenwärtig sind, fehlen in Portland. Dafür sind Kaffee, Bier und Popcorn nicht nur kostenlos, sondern auch lokal und nachhaltig. Und es gibt die Ziegenherde, die besucht und gestreichelt werden kann.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kilroy-was-here 15.09.2014
1. Portland
eine wirklich schöne und liberale Stadt. So wie hier beschrieben. Erinnerungen werden wach geküsst. Ich denke, ich muss bald auf Reisen gehen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.