Yahoo-Microsoft-Analyse So könnte sich der Mega-Deal rechnen

Microsoft kommt gegen den Suchmaschinen- und Werberiesen Google nicht an - und will sich deshalb die Internet-Ikone Yahoo einverleiben. Tatsächlich könnte ein solcher neuer Netz-Gigant den Markt aufmischen: wenn er rasch die richtigen Entscheidungen trifft.

Microsoft hat sich mit seinen Internet-Aktivitäten bisher nicht mit Ruhm bekleckert. Schon das Durcheinander verschiedener Marken verwirrt bis heute die Kunden. Der kostenlose E-Mail-Service firmiert unter dem Namen hotmail.com, daneben gibt es das Portal MSN.com und die Suchmaschine Live.com (die früher unter MSN firmierte). Und weil man bei Microsoft offenbar auch nicht so richtig weiß, wie man die Surfer am besten anspricht, findet man den Zugang zu Hotmail auf allen drei Seiten zugleich.

Yahoo, dessen Aktionäre nun von Microsoft umworben werden, ging in Sachen Markenführung koordinierter vor als der Software-Gigant. Die Marke blieb zwar immer ein diffuser Gemischtwarenladen - aber es gab sie wenigstens konstant und unter unverändertem Namen.

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Portalgeschäft: Yahoo ist der Reichweitenriese

Yahoo erreicht mit seinem Portal mehr US-Bürger als Microsoft. Hier zehrt der Online-Riese noch von der Portalstrategie der neunziger Jahre. Damals wollte Yahoo alles auf eine Seite packen, was den Durchschnittsurfer interessieren könnte: Nachrichten, Musik, Kontaktanzeigen, Auktionen und so weiter. So etwas hat Microsoft mit seinem Dienst MSN auch versucht, nur etwas später und ohne die starke Yahoo-Marke. Das Ergebnis: Im vergangenen Jahr führte laut dem Internet-Statistik-Dienstleister Alexa Yahoo bei den US-Seitenaufrufen weit vor Google MSN und Live.com.

Abgesehen von der Nutzungsintensität übertrifft das Yahoo-Portal Microsofts Web-Angebote auch bei der Beliebtheit. Alexa führt Yahoo in der Rangordnung der beliebtesten US-Web-Angebote derzeit auf Platz 2, nach Google. Microsofts Suchmaschine Live.com kommt auf Rang 6, das Webportal MSN erst auf Platz 9.

Yahoo hat es über die Jahre hinweg geschafft, viele Anbieter von durchaus attraktiven Inhalten an sich zu binden. Ein Beispiel: Seit einem Jahr kooperiert Yahoo mit dem drittgrößten US-Zeitungsverlag McClatchy. Die Magazine und Zeitungen des Verlags liefern Inhalte für Yahoos Nachrichtenseiten, Korrespondenten schreiben Blogs exklusiv für Yahoo. Ein damit vergleichbares Angebot hat Microsofts Portal MSN nicht.

Websuche: Yahoo führt vor Microsoft - noch

Eine eigene Software-basierte Suchmaschinen-Technologie hat Yahoo erst seit dem Jahr 2003 wieder. Lange hatte sich das Unternehmen auf ein von Redakteuren gepflegtes Webverzeichnis verlassen, und zu spät erkannt, dass Googles Software-Ansatz viel populärer wurde. Aber mit dem Kauf der Pionierfirma Overture glich Yahoo diesen Fehler leidlich aus: Das Unternehmen brachte die Suchmaschinen AltaVista und AlltheWeb mit, außerdem eine ausgereifte Technologie, um zur Suchanfrage passende Anzeigen in den Suchergebnissen zu platzieren.

In den vergangenen fünf Jahren hat Yahoo bei der Web-Suche aufgeholt – so weit, dass der Konzern hinter Google, aber deutlich vor Microsoft liegt. Die US-Marktanteile an Suchanfragen im vorigen Dezember zeigen dieses Trio:

  • Platz 1: Google mit 56,3 Prozent aller Suchanfragen
  • Platz 2: Yahoo-Suche mit 17,7 Prozent
  • Platz 3: Microsofts Live Search mit 13,8 Prozent

Rechnet man nun den Anteil von Microsoft und Yahoo zusammen, würden beide zusammen fast ein Drittel aller Suchanfragen bedienen. Allerdings ist hierbei die Dynamik neuer Entwicklungen zu bedenken: Der Markanteil von Microsofts Dienst Live Search wächst auf mittlere Sicht stetig, während Yahoo beinahe stagniert. Je nachdem, wie die Entwickler und Vermarkter beider Firmen zusammenarbeiten, sind hier größere Erfolge als eine bloße Addition denkbar.

Werbevermarktung: Google dominiert, Yahoo Nr. 2

Die Zahlen der Marktforschungsfirma eMarketer sind eindeutig: Google kassierte im vorigen Jahr 75 Prozent aller Einnahmen, die mit bezahlter Werbung in Suchmaschinenergebnissen gemacht wurden.

Auf Platz zwei kam Yahoo mit 9 Prozent. Es geht dabei um einen Markt von jährlich 11 Milliarden Dollar.

Hier ist Yahoo – selbst mit diesem läppischen zweiten Platz - eine gute Ergänzung für Microsoft, das nur einen Teil der übrigen 16 Prozent abbekommt.

Web-Dienste

Was Web-Dienste wie kostenlose E-Mail-Accounts oder Instant-Messenger betrifft, waren beide Anbieter bisher eher harte Konkurrenten. Eine Fusion wäre nicht unbedingt einfach, auch wenn es zumindest bei den Chat-Programmen bereits eine Zusammenarbeit gibt. Mitte 2006 verkündeten beide Unternehmen, ihre Messenger zueinander kompatibel zu machen. So können Nutzer des Yahoo Messengers inzwischen auch mit Anwendern des Windows Live Messengers chatten, obwohl beide Programme unterschiedliche Protokolle nutzen.

Eine Zusammenführung der E-Mail-Accounts scheint dagegen deutlich schwieriger. Schließlich dürfte kaum jemand eine seit Jahren genutzte Yahoo-Mail-Adresse plötzlich ändern wollen. Hier würde Microsoft wohl nichts anderes übrig bleiben, als parallel zu seinen Hotmail-Accounts auch die Yahoo-Adressen weiter zu unterstützen. Auch eine automatische Weiterleitung nach dem Schema nutzer@yahoo.com wird zu nutzer@hotmail.com verbietet sich, weil hinter den gleichen User-Namen bei Yahoo und Microsoft ja durchaus verschiedene Personen stecken können.

Soziale Netzwerke: Yahoo hat Flickr, Microsoft einen Facebook-Anteil

Mit der Übernahme des Fotoblogportals Flickr im Jahr 2005 gelang Yahoo ein echter Coup. Für aus heutiger Sicht lächerlich wenig Geld, einen zweistelligen Millionenbetrag, holte sich das Unternehmen ein Angebot ins Haus, das schon bald zu den Ikonen des Web 2.0 zählen sollte - wie Facebook, MySpace und YouTube. Flickr ist längst unangefochten das wichtigste Fotoblogportal im Netz.

Versuche von Microsoft, etwa mit Spaces von der Euphorie zu profitieren, dürfen als gescheitert gelten. Erst kürzlich hat der Konzern für viel Geld einen Mini-Anteil an Facebook erworben. Für Microsoft läge eine große Chance darin, eine stärkere Verzahnung zwischen Yahoo, Flickr und Facebook zu schaffen.

Fest steht: In Sachen soziale Netzwerke wäre Flickr/Yahoo auf jeden Fall ein riesiger Gewinn für Microsoft - das letztlich keine andere Wahl mehr hat, als große Portale zu übernehmen. Unter aufstrebenden Web-2.0-Firmen hatte sich nämlich eine Entwicklung wiederholt wie Jahre zuvor bei Suchmaschinen oder Internet-Auktionshäusern: die Konzentration auf einen Anbieter. Wer bei diesem Anbieter nicht dabei war, hatte verloren.

Diese Erfahrung musste übrigens auch Google machen, als das Unternehmen mit Google Video gegen YouTube antrat. Ein vergebliches Unterfangen. Schließlich kaufte Google YouTube kurzerhand. Die Marke YouTube war längst so stark geworden, dass Google sogar auf eine durchaus mögliche Umbenennung verzichtete.

Auch Microsoft wird, sofern es zu einer Yahoo-Übernahme kommt, kaum die Marke Flickr begraben und etwa durch Spaces ersetzen - es wäre geradezu töricht.

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