Yahoo und der China-Fall Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Die Vorwürfe gegen Yahoo, durch Weitergabe von Daten die Verhaftung eines Journalisten ermöglicht zu haben, wachsen sich für das Unternehmen zum Image-Desaster aus. Die Wellen der Empörung schlagen hoch. Bisher hat Yahoo dem nichts entgegen zu setzen.

Wie reagiert ein Zehnjähriger, wenn man ihm nachweist, dass er gerade die Fensterscheibe der Grundschule eingeworfen hat? Er sagt zerknirscht: "Aber die anderen haben auch geworfen!"

So ungefähr stellen sich auch die Reaktionen des US-Unternehmens Yahoo auf die Vorwürfe der Organisation Reporter ohne Grenzen dar, die Yahoo vorwirft, mit der Weitergabe von Informationen die Verhaftung und Verurteilung eines chinesischen Journalisten ermöglicht zu haben. Seit Dienstag prügelt die Presse empört auf Yahoo ein, und das Unternehmen tat bisher nicht mehr, als sich zu ducken: Man "prüfe die Vorwürfe" hieß es aus dem Unternehmen.

Erst am Donnerstag wagte sich nun Mary Osako, Sprecherin von Yahoo Hongkong, mit einem Statement vor, das an das Fensterscheiben-Argument erinnert. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte sie: "Wie jedes andere weltweit tätige Unternehmen muss Yahoo sicherstellen, dass die jeweiligen Niederlassungen im Rahmen der Gesetze, Richtlinien und Gebräuche des Landes arbeiten, in denen sie angesiedelt sind."

Das ist richtig, aber es klingt wie: "Die anderen haben aber auch geworfen."

"Mitmachen" ist peinlich, aber profitabel

Was ja auch bekannt ist: Dass etwa die Suchmaschinenbetreiber, die auch in China tätig sind, kein Problem damit haben, systeminkompatible Recherchen nach Reiz- und Unworten wie "Demokratie" oder "Menschenrechte" in trauter Harmonie mit dem Regime in Peking zu unterbinden, macht noch nicht einmal mehr Schlagzeilen.

Streng genommen beteiligen sich Google, MSN, Yahoo und Co so an der Behinderung freier Informationssuche, und über die Zensur von gehosteten Seiten nehmen einige West-Unternehmen sogar an der Behinderung freier Meinungsäußerung teil. Den Unternehmen ist das immer wieder einmal unangenehm. Ändern können sie es nicht, wenn sie in China Geschäfte machen wollen. Der Profit hilft, die Pein zu ertragen.

Beihilfe?

Bisher hatte sich aber noch kein westliches Internet-Unternehmen dabei erwischen lassen, Peking bei der Verfolgung von Systemkritikern behilflich gewesen zu sein. Genau das scheint Yahoo im Fall des Journalisten Shi Tao, der im April zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, weil er angeblich geheime Informationen ins Ausland weiter gegeben haben soll, aber getan zu haben.

Doch selbst darüber gehen die Meinungen auseinander. Shi Taos Verteidiger hatten im Prozess argumentiert, die von ihm tatsächlich weiter geleiteten Informationen seien zu diesem Zeitpunkt auch im Ausland bereits weit verbreitet gewesen. Von "geheim" könne keine Rede sein.

Was die Fahnder der Geheimpolizei vielmehr irritiert haben könnte, war, dass es Shi Tao gelungen war, sich beim Versand der E-Mails weitgehend zu anonymisieren. An diesem Punkt könnte Yahoo ins Spiel gekommen sein: Die Mails liefen über die Server des US-Unternehmens.

Ob und unter welchen Umständen so eine Anfrage gelaufen sei, will oder kann Yahoo nicht vertiefen: Das Unternehmen stehe unter Auflagen, solche Informationen nicht öffentlich zu machen. Vor drei Jahren unterzeichnete Yahoo freiwillig eine entsprechende "Öffentliche Verpflichtung zur Selbstdisziplin für die chinesische Internet-Industrie".

Gut sieht auch das nicht aus, selbst wenn es die Geschäfte erleichtert haben sollte - nicht nur in den USA ist das ja normalerweise ein Zweck, der manches Mittel heiligt.

Katastrophales Medienecho

Yahoo selbst schlingert ziemlich hilflos durch diese PR-Krise. In Deutschland berichteten am Donnerstagmorgen die meisten Zeitungen von der "Financial Times" über die "Backnanger Kreiszeitung" bis zum "Landboten" über den Vorgang, in den USA hagelte es schon am Mittwoch mehr als 300 Berichte. Allein deren Überschriften summieren sich für Yahoo zu einem wahren PR-GAU: "Yahoo hilft bei Verurteilung eines Dissidenten", heißt es da, "Yahoo Schuld an Verhaftung eines chinesischen Reporters", "Yahoo beschuldigt, Chinas Geheimpolizei geholfen zu haben", "Yahoo verpfiff Journalisten".

Inzwischen hat sich auch das in New York ansässige "Komitee zum Schutz von Journalisten" (CPJ) der Kritik von Reporter ohne Grenzen angeschlossen . CPJ verurteilte die "skandalöse Verfolgung" des Journalisten Shi Tao und verlangte eine Erklärung für die Herausgabe der Informationen über dessen Surfverhalten.

Da fallen die kleinen Stimmchen, die Yahoo zumindest ansatzweise entlasten, kaum mehr auf. Eine kommt ausgerechnet aus dem Kreis von Shi Taos Verteidigern.

Die "New York Times" zitiert in ihrer heutigen Ausgabe einen auf Anonymität bestehenden Verteidiger, dass die Wichtigkeit von Yahoos Beitrag zu Shi Taos Verhaftung so klar nicht sei. Die Methoden, mit denen die chinesische Geheimpolizei Shi identifiziert hat, sind nicht bekannt.

Recht ist Recht, auch wenn es Unrecht hat

Yahoo, glaubt der anonyme Informant der "New York Times", habe den Geheimpolizisten nicht mehr als eine einzige IP-Nummer weitergeben können - denn die gesamte Redaktion, für die Shi Tao arbeitete, teilte sich einen einzigen Internet-Anschluss. Zur Identifizierung des Journalisten hätte das kaum genügt. Möglich sei darum auch, dass sich die Geheimpolizei die Identifizierung Shi Taos durch Yahoo nur mit Indizienmaterial unterfüttern ließ.

Zudem ist nicht bekannt, unter welchen Umständen die Weitergabe der Information überhaupt geschah. Rein rechtlich hätten die Chinesen mit Hilfe einer richterlichen Anordnung jederzeit die Möglichkeit, die Rückverfolgung von Userdaten einzufordern und die Weitergabe entsprechender Informationen.

In den Augen der Öffentlichkeit würde selbst das Yahoo kaum entlasten: Man spielt nun mal nicht mit den Schmuddelkindern.

Doch für Wirtschaftsunternehmen wie Yahoo ist das eine grundsätzliche Frage. Yahoo hat in den letzten Jahren deutlich über 1,2 Milliarden Dollar in chinesische Web-Unternehmungen investiert, China gilt als der viel versprechendste Internetmarkt überhaupt.

Dass China die Geschäftstätigkeit im Lande an Auflagen knüpft, die unter anderem die Weitergabe von Nutzerdaten auf richterliche Anordnung umfassen, dürfte die Yahoo-Chefs kaum irritiert haben, als sie ihre ersten Verträge unterschrieben: Das kennen sie genauso auch aus den USA, aus Deutschland und den EU-Ländern.

Yahoos Imageproblem liegt also nicht in der angenommenen, von Yahoo unwidersprochenen Datenweitergabe an die chinesische Polizei begründet, sondern darin, dass aus westlicher Sicht in China nicht unbedingt die Guten die Bösen verfolgen, sondern mitunter umgekehrt. Das führt den Image-GAU zurück auf die grundsätzliche Frage, ob man unter solchen Umständen überhaupt in so einem Land Geschäfte machen soll - eine rein moralische Frage.

Auf die kann ein Unternehmen wie Yahoo nur eine unmoralische Antwort haben, und deshalb halten die Amerikaner die Bälle flach, ziehen den Kopf ein und warten darauf, dass der Sturm vorüber zieht. Hinter den Kulissen beraten die Image-Fachleute der Firma möglicherweise schon darüber, was man Auslandschinesen karitativ zukommen lassen könne, um das öffentliche Bild zu korrigieren.

Wirtschaft ist so, Politik auch und Medien sowieso.

Frank Patalong

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