Erotische Bilder im Monatsabo Wie Intimfluencer ihr Geld verdienen

Über Portale wie OnlyFans vermarkten sich immer mehr Models und Pornostars selbst. Sie suggerieren Nähe - und erreichen angeblich ein Millionenpublikum.
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Yma Louisa

Ein gewisses Interesse an Yma Louisa Nowak gab es im Netz schon lange. Die erste Plattform, auf der sie im Mittelpunkt stand, war Ask.fm, ein Webdienst, über den andere Menschen einem Fragen stellen können, auf Wunsch auch anonym. Nowak, heute 22, hatte sich dort mit 14 registriert. "Schon damals habe ich gemerkt, dass es bei den Fragen viel um Körper und Sex geht", sagt die Berlinerin. Über 30.000 Follower und 12.117 Beiträge sammelte sie mit der Zeit auf Ask.fm, irgendwann meldete sie sich auch bei YouTube und Instagram an, wo ihre Bilder oft gelöscht wurden: zu explizit.

Auf einer anderen Plattform, die Nowak seit Anfang des Jahres bespielt, hat sie dieses Problem nicht. OnlyFans, betrieben von einer Firma aus England, existiert seit 2016 und macht dort weiter - und damit Umsätze -, wo Instagram und andere große Portale den Schlussstrich ziehen. Nackte Haut ist erlaubt, sogar Pornografie, weshalb OnlyFans vor allem für Models, Influencer und Erotikdarsteller interessant ist, egal welchen Geschlechts oder welcher Sexualität.

"Registriere dich, um Geld zu verdienen und mit deinen Fans in Verbindung zu treten", wirbt der Dienst auf seiner Startseite. In vielen Fällen wird das interpretiert als: Melde dich an, um deinen Fans einen Zugang zu erotischen Aufnahmen von dir zu verkaufen.

15 Dollar für einen Monat Yma Louisa

Für Nowak, manchem bekannt als Teilnehmerin der RTL-Datingshow "Take Me Out", lohnt sich ihr Account. Nutzer müssen 14,99 Dollar im Monat zahlen, um ihre OnlyFans-Inhalte zu sehen zu bekommen, intime Bilder und Videos. 20 Prozent der Einnahmen bleiben bei der Plattform, 80 Prozent gehen an sie, sagt Nowak. Meistens habe sie zwischen 140 und 170 Abonnements - ein Fan-Interesse, von dem sie "schon gut leben" könne.

Foto: Yma Louisa

Die Anmeldung bei OnlyFans sei unkompliziert gewesen, erzählt Nowak: Zusätzlich zu ihren Daten musste sie ihren Personalausweis hochladen und eine Kreditkarte hinterlegen - so wird geprüft, ob die sich anmeldende Person echt und alt genug ist. Auch Nutzer, die sich als Konsumenten registrieren wollen, brauchen eine Kreditkarte, um ihr Abo zu bezahlen. Nowak musste sich für ihren Verdienst zudem selbstständig machen - als Onlinehändlerin für Bilder.

Der größte Teil ihrer zahlenden Fans seien derzeit Männer in den Zwanzigern, sagt sie: "Auf Instagram folgen mir viele Frauen, auf OnlyFans habe ich aber nur zwei Abonnentinnen." Zwei Männer habe sie auch schon sperren müssen. Einer sei zu rabiat geworden, habe noch explizitere Bilder gefordert. Der andere habe noch mehr als nur Fotos von ihr gewollt - ihre Telefonnummer und ihre Liebe. "Der dachte, dass wir zusammen sind."

Nähegefühl gegen Geld

Dass zahlende Fans sich für etwas Besonderes halten können, ist auf Plattformen wie OnlyFans Verkaufsargument wie Risiko zugleich. Einerseits bekommen die Abonnenten speziell für sie als die treuesten aller Fans erstelltes Bildmaterial, andererseits geht es weiter um Konsum, nicht um käufliche Liebe. Ein Dienst wie OnlyFans steht für ein Geschäftsmodell, das wohl nur dann erfolgreich und langfristig betrieben werden kann, wenn man die Professionalität wahrt. Und das mag nicht immer leichtfallen, denn auf der Plattform lässt sich ergänzend zu den Abos auch mit "bezahlten privaten Nachrichten" Geld verdienen, also mit Privatchats.

Auf SPIEGEL-Anfrage teilt OnlyFans mit, die Plattform habe derzeit über 24 Millionen registrierte Nutzer: 500.000 davon seien selbst Content-Creator. Der durchschnittliche Abo-Preis liege bei 14 Dollar pro Monat, heißt es, und es gebe sogar mehrere Inhalteanbieter, die monatlich über 500.000 Dollar erwirtschaften. 4000 Personen, die eigene Bezahlaccounts betreiben, kommen OnlyFans zufolge aus Deutschland.

Einen detaillierteren Überblick, wer wie viel verdient, liefert die Plattform nicht. Für Transparenz sorgen Models wie Nowak selbst. Manchmal erfahren auch die Nutzer erst nach dem Bezahlen von Beträgen von - je nach Account - fünf oder auch deutlich mehr Euro pro Monat, was genau sie eigentlich an Bildmaterial erhalten. Ähnlich läuft es auf Konkurrenzportalen wie Fancentro, die ebenfalls vor allem mit "privaten Pay-to-view-Profilen" junger Frauen locken.

Um die neuen Erotikplattformen herum existiert eine Art Schwarzmarkt für die Inhalte: Eigentlich kostenpflichtiges Material wird abgegriffen und dann anderswo im Web feilgeboten, etwa kostenlos, aber mit Werbebannern. Wenn daher manchmal von Hacks bei Diensten wie OnlyFans die Rede ist, dürfte es sich meistens um Leaks handeln, also um Inhaltspakete, die aus verschiedenen Bezahlaccounts zusammengetragen wurden.

"Moderner Feminismus"

Der Trend zu individuellen Kanälen für Stars oder auch Privatpersonen hat Folgen für die Pornoindustrie. Er befeuert die Egalisierung einer Industrie, in der jahrzehntelang große Studios mit ihren Verträgen das Bild der Erotikstars prägten. Heute können sich Menschen einfach selbst vermarkten, ihren eigenen Content planen, eigene Preise festlegen. Die eigene Zielgruppe muss nicht riesengroß sein, wenn sie zahlungskräftig ist.

Nowak bezeichnet sich selbst als Sexarbeiterin. Sie macht Erotikaufnahmen, hat vor der Kamera aber keinen Sex. Auf OnlyFans gehöre sie "eher zu den 'normalen' Angeboten", sagt sie - das kenne sie anders. Im klassischen Modelbusiness etwa falle sie mit ihrem Körper noch immer auf, hier nicht. "Ich wurde in meiner Jugend für mein Aussehen gemobbt, bekam Essstörungen, wurde immer magerer", sagt Nowak auch noch. In ihrem Körper habe sie sich sehr unwohl gefühlt, kein Selbstbewusstsein gehabt.

Das sei heute anders. Für Nowak ist das, was sie auf OnlyFans macht, mehr als das Zeigen ihrer Haut. "Für mich ist das moderner Feminismus", sagt sie. Es gehe ihr um Selbstbestimmung, um die Darstellung ihres Körpers als ästhetisch und schön: "An Sexualität, egal welcher, ist nichts Verwerfliches." Nowak ärgert es, dass Sexualität auf vielen anderen Plattformen unsichtbar gemacht wird. "Schon ein Nippel auf Instagram, und du wirst gebannt", sagt sie. Im Vergleich dazu steht OnlyFans für mehr Freizügigkeit und Freiheit: Von People of Color über dicke und queere Menschen bis hin zu Menschen mit ausgefallenen Fetischen zeigt sich hier ein größerer Teil der Gesellschaft freizügig.

Einen Inhalt pro Tag

Nowaks Umfeld weiß mittlerweile, dass die 22-Jährige Geld mit Nacktaufnahmen verdient. Ihre Eltern hätten das zunächst schlimm gefunden, sagt sie, es schließlich aber akzeptiert. "Mit meinem konservativen Vater habe ich wochenlang nicht gesprochen, aus Angst vor der Reaktion." Ihre Mutter unterstütze sie inzwischen, helfe ihr dabei, Shootings zu organisieren. Und ihre Freunde fänden alle cool, was sie mache.

Nowak postet jeden Tag einen Inhalt auf ihrer OnlyFans-Seite. "Einige Aufnahmen mache ich selbst, mit einem Selfiestick", sagt sie, "andere werden von professionellen Fotografen geschossen." Dabei helfe ihr ihre Arbeit als Plus-Size-Model, durch sie habe sie Kontakte in die Branche. "Ich produziere meistens vor. Mache direkt 50 Fotos, die ich dann über mehrere Wochen verteile."

Hat Nowak Angst davor, dass auch ihre OnlyFans-Bilder einmal frei im Netz herumschwirren? "Klar ist die Sorge da, dass meine Bilder gescreenshottet werden oder dass mein Profil gehackt wird", sagt sie, ergänzt aber auch gleich, dass sie sich für keins der Fotos schäme. Bei ihr sei das Ganze "mehr eine finanzielle Sorge".