Gefälschte YouTube-Hits Ätsch, liebe Nutzer, diese Videos sind fake

Ein Bär jagt eine Snowboarderin, ein Löwe rächt seinen Artgenossen, eine Prügelei mit Selfiesticks: Zwei Jahre lang narrt eine Produktionsfirma YouTube-Nutzer mit millionenfach geklickten Fake-Videos.
Screenshots der Videos

Screenshots der Videos

Foto: The Woolshed Company

Die Snowboarderin justiert den Selfiestick, zieht ihre Bindung fest, dann fährt sie die Piste hinab. Auf dem Kopfhörer läuft der Song "Work" von Rihanna. Die Snowboarderin merkt offenbar nicht, dass ein brummender Bär sie verfolgt.

Das Tier rennt im Nebel hinter ihr her, irgendwann gibt er auf und bleibt stehen. Das YouTube-Video  ist ein Hit. Mehr als acht Millionen Mal ist der Clip bereits aufgerufen worden. In Interviews hat die Filmerin immer wieder betont, dass dieser Bär sie wirklich verfolgt habe. Doch was viele vermutet haben, ist nun sicher: Das Video ist ein Fake.

Hinter dem Clip steckt die australische Produktionsfirma The Woolshed Company. Die Mitarbeiter haben zwei Jahre lang insgesamt acht manipulierte Videos bei YouTube eingespeist und damit die Nutzer zum Narren gehalten. Die Videos sind insgesamt 205 Millionen Mal aufgerufen und in 180 Ländern angeschaut worden.

Das Ziel sei gewesen, mit schnell konsumierbaren Videos ein weltweites Publikum zu erreichen, sagt Geschäftsführer Dave Christison im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Man habe mit verschiedenen Ideen experimentiert, um ein großes Publikum zu erreichen. "Wir sind eine kleine Produktionsfirma und wollten ausprobieren, ob wir mit unterhaltsamen Clips virale Wellen schlagen können."

Mit dem großen Erfolg hat die Produktionsfirma aus Melbourne offenbar nicht gerechnet. "Wir sind absolut überrascht von dem Ergebnis", sagt Christison. Ein schlechtes Gewissen habe er aber aufgrund der Fake-Kampagne nicht: "Es ging uns nicht darum, die Medien oder die Nutzer zu täuschen." Das Ziel sei gewesen, die Zuschauer mit den Videos zu unterhalten. Seine Botschaft: Jeder sollte Internet-Clips gründlich hinterfragen, sagt Christison. "Auch ich werde jeden Tag skeptischer, wenn ich mir YouTube-Videos anschaue, aber auf eine gesunde Art und Weise."

Die eigentliche Arbeit beginnt nach dem Dreh

Ein bisschen Häme kann sich The Woolshed Company dennoch nicht verkneifen. In einem YouTube-Video zelebrieren die Mitarbeiter den Erfolg der Clips . Sie zeigen Ausschnitte aus Nachrichtensendungen mit verblüfften Moderatoren und Experten, die davon überzeugt sind, dass es sich um echte Videos handelt. Doch sie wurden getäuscht. Dabei sei es nicht sehr aufwendig gewesen, die Videos zu drehen, sagt Dave Christison: "Die meiste Arbeit haben wir in die Postproduktion gesteckt."

Der Bär aus dem Snowboard-Video etwa rennt im Ursprungsvideo ein flaches Flussbett entlang. 3D-Experten haben den Bären aus dem Originalvideo ausgeschnitten und am Computer in den Snowboard-Clip eingefügt. Auch in den anderen Fake-Videos hat die eigentliche Arbeit nach dem Dreh begonnen. Die Videospezialisten haben es in anderen Videos beispielsweise so aussehen lassen, als ob ein Taucher in Sydney gerade so einem weißen Hai entkommt, als würde ein Tornado-Jäger sich für ein Selfie in Gefahr bringen und ein Löwe seinen erschossenen Artgenossen rächen.

Da die Filme keine Aufträge von Kunden waren, hat die Filmfirma die Clips selbst finanziert. Nur für das Video mit dem Tornado-Selfie gab es Geld. Die Produktionsfirma Roadshow Films hat das Video in Auftrag gegeben, um den Start ihres Kinostreifens "Into the Storm" zu bewerben.

Mit dem Tornado-Clip habe man "die Menschen dazu bringen wollen, über Tornados zu reden und das Thema wieder in die Schlagzeilen zu bringen". Sechs Wochen lang haben 3D-Experten an dem Wirbelsturm gebastelt. Beim Video mit einem Blitzeinschlag am Strand ging es schneller: In nur 24 Stunden war der künstliche Blitz fertig.

Doch auch bei diesem Video waren die Nutzer bis zuletzt nicht sicher: Ist dieser Clip nun echt oder nicht?

Mit diesen Fake-Videos hat eine TV-Produktionsfirma die YouTube-Nutzer genarrt

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Fake-Videos: Geständnisse einer Produktionsfirma

Foto: The Woolshed Company
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