YouTube Ekelvideos und ihr Millionenpublikum

Auf YouTube finden sich Let's Plays, politische Videos und Musik. Aber auch Eiter, Pickel, Zysten und alles andere, das Ekel erregt. Das Publikum genießt, was man sonst eigentlich nicht sehen möchte.

Das ist ein Symbolbild. Die echten Bilder sind viel schlimmer.
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Das ist ein Symbolbild. Die echten Bilder sind viel schlimmer.

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Eine Nase in Großaufnahme, durchsetzt von Mitessern und Pickeln - gelb und schwarz. Dann schieben sich weiße Handschuhe ins Bild, drücken zu, lassen Poren aufplatzen, den Eiter herausspritzen. In den Kommentaren: Begeisterung, Genugtuung, genussvoller Ekel. Aber auch der Wunsch, nun selbst Mitesser auf der Nase zu haben, um diese ebenso herauszudrücken.

Auf YouTube geschieht viel Ekelhaftes. Neben Videos, die die Politik des Landes verändern, neben Let's Plays und Journalismus finden sich auch die Räume des Ekels. Videos, in denen Pickel ausgedrückt, eingewachsene Haare entfernt oder Ohrenschmalz aus dem Gehörgang geholt wird - und Millionen schauen zu. Was befremdlich wirken mag, ist doch eine uralte Praxis: Die Verhandlung dessen, was wir ekelhaft finden und aus der öffentlichen Sichtbarkeit verbannt haben.

Ohne Ekel keine Schönheit

Ekel ist das Gegenteil des Begehrens, des Schönen, des Appetitlichen - und des Zeigbaren. Ekel ist vor allem aber auch kulturelle Prägung. Zum Beispiel Haare. Auf dem Kopf, voll und glänzend, sind sie Ausdruck von Gesundheit und Attraktivität. Eine ganze Industrie hat sich dafür gebildet, sie zu pflegen und ins richtige Licht zu rücken. Auch auf YouTube widmen sich viele Beauty-Kanäle dem Haarschopf. An anderer, unerwünschter Stelle des Körpers aber sind Haare ekelhaft, müssen entfernt werden, dürfen nicht existieren.

Achtung, die folgenden Fotos sind nichts für schwache Nerven!

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Echt eklig: Eiter, Ohrenschmalz, eingewachsene Haare

Dabei ist in unserer westlichen Gesellschaft das Ekelerregende weitgehend aus dem öffentlichen Umgang verschwunden. Wir riechen nicht, wir duften. Wir furzen nicht, wir entschuldigen uns und verschwinden verschämt auf die Toilette. Und wer beim Popeln erwischt wird, muss sich mit einer mindestens ebenso penetranten Emotion wie dem Ekel konfrontiert sehen: Scham.

YouTube aber ist ein Safe Space. Hier kann jeder das schauen, was er mag. Hier wird gezeigt, was wir sonst bitte nicht sehen möchten, wofür wir uns möglichst noch entschuldigen sollten. Hier ist der Körper ganz ungeschminkt, mit all seinen Ausscheidungen, Abfällen, mit seinem Schmutz.

Schaut man in die Kommentare dieser millionenfach geschauten Videos, findet man viele Menschen, die vor allem Selbstvergewisserung suchen. Ja, das ist schon alles ziemlich ekelhaft. Aber auch unglaublich faszinierend. "Schaut ihr diese Videos auch, wenn ihr nicht schlafen könnt?", steht unter einem Video - Tausende Thumbs-ups. Und immer wieder die Frage, wie man bloß zu diesem Video gekommen ist und wieso man nicht aufhören kann weiterzuschauen.

Neben YouTube-Kanälen von Ärztinnen oder Kosmetikern finden sich ebenso viele Privatpersonen, die sich ihre Pickel, Beulen, Zysten oder Wunden aufsparen, sie geradezu heranzüchten, um sie dann vor der Kamera zu öffnen und der Welt zu zeigen, was der Körper da produziert hat.

YouTube, Ort des Hässlichen

YouTube, wie die meisten Plattformen, die durch Bilder funktionieren, ist auch ein Ort des Schönen. Hier präsentieren sich Influencer, um die makellose Oberfläche zu zeigen. Und die passenden Produkte, die ihnen diese Reinheit erst verschaffen.

Daher ist es wohl nicht befremdlich, dass die gleiche Plattform auch die vermeintliche Schattenseite zeigt. Nämlich das, was diese Schönheit erst mitkonstruiert: das Ekelhafte. Ohne Ekel keine Schönheit. Und wie viel schöner ist die makellose Influencerin erst, wenn man sie nach Stunden im Ekel-Orkus von YouTube betrachtet?

In einem Video, in dem eine große Zyste ausgedrückt wird, schreibt eine Userin, dass ihr Freund sie gerade dabei erwischt habe, wie sie Cornflakes isst und dabei dieses Video schaute. Er habe würgen müssen, sie lachen. So ist das mit dem Ekel - manche genießen ihn heimlich, andere finden ihn zum Kotzen.



insgesamt 8 Beiträge
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ellibelli65 19.06.2019
1. Ich bin nicht allein!
Schon seit Jahren bin ich dem Ekelorkus verfallen und habe seitdem eine kleine feine Ekelplaylist. Die Queen of Popping ist eindeutig Dr Sandra Lee aus den USA. Aber auch asiatische Kanäle wie poppy.tv widmen sich hingebungsvoll, meist nicht besonders professionell, verstopften Poren und lassen im Megazoom ploppen. Es beruhigt ungemein!
Andraax 19.06.2019
2. Dr. Pimplepopper
ist legendär. Sollte man unbedingt gesehen haben.
palerider78 19.06.2019
3. Don't get it
Ich kann den Sinn dieses Artikels nicht begreifen. YouTube war in seinen ersten Stunden, bevor die Influencer kamen, der Hort der obskuren Self made Videos, wo der Ekel schon immer ein Zuhause hatte. Warum gefühlte 100 Jahre später einen Artikel über diese Banalitäten? Das ist doch sehr niveauarm und hätte ich eher auf bild.de erwartet.
zimond 19.06.2019
4. Die richtig fiesen Sachen...
..sind die sobald lebendes Getier entfernt werden muss. Spinnen im Gehörgang, Botlarven oder dutzende Mangowürmer in Hunden.
dasfred 19.06.2019
5. Das Thema platzende Pickel ist nicht neu
Schon vor fast dreißig Jahren hat Ralf König schon in einem Comic präsentiert, wie jemand wie von einem inneren Zwang getrieben, der vor ihm Sitzenden im Theater einen reifen Pickel im Nacken ausquetschte. Von vielen seiner Fans begeistert aufgenommen. Es ist ja auch nur begrenzt eklig. Es geht doch eher darum, dass eigentlich Eklige aus der Haut zu entfernen. Wie die ersten Foristen schon schrieben, es gibt Videos, die sollte man gesehen haben.
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