Kommentare zu politischen YouTube-Videos Wo wenige Nutzer viel Meinung machen

Politische Debatten münden in den YouTube-Kommentarspalten häufig in Beleidigungen. Eine SPIEGEL-Datenanalyse zeigt: Viele Kommentierende scheinen auf einzelne Videos und Kanäle fixiert.

YouTube-Stand auf einer Werbemesse: Nur wenige Nutzer kommentieren die Inhalte auch
Geisler-Foto/ picture alliance

YouTube-Stand auf einer Werbemesse: Nur wenige Nutzer kommentieren die Inhalte auch

Von Robert Meyer


Die Beziehung zwischen Politikern und YouTube-Nutzern ist nicht immer einfach: Die Community kann unerbittlich sein. Das merkte die CDU vor der Europawahl, als der YouTuber Rezo mit einem mittlerweile 16 Millionen Mal geklickten Video die Politik der Partei kritisierte. Und auch die CSU bekam es zu spüren, als ihr neues YouTube-Format "CSYou" viel Häme einstecken musste.

Dass politische Videos auf YouTube breite Aufmerksamkeit erzielen, ist eher die Ausnahme. Wie eine Datenanalyse des SPIEGEL zeigt, bleiben Nutzer in ihren Communities lieber unter sich und stoßen selten in andere politische Blasen vor.

Berücksichtigt wurden in dieser Analyse Videos, die im Juli oder August 2019 auf einem der rund 30 beliebtesten politischen YouTube-Kanäle veröffentlicht wurden. Darunter sind Kanäle wie "MrWissen2go", "Jung & Naiv", "Der Fehlende Part" oder "Tichys Einblick". Für jeden dieser Kanäle wurden die Kommentare unter den bis zu zehn meistgesehenen Videos eingesammelt. Und auf den ersten Blick wirken die insgesamt mehr als 230.000 Kommentare, die von knapp 70.000 Nutzern stammen, wie eine vielfältige Debatte.

Wenige Nutzer schreiben die meisten Kommentare

Schaut man genauer in die Daten, schrumpft diese scheinbare Vielfalt auf eine kleine Gruppe meinungsstarker Nutzer zusammen. Nur ein winziger Teil der Zuschauer schreibt überhaupt einen Kommentar: Auf Tausend Abrufe auf eines der analysierten Videos kamen im Schnitt gerade mal elf Kommentare.

In dieser schon kleinen Gruppe von kommentierenden Nutzern wiederum hielt sich ein Großteil der Nutzer - jedenfalls in jenen Kommentarbereichen der untersuchten Videos - sehr zurück: Mehr als die Hälfte der Accounts (56 Prozent) hat nur einen einzigen Kommentar verfasst. Gleichzeitig waren die zehn Prozent der Nutzer, die die meisten Kommentare geschrieben haben, für mehr als die Hälfte aller erfassten Kommentare verantwortlich.

Vom aktivsten Nutzer allein stammen fast 800 Kommentare - er hat sie alle unter nur zwei Videos hinterlassen. So etwas ist im politischen Teil von YouTube nicht ungewöhnlich: Nur knapp ein Drittel der Kommentierenden hat sich unter mehr als einem Video an der Diskussion beteiligt.

Und die große Mehrheit dieser Nutzer bewegt sich auch nicht außerhalb der eigenen Community. Insgesamt war nur ein Viertel der Kommentierenden auf mehr als einem Kanal aktiv. Und selbst wenn Nutzer auch auf anderen Kanälen unterwegs sind, so fast ausschließlich auf solchen mit einer ähnlichen politischen Ausrichtung. Gerade mal sechs Prozent der insgesamt mehr als 70.000 Kommentierenden postete unter Videos von Kanälen unterschiedlicher politischer Sphären. Das bedeutet aber nicht, dass sich die anderen 94 Prozent nur in ihrer eigenen Community aufhalten. So ist es durchaus möglich, dass sie Videos außerhalb ihrer Bubble schauen - jedoch ohne zu kommentieren.

Das Ergebnis dieser Analyse deckt sich deckt sich mit verschiedenen Forschungsarbeiten zu Filterblasen und Echokammern. In einer 2018 veröffentlichten Studie zeigen Jonas Kaiser und Adrian Rauchfleisch, wie sich auf YouTube eine rechtsextreme Blase gebildet hat. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland.

Parteien spielen fast keine Rolle auf YouTube

Zudem muss man sich auf YouTube vom Gedanken verabschieden, dass Politiker und Parteien gesellschaftliche Debatten anstoßen: Von ihnen finden sich unter den meistabonnierten politischen Kanälen nahezu keine Angebote. Nur der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken (knapp 45.000) und die AfD-Bundestagsabgeordnete Corinna Miazga (38.000) können als Einzelperson recht hohe Abozahlen vorweisen.

Politische Akteure erreichen mit ihren Videos auf YouTube in aller Regel nur wenige Menschen, was auch eine Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Europawahlkampf 2019 bestätigt. Die deutschen Parteien hätten es demnach nicht geschafft, auf YouTube "mit ihren Inhalten sichtbar zu sein" - und wenn, dann überhaupt nur mit viel Geld für Werbung. Nur die AfD gehört mit ihrem Hauptkanal "AfD Kompakt TV" zu den meistabonnierten politischen Kanälen auf der Videoplattform. Die Partei stößt dabei auf fruchtbaren Boden. Viele der meistabonnierten Politikkanäle auf YouTube vertreten ähnliche Positionen.

Mehr als zwei Millionen Mal wurden die im Juli und August veröffentlichten Videos von "AfD Kompakt TV" geklickt. Die Videos der anderen im Bundestag vertretenen Parteien kamen zusammen nicht mal auf 50.000 Klicks. Die SPD veröffentlichte in diesem Zeitraum kein einziges Video. An einer Diskussion sind auch nicht alle Parteien interessiert: CSU, FDP und Grüne haben die Kommentarfunktion unter ihren Videos deaktiviert.

Angesichts der Kommentarkultur auf YouTube überrascht dieser Schritt nicht. Ein Sprecher der FDP teilte auf Anfrage mit, dass unter den Videos der Partei kaum Dialog zu den Themen stattgefunden habe. Vielmehr seien die Kommentare für Kampagnen politischer Gegner genutzt worden, beklagt der Sprecher.

Aus den reinen Zahlen nicht ablesen lässt sich nämlich die Qualität der Beiträge. Hetze und Beschimpfungen sind gerade unter politischen Videos der Normalfall. So zu beobachten bei dem Nutzer, der in den zwei Monaten die meisten Kommentare hinterlassen hat. Er war vor allem damit beschäftigt, andere Nutzer zu beleidigen.

Welche Daten liegen der Auswertung zugrunde?
In die Analyse sind die rund 30 meistabonnierten YouTube-Kanäle eingeflossen, die sich hauptsächlich mit Politik beschäftigen. Angebote klassischer Medien wurden nicht eingeschlossen. Mithilfe der YouTube-API wurden insgesamt über 230.000 Kommentare zu den jeweils bis zu zehn meistgesehenen Videos der Kanäle heruntergeladen, die im Juli oder August 2019 veröffentlicht wurden.
Welche Kanäle sind in die Analyse eingeflossen?
Untersucht wurden Kommentare auf folgenden Kanälen: 451 Grad, Achgut.Pogo, AfD Kompakt TV, AfD-Fraktion Bundestag, Carsten Jahn, Charles Krüger, Corinna Miazga MdB, Der Fehlende Part, Deutschland3000, Freie Propaganda, Junge Freiheit Verlag, KenFM, Kopp Verlag, LeFloid, MinderestingPictures, MrWissen2go, NachDenkSeiten, Nuo7, NuoViso.TV, Oli, Privatinvestor Politik Spezial, Rayk Anders, Tichys Einblick, Tiemo Wölken, Tilo Jung, UNBLOGD, Wissensmanufaktur, eingeSCHENKt.tv
Welche Aussagen lassen sich auf Grundlage der Daten nicht treffen?
Die Kommentare lassen keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Zusammensetzung des Publikums zu. Allerdings weist die Studie von Kaiser und Rauchfleisch darauf hin, dass auch das Publikum der Videos aufgrund des YouTube-Algorithmus tendenziell in der eigenen Community bleibt.
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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
bebau 05.10.2019
1.
Das Problem ist, dass manche Leute Kommentarspalten für repräsentativ halten. Allerdings ist die Verteilung der Meinungen überall anders. Wenn man manchem Kommentarspalten glauben darf, glauben 80% der Menschen, dass die Erde eine Scheibe ist.
mima84_84 05.10.2019
2.
Zitat von bebauDas Problem ist, dass manche Leute Kommentarspalten für repräsentativ halten. Allerdings ist die Verteilung der Meinungen überall anders. Wenn man manchem Kommentarspalten glauben darf, glauben 80% der Menschen, dass die Erde eine Scheibe ist.
Oder dass es den menschengemachten Klimawandel nicht gibt, dass der Mensch nie auf dem Mond war usw. usf. Und es sind immer dieselben Sprüche: Angebliche Maistream-Irgendwas unterdrücken angeblich total wissenschaftliche Erkenntnisse... Die Quelle ist dann meistens irgendwo anders im Internet, wo auf Facebook jemand Instragram zitiert. Und die ganzen Idioten, die keine Ahnung von Wissenschaft haben, laufen solchen Schwachsinnsmeldungen dann nach und wählen entsprechend.
1904.pro 05.10.2019
3. waaas???
Trotz Csyou und dem hippen Armin spielt die CSU da keine Rolle?:-)
sparrenburger 05.10.2019
4. Na und !?
Seit wann. hat yt irgendeine Relevanz ? Das Niveau der Angebote ist weit noch unterhalb der Blödzeitung. Wie schon im ersten Kommentar erwähnt wurde geben in einigen Kanälen 80Prozent der Kommentierenden vor zu glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Die würden ein seriöses Angebot gar nicht erst annehmen, weil es sie nicht in gewünschter Form unterhält.
christoph.bohr 05.10.2019
5. ist die AFD gekauft ? Sie will das Mehr Öl und Gas verbrannt wird?
Wenn wir mehr Öl, Gas und Kohle verbrennen - dann zahlen wir mehr Geld nach Saudi Arabien, Katar, Russland, USA und viele andere Länder. Nicht alle verwenden das Geld in eine Weis die uns gefällt. Weder achtet man unsere Kultur unsere Kunst und nicht mal unsere Wissenschaft. Warum setzt sich die AFD so sehr gegen Windkraft, Photovoltaik und das EEG ein? Ist dass nicht schon verdächtig? Die bestechend einfache Logik ist, wir brauchen Photovoltaik möglichst auf allen Dächern, Windräder und große preisgünstige Stromspeicher wie Redox FLow Batterien die in Japan schon erfolgreich eingesetzt werden. Es ist einfach viel billiger und sauber mit Wind und Sonne Energie bereitzustellen und diese zu speichern. Ein weltweiter Markt mit echter Einsparung an Schadstoffen und CO2. Für Europa wäre es ein riesiges Konjunkturprogramm mit vielen sinnvollen neuen Arbeitsplätzen – bezahlt aus eingespartem Öl, Gas und Kohle. Nur wenn weniger verbannt wird, macht Klimapolitik einen Sinn. Abgaben verleiten zur Verlagerung beispielsweise zum Kauf von Zertifikaten aus anderen Ländern z.B. dürre Bäumchen in Kenia. Die Energie fällt ja nicht vom Himmel, aber fast. Wir haben Photovoltaik und Windkraft, aber wir haben keine Wasserstofftankstellen und keinen schnellen Brüter – darauf zu warten ist nur eine Ausrede zum Schaden aller. Unsere GroKo verhindert den sinnvollen Einsatz bewährter Technik - damit wird ein Aufschub auf unbestimmte Zeit erreicht - und solange wird die Luft verpestet. Vorschriften und Ausschreibungen welche Herr Gabriel einführte erreichen aber genau das Gegenteil von einem Ausbau bei Wind und auch bei Photovoltaik. In Bayern wird dieses Jahr nur noch ein letztes Windkraftwerk errichtet. Nach der Photovoltaikbranche wird jetzt die Windbranche platt gemacht bisher minus 36.000 Arbeitsplätze.
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