YouTube Nur falsch ist wirklich echt

Von

2. Teil: Im zweiten Teil: Was wird aus enttäuschter Liebe? Als klar wird, dass lonelygirl15 nicht nur ein "Fake" ist, sondern auch die YouTube-Gemeinde manipuliert, bricht ein Sturm los. Weiter...


Vierter Akt: Die Entzauberung

Alles in Ordnung also? Nicht ganz. Auch in einem virtuellen Netzwerk, das wie YouTube oder MySpace auf der gemeinsam aufrecht erhaltenen Illusion von Echtheit und menschlicher Nähe beruht, gibt es Regeln. Der Betrug darf das Maß des selbst gewählten freiwilligen Selbstbetrugs nicht überschreiten. Dass Bree in ihrem MySpace-Profil 4865 Freunde angesammelt hat, wäre auch dann okay, wenn sie denen immer nur etwas vorgespielt hätte: Die Community will schließlich ihren Spaß haben. Was wäre da besser als eine gute Show (auch wenn der Selbstbetrug hier natürlich schon mit der Zahl der Freunde beginnt)?

Nur darf das alles nicht zu weit gehen.

Ende August fanden drei findige YouTube-Mitglieder heraus, dass es auf den Namen lonelygirl15 sowohl eine Webseiten- als auch eine Markenzeichen-Registrierung gab. Erstere datierte auf einen Zeitpunkt zurück, bevor Bree auch nur ihr erstes Video veröffentlicht hatte. Jetzt begann die Stimmung zu kippen.

Die Recherchen führten zu einer Agentur in Hollywood, Los Angeles: Von dort aus schienen E-Mails zu kommen, die in Brees Namen verschickt wurden. Am Donnerstag fasste die "Los Angeles Times" die Erkenntnisse der drei YouTuber in einem Artikel zusammen - und ließ es raus: Lonelygirl15 ist eine Fälschung.

Die Nachricht schlug voll ein. Wenig später veröffentlichte ein noch immer Unbekannter in einem lonelygirl-Fanforum folgende Erklärung, die dem Publikum für die "überwältigende Resonanz" auf die "neue Kunstform" dankte:

"Thank you so much for enjoying our show so far. We are amazed by the overwhelmingly positive response to our videos; it has exceeded our wildest expectations. With your help we believe we are witnessing the birth of a new art form. Our intention from the outset has been to tell a story– A story that could only be told using the medium of video blogs and the distribution power of the internet. A story that is interactive and constantly evolving with the audience."

Der YouTuber Renetto, selbst einer der Stars des Netzwerks und eine Art Philosoph und Hüter des Community-Gedankens, leistete sich daraufhin einen regelrechten Ausraster, in dem er klar machte, worin der Sündenfall von lonelygirl15 wirklich besteht. Diesmal hatte man die Community selbst zu Mitakteuren gemacht - anders als einst beim Blair Witch Project, als das Web zum Werbeträger wurde, indem man die Community auf den kommenden Film einstimmte. Den rund 30 Videos von lonelygirl15 stehen inzwischen Hunderte Videos gegenüber, mit denen YouTuber auf die Beiträge des Mädchens reagiert haben. Jetzt verbreitet sich die Befürchtung, dass diese filmischen Reaktionen bald Teil des Produktes sein könnten, dass durch lonelygirl15 initiiert wurde.

Eine Überdosis Realitätsverlust, befand Renetto: "Paris Hilton ist realer als lonelygirl! Irgendwie müssen wir uns dagegen wehren und sie bei YouTube herausschmeißen. Sie gehört hier nicht hin!"

Das Rätsel, das Spiel scheint also vorbei. Oder auch nicht: Auch Renetto erntete Spott für seinen Ausfall. Ein YouTuber in einem aktuellen Beitrag: "Ich dachte immer, Renetto wäre eine Fälschung!". Renetto revidierte seine Ansichten bereits am Samstag. Parallel erschien derweil ein neues lonelygirl15-Video, in dem Bree mit keinem Wort auf ihre Entzauberung eingeht - der Beitrag wirkt vorproduziert.

Was das alles wirklich bedeutet, das hat auch der YouTube-Philosoph Renetto erkannt, nachdem er die Nachricht verdaut hatte. So sehr sich die Netz-Community auch abzusetzen versucht von der ach so profanen Kommerzwelt, beflügelt von den Web-2.0-Idealen der interaktiven Internet-Portale - alles beruht am Ende doch auf einer gemeinschaftlich geschaffenen Illusion. Alle seien doch dabei, weil sie "Spaß haben" wollten, und ganz und gar nicht, um voneinander die Wahrheit zu hören. Der Verlogenheit der Kommerzwelt und ihrer Versuche, diese Community-Räume zu erobern, steht so die Verlogenheit der Community gegenüber, die unter anderem ignorieren will, dass sie Teil dieser Kommerzwelt ist.

Die heile Welt der Web-2.0-Öffentlichkeit beruhte demnach also auf dem festen Willen, sich gegenseitig kräftig was vorzumachen: "Ich kenne einen Musiker", erzählt Renetto in seinem Posting vom Samstag, "der Angst hat zu erwähnen, dass man von ihm auch CDs kaufen kann." Im so idealistischen Raum der Community sei nur derjenige glaubhaft, der vorgibt, keine kommerziellen Interessen zu haben.

Womit sich der Kreis schließt, denn das ist eine Geschichte, die so alt ist wie das WWW. Eigentlich ist der Grundgedanke von Web 2.0 ja "retro": Schließlich entsprechen die Ideale der Community jenen der frühen Web-Gemeinde, bevor diese von "kalifornischer Ideologie", Dotcom-Boom und Kommerz-Web hinweggespült wurde. Die idealistischen Köpfe dieser frühen Web-Bewegungen diskreditierten sich selbst gegenüber ihren Communitys, sobald sie "Karriere" machten.

Während bei YouTube die Diskussion über Identität und Echtheit, Ideale und Illusionen gerade erst beginnt, legt die Kommerzwelt längst den Grundstein für Web 3.0. In Management-Seminaren und weitgehend inhaltsleeren Kongressen zerredet sie den Web-2.0-Mythos zu Marketingstrategien, auf dass sich die Community bald schon ein neues Refugium schaffen muss.

Offenbar mit Erfolg.

P.S.: Sollte lonelygirl eine Werbekampagne sein, könnte sich die am Ende für sie positiv, für das Produkt aber negativ auswirken. Lonelygirl-Fan Daniel Gardner sandte seiner Angebeteten am Wochenende via Fan-Forum eine Nachricht, die die Stimmung für viele auf den Punkt bringt: "Wir hassen deinen Regisseur und dein Team, aber wir können nicht umhin, dich zu lieben." Das ambivalente Spielchen geht weiter.

  • 1. Teil: Nur falsch ist wirklich echt
  • 2. Teil: Im zweiten Teil: Was wird aus enttäuschter Liebe? Als klar wird, dass lonelygirl15 nicht nur ein "Fake" ist, sondern auch die YouTube-Gemeinde manipuliert, bricht ein Sturm los. Weiter...


insgesamt 132 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Spiritogre, 13.04.2006
1.
Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. Aber es ist ein interessantes Modell. Statt sich eine Software zu kaufen kann man z.B. Bildbearbeitung online (kostenlos aber mit Werbebannern auf der Seite) machen. Wichtig für die Zukunft ist eine schnelle Internetverbindung sowohl beim Download als auch beim Upload (da haperts bei den deutschen Angeboten erheblich) sowie natürlich geringe Latenzzeiten. Was die Industrie am Ende daraus macht, sowohl die Anbieter solcher Dienste als auch irgendwann mal die deutschen Internetprovider steht allerdings auf einem anderen Blatt. Etwas Zurückhaltung ist angebracht da die Industrie gerne mal die Chancen überbewertet - falsche Ideen wie kostenpflichtige bzw. zu teure Angebote die keine konkurrenz zu normaler, stationärer Software sind etwa.
SirRobin 13.04.2006
2. Datenschleuder Web 2.0
Jaja, die Interaktivität... da wundert es einen doch, das das Mitmach-Fernsehen nie funktioniert hat... Was aber viel schwerer wiegt bei all der Web 2.0-Nummer: Datensicherheit. Die Idee hinter Ajax und Co. ist ja, dass Nutzer im Browser künftig Anwendungen laufen lassen, die bislang nur auf dem Desktop liefen jetzt online verfügbar sein solle/werden/können... egal. Die Mail Applikation von live.com von MS als Beispiel, die quasi ein Outlook ist oder werden soll. Soweit OK das mit den Mails, aber wer will seine Geschäftsbriefe oder seine Excel-Sachen ONLINE bearbeiten? Da muss die Verbindung schon recht sicher sein und der Server auch, damit solche Anwendungen genutzt werden können. Firmen werden sich nach web 2.0 Bookmarks von Usern die Finger lecken - welch wunderschönes persönliches Nutzerprofil... Perfekt für den nächsten SPAM-Anlauf. Web 2.0 ist keine Spielerei, oder ne "Ich klick mal mit"-Geschichte. Da stehen wichtigen Anwendungen dahinter die noch das eine oder andere zu diskutieren geben werden. Wird spannend werden...
jimKn0pfEnhanced, 13.04.2006
3. Welcome 2 teh future^^
Irgendwann beginnt Jeder selbstständig agierende Mensch sich vom alten TV Medium zu lösen. Statt wie gehabt sich ausschließlich berieseln zu lassen und ein Medium quasi nur Passiv zu nutzen. Ihm ausgeliefert zu sein, keinen Einfluß zu haben auf den Inhalt ist eine Einschränkung eine Verkrüppelung. Nach Informations erhalt möchte man darüber diskutieren sich mitteilen, daher schreiben auch immer mehr Gruppen Blogs. Der Effekt ist, das die Menschen sich intensiver mit Informationen auseinandersetzen und eigene Ideen miteinbringen. Jeder ist Produzent und Konsument - alle partizipieren so direkt oder indirekt voneinander. Dies ist eine Art exponentielles Wachstum des Wissens, der Gesellschaft - der Globalen Gesellschaft. Das einzige was dem noch entgegenwirkt: - vorsintflutliche Kapitalismus(Vorschlaghammer Copyrights) - Einzelne Personen welche um Machterhalt ringen und die Zeichen einer neuen Ära nicht sehen - das Potential nicht sehen. - Regierungen welche Ihre Bürger daran hindern sich selbständiger zu machen. Mit freundlichen Grüßen
schlinki, 13.04.2006
4. nachichten im web
Die alten Medien werden verschwinden. www.newsvine.com ist eine Nachrichtenseite, die es richtig macht. Ich mag den Spiegel, aber brauche ich ihn überhaupt noch?
Peter Königsdorfer, 13.04.2006
5.
---Zitat von Spiritogre--- Web 2.0 ist ja viel mehr. Es sind quasi richtige Programme die da im Webbrowser ablaufen. Kan man zur Zeit bei vielen Freemailern wie Hotmail schon sehen. Da gibt es quasi keinen Unterschied in der Bedienung zum normalen Mail-Programm. Der Nachteil (derzeit?) ist, dass sie natürlich viel träger laufen als eine lokale Anwendung. . ---Zitatende--- Es hängt hauptsächlich von der Menge der involvierten Daten ab, wie träge so ein Programm reagiert. Verglichen mit der herkömmlichen Web-Programmierung laufen solche Programme aber immer schneller ab, da Daten per AYAX direkt in das DOM einer bestehende Seite eingelesen werden, statt serverseitig eine neue Seite aufzurufen. Das Problem ist halt, dass solche Scripte nicht pickelhart und zwingend laufen, sie benötigen modernes (und natürlich aktiviertes)JavaScript. Deshalb wende ich solche Scripte nur in Backends an oder als zusätzliche Helferlein, auf die man auch verzichten könnte, ohne die grundlegende Funktionalität einer Seite einzuschränken. mfG Peter
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.