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11. September 2006, 11:42 Uhr

YouTube

Nur falsch ist wirklich echt

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Über Monate war lonelygirl15 ein Darling der YouTube-Nutzer und der Medien. Jetzt entpuppt sie sich als Marketing-Gag - und entzaubert den Mythos der YouTube-Community. Die Eroberung des Web 2.0 durch die Kommerzwelt stellt alles in Frage.

Das Märchen von lonelygirl15 geht so: Irgendwo in diesem großen, großen Land namens USA lebte und lebt ein einsames Mädchen von 15, 16 Jahren. Ihre Eltern gehören einer gestrengen Religion an - weshalb sie keine Schule besucht, kaum Freunde hat, nicht zu Partys geht. Sie wird daheim unterrichtet und verlässt das Haus nur selten. Kontakte darf sie nur zu wenigen Menschen halten.

lonelygirl15 alias Bree: Web-Beichte eines Teenagers - oder Massenverführung durch eine bezahlte Schauspielerin?

lonelygirl15 alias Bree: Web-Beichte eines Teenagers - oder Massenverführung durch eine bezahlte Schauspielerin?

Dann kam YouTube, und das einsame Mädchen begann, die Schicksale der anderen Menschen zu verfolgen. Im Mai antwortete sie zum ersten Mal auf ein YouTube-Video, stellte einen eigenen Film ins Netz. Damit fing eine Geschichte an, die in den kommenden Monaten YouTube und zunehmend auch die Medien beschäftigen sollte. Sie begann als Liebesgeschichte der Community mit der einsamen Schönen - trug aber rasch Untertöne, die in Richtung Drama wiesen. Es hatte nicht lange gedauert, bis Fragen aufkamen.

Erster Akt: Bree verführt YouTube

Lonelygirl15 rückte in den Fokus der YouTube-Gemeinde, weil sie in ihren Postings Bezug nahm auf prominente YouTuber - so macht man das. Es verging nicht viel Zeit, bis sie selbst prominent wurde: Wer war dieses hübsche, stets adrette und nahezu perfekt geschminkte Mädchen? Was hatten ihre seltsamen Andeutungen über ihre "Religion" zu bedeuten? Lebte sie ein privilegiertes Leben in einem goldenen Käfig - oder wurde sie regelrecht gefangen gehalten, eingebettet in das Leben einer seltsamen, vielleicht sinistren Sekte?

Bree, so sollte lonelygirl15 wirklich heißen, drängte ihren virtuellen Freunden solche Theorien nicht auf. Bald gab es passend zum YouTube-Auftritt auch ein MySpace-Profil. Ein lockerer, netter Teenager, schien es. Ein Mädchen, das nicht unbedingt Andeutungen machte, sondern sich hier und da vielleicht verquatschte - und stets schüchtern einen Rückzieher machte, wenn man sie zu Erklärungen drängte.

Im Frühsommer 2006 entstanden erste Foren, in denen über Bree diskutiert wurde. Aus ihrer Stamm-Zuschauerschaft, die sich rapide der Halbmillionen-Grenze näherte, entstand der Kern einer kleinen Fanbewegung. Auf dem Höhepunkt des lonelygirl15-Hypes wurde sie zur zweitpopulärsten, aber meistgesehenen Person bei YouTube.

Zweiter Akt: Die Zeit der Fragen

Spätestens im Juli aber nahmen die drängenden Fragen überhand. Auf der Wand hinter lonelygirl/Bree erschien, stets sichtbar, ein Porträt von Aleister Crowley. Das Bild eines Okkultisten (eines Satanisten für viele Christen) mitten im Zimmer eines behüteten Mädchens - das in einem Land lebt, in dem man "Religion", die "nicht Mainstream" ist, fast sofort mit Fundamentalchristentum verbindet? Was ging da vor sich?

"Daniel": Kumpel, Killer?

"Daniel": Kumpel, Killer?

Auch Bree veränderte ihr Verhalten. Sie nahm kaum noch Bezug zu anderen Dingen, die auf YouTube vorgingen. Bis Ende August wirkte sie wie aus der Zeit genommen: Sie kommentierte nichts mehr im Zeitgeschehen, beantwortete keine Fragen mehr, gab stattdessen ihren Fans immer neue auf.

Bald schon, verriet sie in einem Posting, müsse oder dürfe sie an einer äußerst geheimen religiösen Zeremonie teilnehmen: "Noch nicht einmal meine Eltern dürfen dabei sein." So eine Art Konfirmation oder Bar Mitzwa sei das, sagte sie. Nur dass sie dafür auf Diät gehen müsse, nerve sie doch. Bree ist ein pubertierender Hungerhaken, die man ihren Webcam-Bildern nach zu urteilen auf nicht mehr als 50 Kilo schätzen würde.

Was passierte da?

Dritter Akt: Die Zeit der Skeptiker

Längst hatten lonelygirls Postings auch für ihre Zuschauer so etwas wie einen Seriencharakter gewonnen. Immer tiefer gerieten die Einblicke in ihre Lebens- und Denkwelt. Mit "Daniel" war eine Figur eingeführt worden, die für zusätzliche Spannung sorgte. Der stoische Junge, machte Bree klar, sei in sie vernarrt. Dass man den Eindruck bekam, er sei zudem etwas seltsam - dafür sorgten die beiden gemeinsam.

Schon im Juni war in Diskussionsrunden erstmals das Stichwort "Blair Witch Project" gefallen. Sollte es möglich sein, dass das alles eine riesige Fälschung war? Dass da jemand ganz gezielt die YouTube-Community aufs Glatteis führte? Dass Bree nichts anderes sei als eine Marketing-Aktion für irgendein abgefahrenes Horrorstück?

Hinweise in diese Richtung gab Bree in ihren Postings immer wieder. Zugleich schienen die Postings im Laufe der Zeit an Professionalität zuzunehmen. Als regelrechten Wink mit dem Zaunpfahl empfanden da viele das kontroverse "Swimming"-Video Ende August:

Konnte das noch Laienarbeit sein? Die skeptischen Fragen häuften sich. Kaum zufällig erschienen mit die ersten Artikel, die auf dieser Ebene argumentierten, auf der Webseite des "Alternative Reality Gaming Network". Bald schon schwappten sie hinüber in die klassischen Medien.

Im Juni hatte es erste Hinweise in der Presse gegeben, dass sich mit lonelygirl15 bei YouTube "der Hype der Saison" ankündige. Einen Monat später kamen dann auch die Zweifel in der Medienwelt an: Wie in der YouTube-Community ging die Diskussion nun zu dem Thema über, ob und wie der "Fall lonelygirl15" das Konzept von Identität in Frage stelle. Im August begannen findige Blogger und Journalisten gezielt, in der Filmszene nach einer Bree-Verbindung zu suchen.

Doch anders als die Medien, die sich vor allem für die Frage "Betrug oder nicht?" interessierten, gingen die YouTuber sehr ambivalent mit dem Thema um. Das liegt in der Natur der Sache.

"Broadcast yourself" lautet das Motto von YouTube, und natürlich ist alles in dieser Welt des Selbstmach-Fernsehens ein wenig artifiziell. Für die Community macht das einen Teil des ganzen Spaßes aus: Dass lonelygirls Videos viel zu professionell produziert schienen, all die Andeutungen, die Stringenz eines langsamen Story-Aufbaus - all das empfanden viele als ganz besonders cool. Wo würde das hinführen? Andere Teile der Community hielten dagegen: Für sie hatte sich Bree längst zum Idol entwickelt. Bree musste wahr sein.

Die meisten aber spielten selbstironisch mit. Anfang August schlug YouTube-Mitglied Daniel Gardner vor, ein von ihm gesungenes Liedchen zur offiziellen Titelmelodie der lonelygirl15-Videos zu machen:

Im zweiten Teil: Was wird aus enttäuschter Liebe? Als klar wird, dass lonelygirl15 nicht nur ein "Fake" ist, sondern auch die YouTube-Gemeinde manipuliert, bricht ein Sturm los. Weiter...

Vierter Akt: Die Entzauberung

Alles in Ordnung also? Nicht ganz. Auch in einem virtuellen Netzwerk, das wie YouTube oder MySpace auf der gemeinsam aufrecht erhaltenen Illusion von Echtheit und menschlicher Nähe beruht, gibt es Regeln. Der Betrug darf das Maß des selbst gewählten freiwilligen Selbstbetrugs nicht überschreiten. Dass Bree in ihrem MySpace-Profil 4865 Freunde angesammelt hat, wäre auch dann okay, wenn sie denen immer nur etwas vorgespielt hätte: Die Community will schließlich ihren Spaß haben. Was wäre da besser als eine gute Show (auch wenn der Selbstbetrug hier natürlich schon mit der Zahl der Freunde beginnt)?

Nur darf das alles nicht zu weit gehen.

Ende August fanden drei findige YouTube-Mitglieder heraus, dass es auf den Namen lonelygirl15 sowohl eine Webseiten- als auch eine Markenzeichen-Registrierung gab. Erstere datierte auf einen Zeitpunkt zurück, bevor Bree auch nur ihr erstes Video veröffentlicht hatte. Jetzt begann die Stimmung zu kippen.

Die Recherchen führten zu einer Agentur in Hollywood, Los Angeles: Von dort aus schienen E-Mails zu kommen, die in Brees Namen verschickt wurden. Am Donnerstag fasste die "Los Angeles Times" die Erkenntnisse der drei YouTuber in einem Artikel zusammen - und ließ es raus: Lonelygirl15 ist eine Fälschung.

Die Nachricht schlug voll ein. Wenig später veröffentlichte ein noch immer Unbekannter in einem lonelygirl-Fanforum folgende Erklärung, die dem Publikum für die "überwältigende Resonanz" auf die "neue Kunstform" dankte:

"Thank you so much for enjoying our show so far. We are amazed by the overwhelmingly positive response to our videos; it has exceeded our wildest expectations. With your help we believe we are witnessing the birth of a new art form. Our intention from the outset has been to tell a story– A story that could only be told using the medium of video blogs and the distribution power of the internet. A story that is interactive and constantly evolving with the audience."

Der YouTuber Renetto, selbst einer der Stars des Netzwerks und eine Art Philosoph und Hüter des Community-Gedankens, leistete sich daraufhin einen regelrechten Ausraster, in dem er klar machte, worin der Sündenfall von lonelygirl15 wirklich besteht. Diesmal hatte man die Community selbst zu Mitakteuren gemacht - anders als einst beim Blair Witch Project, als das Web zum Werbeträger wurde, indem man die Community auf den kommenden Film einstimmte. Den rund 30 Videos von lonelygirl15 stehen inzwischen Hunderte Videos gegenüber, mit denen YouTuber auf die Beiträge des Mädchens reagiert haben. Jetzt verbreitet sich die Befürchtung, dass diese filmischen Reaktionen bald Teil des Produktes sein könnten, dass durch lonelygirl15 initiiert wurde.

Eine Überdosis Realitätsverlust, befand Renetto: "Paris Hilton ist realer als lonelygirl! Irgendwie müssen wir uns dagegen wehren und sie bei YouTube herausschmeißen. Sie gehört hier nicht hin!"

Das Rätsel, das Spiel scheint also vorbei. Oder auch nicht: Auch Renetto erntete Spott für seinen Ausfall. Ein YouTuber in einem aktuellen Beitrag: "Ich dachte immer, Renetto wäre eine Fälschung!". Renetto revidierte seine Ansichten bereits am Samstag. Parallel erschien derweil ein neues lonelygirl15-Video, in dem Bree mit keinem Wort auf ihre Entzauberung eingeht - der Beitrag wirkt vorproduziert.

Was das alles wirklich bedeutet, das hat auch der YouTube-Philosoph Renetto erkannt, nachdem er die Nachricht verdaut hatte. So sehr sich die Netz-Community auch abzusetzen versucht von der ach so profanen Kommerzwelt, beflügelt von den Web-2.0-Idealen der interaktiven Internet-Portale - alles beruht am Ende doch auf einer gemeinschaftlich geschaffenen Illusion. Alle seien doch dabei, weil sie "Spaß haben" wollten, und ganz und gar nicht, um voneinander die Wahrheit zu hören. Der Verlogenheit der Kommerzwelt und ihrer Versuche, diese Community-Räume zu erobern, steht so die Verlogenheit der Community gegenüber, die unter anderem ignorieren will, dass sie Teil dieser Kommerzwelt ist.

Die heile Welt der Web-2.0-Öffentlichkeit beruhte demnach also auf dem festen Willen, sich gegenseitig kräftig was vorzumachen: "Ich kenne einen Musiker", erzählt Renetto in seinem Posting vom Samstag, "der Angst hat zu erwähnen, dass man von ihm auch CDs kaufen kann." Im so idealistischen Raum der Community sei nur derjenige glaubhaft, der vorgibt, keine kommerziellen Interessen zu haben.

Womit sich der Kreis schließt, denn das ist eine Geschichte, die so alt ist wie das WWW. Eigentlich ist der Grundgedanke von Web 2.0 ja "retro": Schließlich entsprechen die Ideale der Community jenen der frühen Web-Gemeinde, bevor diese von "kalifornischer Ideologie", Dotcom-Boom und Kommerz-Web hinweggespült wurde. Die idealistischen Köpfe dieser frühen Web-Bewegungen diskreditierten sich selbst gegenüber ihren Communitys, sobald sie "Karriere" machten.

Während bei YouTube die Diskussion über Identität und Echtheit, Ideale und Illusionen gerade erst beginnt, legt die Kommerzwelt längst den Grundstein für Web 3.0. In Management-Seminaren und weitgehend inhaltsleeren Kongressen zerredet sie den Web-2.0-Mythos zu Marketingstrategien, auf dass sich die Community bald schon ein neues Refugium schaffen muss.

Offenbar mit Erfolg.

P.S.: Sollte lonelygirl eine Werbekampagne sein, könnte sich die am Ende für sie positiv, für das Produkt aber negativ auswirken. Lonelygirl-Fan Daniel Gardner sandte seiner Angebeteten am Wochenende via Fan-Forum eine Nachricht, die die Stimmung für viele auf den Punkt bringt: "Wir hassen deinen Regisseur und dein Team, aber wir können nicht umhin, dich zu lieben." Das ambivalente Spielchen geht weiter.

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