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11. August 2008, 15:56 Uhr

YouTube-Phänomen

Die Barock-Rocker

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Sie rocken durch einen Kanon aus dem 17. Jahrhundert - in atemberaubendem Tempo, vor einem Multimillionen-Publikum. Ob japanische Schulmädchen, schüchterne Jungs oder Profis: Tausende Barock-Extremgitarristen beweisen auf YouTube, dass Internet-Phänomene ziemlich langlebig sein können.

Johann Pachelbel ist seit 302 Jahren tot. Als der Komponist in Nürnberg im Alter von 52 Jahren starb, hatte er zahllose Orgelwerke, Choralbearbeitungen und Sonaten geschrieben - und einen Welthit. " Kanon und Gigue in D-Dur" hat jeder schon mal irgendwo gehört. Das Stück wird bei Hochzeiten gespielt und bei Schulfeiern, bei Taufen und Einweihungen. Die Barock-Harmonien sind schlicht und hübsch, die Melodie eingängig, der Rhythmus eignet sich zum Einherschreiten. Seit drei Jahren aber hat Pachelbels Kanon eine ganz neue globale Fangemeinde: Gitarrenhelden und ihre Anhänger. Pachelbel-Spielen ist heute, dank YouTube, ein Extremsport mit globaler Fangemeinde. Die berühmteste Pachelbel-Version auf YouTube ist bis Anfang August 2008 47 Millionen Mal abgerufen worden.

Dass der Grenzzaun zwischen Barock und Rock ziemlich niedrig ist, haben schon viele festgestellt. Simple Akkordfolgen wie die aus dem Kanon aus dem Jahr 1680 sind eine solide Basis für Hits, wie der US-Komiker Rob Paravonian in einem Pachelbel-(An-)Klagelied beweist: Green Day und Aerosmith, U2 und die Beatles - alle haben sie schon Songs geschrieben, die derselben Akkordfolge eine Menge verdanken.

Doch dass Pachelbels Komposition selbst zum Rock-Hit taugt, hat erst ein bis dahin unbekannter Taiwaner namens Jerry Chang bewiesen: Er schrieb ein Arrangement für Sologitarre, nahm es auf und stellte ein Video der Finger-akrobatischen Variation unter dem Namen "JerryC" als "Canon Rock" ins Netz. Was dann passierte, konnte Chang damals nicht voraussehen.

Zunächst einmal bekam er freundliche E-Mails, die ihm zu dem Arrangement gratulierten und um Kopien des simplen Backing-Tracks aus Bass und Schlagzeug baten, den Chang dazu gebastelt hatte. Das war im Jahr 2003.

Fast zwei Jahre und viele JerryC-Nachahmer später stellte ein Koreaner Anfang 20 seine "Canon Rock"-Version in einem koreanischen Videoangebot online. Jeong-Hyun Lim, Künstlername "FunTwo", ist darauf nicht einmal zu erkennen, er trägt eine Schirmmütze und hat den Kopf gesenkt. Im Hintergrund ist sein Bett zu sehen, am rechten Bildrand ein Schreibtisch mit PC. Jugendzimmer-Ambiente. Mit einer Technik namens "Sweep-picking" produziert Lim atemberaubende Arpeggios. Er spielt so schnell, dass einem schwindlig wird.

Von wegen kurzlebig

Ein Nutzer nahm das Video von der koreanischen Seite und stellte es bei YouTube ein. Damit löste er einen "Canon Rock"-Boom aus, der bis heute anhält. Als eine Redakteurin der "New York Times" im Jahr 2006 dahinterkam, wer "FunTwo" eigentlich ist, war das Video sieben Millionen Mal abgerufen worden. Aber das war noch gar nichts.

Vor kurzem überschritt die Abrufzahl die Marke 47 Millionen. Über 200.000 Kommentare stehen unter dem Video, die meisten davon begeistert. Der Clip ist mehr als zwei Jahre alt, und immer noch laufen minütlich neue Kommentare ein. Es gibt über 1160 Video-Antworten.

Das "Canon"-Phänomen macht deutlich: Dass sogenannte Internet-Phänomene "kurzlebig" seien, wie gern mal behauptet wird, ist Quatsch.

Die Pachelbel-Mania bringt Seiten der Internet-Generation zum Vorschein, die ihr von den Kulturpessimisten dieser Welt gern abgesprochen werden: Ausdauer, Fleiß, Hartnäckigkeit, Begeisterung für ehrliches Handwerk und Dinge, die nicht eben mal so hingerotzt sind, sondern sehr viel Arbeit machen. Ein Hauch des Geistes der achtziger Jahre weht durch diese Videos, aus der großen Zeit der Gitarrenhelden, als Geschwindigkeits-Götter wie Eddie Van Halen oder Steve Vai von Teenagern verehrt wurden und Jungs in Jugendzimmern auf Fender-Klonen Tapping trainierten. Als viele wirklich der Meinung waren, (Klang-)Kunst komme von Können.

Japanische Schulmädchen und schüchterne Jungs

Insgesamt stehen inzwischen weit über 9000 "Canon Rock"-Videos auf YouTube - inklusive einiger Dubletten. Alle spielen das gleiche Stück, alle versuchen, einander in Punkto Akrobatik zu überbieten oder doch wenigstens Teil der Weltgemeinde von Schlafzimmer-Gitarrenhelden zu werden. Metal-Gitarristen mit haarigen Beinen setzen sich ebenso vor die Webcam wie japanische Schulmädchen, schüchterne Jungs genauso wie Profimusiker.

In den Kommentarspalten toben hitzige Debatten darüber, wer denn nun der bessere "Canon"-Interpret ist, "Caesar" oder "Gustavo", "Mattrach" oder doch "FunTwo". Es gibt liebevoll geschnittene Canon-Collagen aus den Werken verschiedener Stars und Sternchen der Ein-Stück-Szene - und Kollaborationsprojekte, für die 75 Musiker verteilt, aber gemeinsam Jerry Changs Pachelbel-Version einspielten und dann Bild und Ton zu einem Gesamtkunstwerk montierten.

Eine der eindrucksvollsten Versionen stammt von einem heute 17 Jahre alten Franzosen namens Mathieu. Unter dem YouTube-Namen Mattrach stellte er vor knapp zwei Jahren eine "Canon"-Interpretation ins Netz, die alle anderen an Virtuosität übertraf - gespielt von einem Jungen mit hektischen roten Flecken auf den Wangen, steinerner Miene und allen Rock-Posen, die im Lehrbuch stehen. Wenn FunTwo der König der Shredder ist, wie sich die Hochgeschwindigkeitsgitarristen nennen, dann ist Matrach ihr Kronprinz. Heute hat der Teenager einen Sponsoring-Vertrag mit Fender, Fans, eine Homepage, eine MySpace-Seite und ein Album - allerdings immer noch keinen Plattenvertrag.

Aber darauf kommt es eigentlich auch gar nicht an. Sondern darauf, dass viele Gitarristen überall auf dem Planeten das Gleiche spielen, immer wieder, nur zeitversetzt. Einen Kanon eben.

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