Zehn Jahre Wikipedia Und es ward Wissen

Noch nie zuvor haben Menschen gemeinsam so etwas Großes geschaffen: Die Wikipedia ist ein Weltwunder, findet Ole Reißmann. Hunderttausende Freiwillige haben seit dem Start des Online-Lexikons vor zehn Jahren mehrere Millionen Einträge verfasst - und damit die Welt verändert.
Wikipedia (Symbolfoto): In zehn Jahren zur festen Institution im Web geworden

Wikipedia (Symbolfoto): In zehn Jahren zur festen Institution im Web geworden

Foto: Robert Schlesinger/ dpa

Kennen Sie den Russian Woodpecker? Dieses geheimnisvolle Funksignal, ausgestrahlt von riesigen Antennen in Russland, das bis zum Ende des Kalten Krieges auf der ganzen Welt zu empfangen war? Mehr dazu verrät der Wikipedia-Artikel , Tonbeispiel inklusive. Was wären wir nur ohne die Wikipedia! Seit zehn Jahren füllen Heerscharen von Freiwilligen die größte Wissenssammlung der Geschichte. An diesem Samstag steigt eine Geburtstagsparty in Berlin.

Während Staaten, Universitäten und Verlage noch rätseln, wie sie mit dem Internet umgehen sollen, preschen die Wikipedia-Autoren vor. Mit jedem Tag wächst das Verzeichnis weiter an, rückt der ewige Menschheitstraum, alles Wissen der Welt an einem Ort zu versammeln, ein Stückchen näher. Zudem ist die Website praktisch von überall auf der Welt in Mikrosekunden abrufbar.

Erst lernten die Menschen Lesen und Schreiben, dann erfanden sie den Buchdruck, und nun ordnen sie ihre Erkenntnisse - gemeinsam, global und gratis. Noch vor zehn Jahren waren Enzyklopädien dicke, autoritätsschwere Brocken - bis der US-Unternehmer Jimmy Wales, der mit Börsengeschäften zu Geld gekommen war, eher zufällig die Wissens-Revolution begann.

Fakten rund um Wikipedia

Der Anfang war reichlich unspektakulär: Für sein kostenloses Web-Lexikon Nupedia ließ Wales Fachautoren Artikel schreiben, die vor der Veröffentlichung ausführlich geprüft wurden. Nach einem Jahr bestand die Website aus nur rund 20 Einträgen. Wales öffnete seine Web-Enzyklopädie schließlich für die Allgemeinheit: Jeder konnte nun Texte schreiben und bearbeiten. An die Stelle von Autorität rückte Demokratie. Und es ward Licht.

Anfang 2002 hatten Tausende Helfer schon 20.000 Einträge verfasst. Von da an explodierte die Zahl der Artikel, 2007 kamen jeden Tag durchschnittlich 1800 neue Einträge hinzu. Das rasante Wachstum hat sich mittlerweile abgeschwächt, die Zahl der Artikel nimmt aber unablässig zu. Über die Jahre ist aus der Wikipedia eine Bewegung geworden, mit Stiftungen und Vereinen, Jahrestreffen und Konferenzen.

Die Nutzer verwalten sich selbst, wer öfter mitarbeitet, kann in der Hierarchie aufsteigen. In Deutschland bearbeiten 7000 Nutzer mehr als fünfmal im Monat einen Eintrag. Rund 1,1 Millionen Artikel gibt es in der deutschsprachigen Version, in der englischen sind es mehr als dreimal so viele. Das Prinzip: Jemand stellt die erste Version eines Eintrags ins Netz, der wird ergänzt, umgeschrieben, und mitunter wird erbittert um Formulierungen und Fakten gestritten.

Wo Wikipedia in die Irre führte

Mal geht es nur um Details, etwa, ob der Donauturm nun mehr Fernseh- oder Aussichtsturm ist - oder womöglich sogar beides . Aber es wird auch grundsätzlich, etwa wenn ein FDP-Mitglied im Eintrag über Neoliberalismus negative Polemik ausmacht und auf "bearbeiten" klickt . Denn die eherne Grundregel der Wikipedia-Community lautet: Alle Autoren müssen einen neutralen Standpunkt einnehmen. Natürlich schreiben trotzdem bezahlte Werber und Menschen in hasserfüllter Mission an den Einträgen mit.

Deshalb sichten Freiwillige ständig die aktuellen Änderungen, löschen groben Unfug und missmutige Verfälschungen aus dem Wissenspool. Die Kontrolle durch die Vandalismus-Polizei ist aber nur der Anfang: Die Diskussionen über Fakten und Meinungen können Monate andauern und epische Textmengen hervorbringen. Gerungen wird um neutrale Formulierungen, Fakten sollen mit Verweisen auf die Quelle belegt werden. Nicht selten fliegen ganze Artikel wieder aus dem Lexikon heraus.

Anfangs wurde die Netz-Enzyklopädie von der Fachwelt belächelt. Zu ungenau und voller Fehler seien die Einträge der Abschreibe-Fibel, in denen sich jeder Laie bar jeder Kenntnis austoben könne. Die Nutzer kümmerte das allerdings wenig, sie lasen, verbesserten und diskutierten einfach weiter. Längst schlagen auch Professoren online nach - die Weisheit der Vielen führt in vielen Fällen zu respektablen Ergebnissen. Tausende Studien, Bücher und Aufsätze beschäftigen sich mit dem Online-Phänomen.

Community mit Krawall-Polizei

In Vergleichstests schneidet die Wikipedia mittlerweile regelmäßig gut ab. Der altehrwürdige Brockhaus, ab 1805 maßgebliches Wissenswerk in deutscher Sprache, bringt es in der aktuellen Ausgabe auf rund 300.000 Einträge in 30 Bänden. Die Wikipedia ist nicht nur umfangreicher, die Einträge sind meist aktueller und oft versehen mit Fotos, Videos und Tönen. Die Wikipedia kostet auch nicht 2820 Euro.

Ihr Projekt Weltwissen finanzieren die Wikipedia-Nutzer über Spenden. Niemand soll für den Rohstoff der Wissensgesellschaft zur Kasse gebeten werden. Zwölf Millionen Euro wurden in der jüngsten Sammelrunde weltweit eingeworben. Mit dem Geld wird der Betrieb der Server finanziert, außerdem festangestellte Mitarbeiter, die sich um die Verwaltung und Vernetzung kümmern.

Sicher, der runde Geburtstag macht sich bemerkbar: Für Neulinge ist es nicht immer ganz einfach, sich mit der Community anzufreunden. Die Mitarbeit kostet Zeit und Nerven, über die Jahre ist ein komplexes System entstanden, voller Regeln, Verfahren und technischen Vorlagen. Zuletzt entbrannte ein Streit zwischen den Nutzern: Die einen, genannt Inklusionisten, wollen noch der kleinsten Freiwilligen Ortsfeuerwehr einen Eintrag zugestehen, Platz im Internet ist schließlich genug da.

Nichts weiter als ein Weltwunder

Die anderen verlangen den Nachweis einer gewissen Bedeutung. Ob nun ein Schriftsteller oder ein Unternehmen wichtig genug für einen Wikipedia-Eintrag ist, regelt eine umfänglichen Liste mit Relevanzkriterien  - die Exklusionisten haben in der deutschsprachigen Wikipedia derzeit die Oberhand, mitunter fällt der Ton etwas rauer aus.

Doch auch nach zehn Jahren hat die Wikipedia nichts von ihrem Zauber verloren. Ganz im Gegenteil, die Zugriffszahlen steigen, und mit ihnen die Qualität und Menge der Artikel. Die Wikipedia hat die Art verändert, wie wir nach Informationen suchen und damit umgehen. Sie hat dazu beigetragen, dass schon Schulkinder wissen, wie man mit dem Informationen aus dem Internet umgeht und wie Quellen in Hausarbeiten korrekt zitiert werden. Die zugrunde liegende Software und viel mehr noch das Grundprinzip ist zum Vorbild für Wissenschaft, Forschung und Unternehmen geworden.

Die Wikipedia ist nichts weiter als ein Weltwunder. Noch nie zuvor haben so viele Menschen gemeinsam so etwas Großes geschaffen, zum Wohl aller vor Bildschirm und Tastatur. Noch nie zuvor gab es so viel Wissen an einem Ort, kostenlos für alle.

Happy Birthday, Wikipedia!

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