Zelle Online Knastbrüder sollen surfen lernen

WWW hinter schwedischen Gardinen: In einem Pilotprojekt sollen schwere Jungs öfter mal die Freiheit des Webs schnuppern, damit sie nach ihrer Entlassung leichter einen Job finden.


JVA Neumünster: Häftlinge bei der EDV-Ausbildung für Kaufmännische- und Verwaltungsberufe
DDP

JVA Neumünster: Häftlinge bei der EDV-Ausbildung für Kaufmännische- und Verwaltungsberufe

Sie wissen, wie man Autos knackt, Türen aufhebelt und unauffällig einen Laden leer räumt. Doch ins Internet kommen Knackis nicht rein - mangels Gelegenheit im Kitchen. Hinter Gitter gibt's nur die schöne alte Offline-Welt. Wilfried Hendricks, Professor für berufliche Bildung an der TU Berlin, will das ändern und den Knackis das Surfen, Mailen und Briefe tippen beibringen. Er koordiniert ein entsprechendes Pilotprojekt von sechs Bundesländern, darunter Brandenburg, Berlin und Bremen.

Ziel sei es, "lernschwache Strafgefangene" mit Computern so vertraut zu machen, dass sie bei ihrer Entlassung den erhöhten Anforderungen des modernen Arbeitsmarktes gewachsen sind, erklärt Hendricks. "Wenn die Reintegration der Häftlinge politisch gewollt ist, müssen sich auch die Haftanstalten den veränderten Wirklichkeiten auf dem Arbeitsmarkt stellen."

Um dies zu erreichen, müssten zuallererst die Lehrkräfte geschult werden. Das Berliner Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft bringt deshalb noch bis zum nächsten Jahr Dutzenden Justizangestellten und Berufsschullehrern die Wissensvermittlung am Computer bei. Die Knastlehrer sollen dazu befähigt werden, selbst multimediale Unterrichtsmaterialien speziell für ihre Klientel zu entwickeln und im Unterricht zu nutzen.

Blick aus einem Zellenfenster der JVA Celle-Salinenmoor: "Relativ großes Interesse an der Computerei"
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Blick aus einem Zellenfenster der JVA Celle-Salinenmoor: "Relativ großes Interesse an der Computerei"

Deutsche Gefängnisse sind in der Regel offline. "Ich kenne nur in einer Anstalt in Berlin Tegel einen Computer mit einer Standleitung zur Fernuniversität Hagen", sagte Hendricks im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Internetzugänge hinter Gittern seien ohnehin eine heikle Sache. Schließlich bestünde die Angst, dass Gefangene "aus dem Knast heraus kriminelle Geschäfte leiten könnten". Mit Informatikern der Universität Bremen suchen die Beteiligten deshalb nach Wegen, möglichen Missbrauch zu verhindern.

Das Internet im Kitchen wird es allerdings erst in einer späteren Phase des Computer-im-Knast-Projekts geben. Zunächst arbeiten Hendricks und seine Kollegen erst einmal mit Lernsoftware, um die Häftlinge am PC fit zu machen.

In den Gefängnissen kommt das Pilotprojekt offenbar gut an. "Die Häftlinge haben ein relativ großes Interesse an der Computerei", berichtet Hendrick. Die Kurse seien freiwillig und für viele Insassen die Möglichkeit, erstmals unter individueller Förderung zu lernen. Mittelfristig komme man aber auch am Internet nicht vorbei. Wenn Häftlinge mehr Medienkompetenz haben sollen, "dann müssen sie auch den Umgang mit diesem Medium trainieren", betont Hendricks.

Holger Dambeck



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