Zensur-Lapsus Wikipedia ist in China wieder zugänglich

Zu viel Information für ihre Bürger mag Chinas Regierung nicht, deshalb war das Internet-Lexikon Wikipedia lange gesperrt für Surfer im Reich der Mitte. Nun ist die Wikipedia plötzlich zugänglich. Die Chinesen freuen sich - und rätseln gleichzeitig über die Ursachen.

Shanghai - Noch vor ein paar Wochen hatte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales zu einem Rundumschlag gegen die chinesischen Behörden ausgeholt: "Zensur steht unserer Philosophie entgegen." "Alles oder nichts", hatte er gefordert.

Dass es so schnell gehen könnte, damit hatte man in Florida, im Hauptquartier des Internetnachschlagewerks, nicht gerechnet, denn seit Mittwochabend können chinesische Internetnutzer erstmals seit Oktober 2005 wieder die englischsprachigen Wikipedia-Seiten aufrufen. Zuvor war der Zugriff auf die Lexikonartikel in China blockiert. Beim Ansurfen gab es eine Fehlermeldung auf dem Bildschirm. "Wir sind zufrieden, dass Wikipedia endlich wieder in China funktioniert", sagt Andrew Lih von Wikipedia-China.

Warum das Lexikon in der Volksrepublik plötzlich entsperrt ist, weiß niemand. Eine offizielle Stellungnahme der Regierung gibt es nicht. "Es gab definitiv auch keine Gespräche mit der Regierung, die Seite freizuschalten", sagt Andrew Lih.

Ebenfalls unklar ist, ob auch die chinesischsprachige Wikipedia-Seite aus der Volksrepublik angesurft werden kann. Die meisten Internetnutzer haben keinen Zugriff, doch in einigen Teilen Shanghais ist die chinesische Version völlig unzensiert verfügbar. "Informationen über das Tiananmen-Massaker oder die in China verfolgte Falun-Gong-Bewegung in chinesischen Zeichen, das wird bestimmt bald abgestellt", glaubt Julien Pain, Leiter der Internetabteilung von Reporter ohne Grenzen. "Wir gehen davon aus, dass die chinesische Firewall gerade aktualisiert wird, so dass es im Moment zu Unregelmäßigkeiten kommt. Das gesamte Ausmaß werden wir erst in den nächsten Tagen erkennen können", sagt Pain.

Wird die "wirtschaftliche und soziale Ordnung" gestört?

Die Öffnung zum jetzigen Zeitpunkt ist erstaunlich, denn China hatte erst vor wenigen Wochen die Medienzensur verschärft. Ausländische Nachrichtenagenturen dürfen chinesische Zeitungen und Firmen nicht mehr direkt beliefern. Die "wirtschaftliche und soziale Ordnung" solle nicht gestört und "die soziale Stabilität" in der Volksrepublik erhalten bleiben, so die offizielle Parteilinie. Als oberste Kontrollinstanz wurde die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua von der Regierung eingesetzt. Fortan bestimmt Peking endgültig, welche internationalen Meldungen dem chinesischen Leser vorgesetzt werden.

Ob Wikipedia nach der Öffnung genauso intensiv genutzt wird wie in Europa oder den USA bleibt fraglich. "Wir gehören zu den 20 wichtigsten Webseiten in der Welt, ich glaube Wikipedia wird sehr schnell genutzt werden", sagt Lih zuversichtlich. Doch auch er weiß: Die gezielte Abschottung der Regierung war erfolgreich. Ein Großteil der Internetnutzer ist erst in den letzten paar Jahren regelmäßig im World Wide Web unterwegs und kennt das Nachschlagewerk nicht.

Außerdem hat Wikipedia in China Konkurrenz bekommen. Im April wurde vom chinesischen Suchmaschinen-Marktführer Baidu das regierungskonforme Internetlexikon "Baidu Baike" ins Leben gerufen, das sich großer Beliebtheit in der Volksrepublik erfreut. Laut Nutzungsbedingungen sind dort "bösartige Angriffe" auf staatliche Einrichtungen verboten. Wie kein anderes Land auf der Welt kämpft China gegen demokratische Tendenzen im Internet. Nirgendwo sonst wird ein größerer Aufwand betrieben, das Netz zu zensieren und zu manipulieren. In Internetforen sind staatliche Zensoren unterwegs, um Lobgesänge auf Regierung und Partei abzufassen und jeden zu melden, der sich kritisch äußert. In Internetcafés werden penibel die Ausweisnummern aller Surfer notiert, um notfalls rekonstruieren zu können, wer wann auf welcher Seite war.

Zehntausende eifriger Netzpolizisten zur Überwachung

Über 30.000 Internetpolizisten überwachen den Mailverkehr und sperren unliebsame Seiten. So sind beispielsweise die Nachrichtenseite der BBC oder das Angebot der Menschenrechtsorganisation Amnesty International von China aus nicht erreichbar.

Mit mehr als 120 Millionen ist die Volksrepublik nach den USA inzwischen der zweitgrößte Internetmarkt der Welt. Für Firmen wie Microsoft oder Google ist es undenkbar, hier nicht vertreten zu sein. Allerdings: Der Markteintritt ist teuer erkauft. Während Microsoft im Sommer 2005 herbe Kritik für das zensierte Blogging-Protal MSN einsteckte, wurde im Januar 2006 sogar das Firmenmotto des Suchgiganten Google in Frage gestellt. Der Slogan "Don't be evil" - Tu nichts Böses, erscheint Vielen als überholt, denn wer in der chinesischen Version von Google "Platz des Himmlischen Friedens" eintippt, wird mit Reisetipps versorgt, während das Massaker von 1989 unerwähnt bleibt. Auch Schlagworte wie "Demokratie" oder "Falun Gong" sind der Suchmaschine fremd.

Wie lange diese Inhalte nun über Wikipedia den Chinesen zur Verfügung stehen werden - Andrew Lih weiß es nicht. Stattdessen gibt er sich kämpferisch: "Wir lassen uns nicht zensieren!"