Zu spät www.wwwwwwww.de ist leider schon vergeben

Es wird eng im Web. Nur zwei Dinge sind derzeit seltener als Wolpertinger in freier Wildbahn: freie Web-Adressen - und meldenswerte Nachrichten. Willkommen zum Urlaub im Sommerloch.


[M] DPA

Hu! Was war das? Eine brandeilige Nachricht: Der Kopiererhersteller XYZ meldet, dass seit dem 5. Juli eine neue stellvertretende Vertriebssekretärin im Zweigstellenwerk Waldbröl die Arbeit von Vize-Vertriebspräsident Walter Wonniger teilzeitunterstützt (Montag bis Mittwoch)!

Für Otto-Normaljournalist stellen sich in einer so brisanten Situation (es ist schließlich Juli) drei Fragen:

    1. Darf ich meinen Lesern diese wichtige Eilmeldung vorenthalten?
    2. Was soll ich sonst melden?
    3. Warum bin ich nicht auch im Urlaub?

Im Ernst: Nie schien das Sommerloch tiefer als heute. Kein abgefahrener Software-CEO benimmt sich daneben, Russlands bösartige Hacker machen Urlaub am Schwarzmeerstrand, Hollands pubertierende VBS-Skript-Virenschreiber warfen frustriert das virtuelle Handtuch, weil kaum mehr jemand dumm genug ist, irgendetwas in Outlook Express zu öffnen. Es tut sich nichts.

Was man in Anbetracht des Wetters nun ja genießen könnte, stürzt die Journaille in eine echte Krise. Schon beginnt die Boulevardpresse wieder, im Rhein nach Krokodilen zu suchen. Welch ein Glück, dass zumindest wir Online-Journalisten niemals in solche Verlegenheiten geraten. Denn - wer weiß das nicht? - das Web ist voller Content. Das sind Themen, die geradezu auf der Straße liegen.

Browser angeworfen, Adresse eingehackt und los geht's in die weite Welt der Web-Nachrichten. "Wired", CNN, BBC, "USA Today", Zdnet, Slashdot, "Le Monde" flackern auf und vergehen: Check die News, schnell überflogen, merk dir das, kurze Notiz, sollte man checken, da könnte man mal anrufen, weiter geht's. Und am Ende?

Entpuppt sich das Sommerloch als flächendeckend.

Doch zum Glück gibt es ja noch dieses andere, geheime, unsichtbare Web, in dem man stochern kann. Das keine Suchmaschine erfasst, kein Yahoo! verzeichnet, wohin kein Link führt, und das nur wenigen Menschen bekannt ist.

Neugierig geworden?

Sollten Sie auch. Denn der bei weitem größte Teil des Web ist genau so beschaffen.

Erschließen lässt sich dieser weitgehend unsichtbare Teil des WWW nur durch die Methode "Tarzan": Ganz intuitiv greift man ins Leere und versucht, einen Ast zu fassen, von dem aus man sich dann fleißig weiterhangelt.

Ein Beispiel: Legen wir die Hände auf die Tastatur und konzentrieren uns vor allem auf den kleinen Buchstaben "W", ganz willkürlich. Tipp, tipp, tipp, tipp ergibt "wwww", und das ergänzen wir um ein "de". Was dabei herauskommt?

Walter Winklers Watteartikel aus Waltenhofen!

Walter Winkler weiß, wie's geht: Wo sonst soll man nach Watteartikeln aus Waltenhofen suchen, wenn nicht unter www.wwww.de?

Walter Winkler weiß, wie's geht: Wo sonst soll man nach Watteartikeln aus Waltenhofen suchen, wenn nicht unter www.wwww.de?

Herr Winkler hat seine Hausarbeiten gemacht: Für sein florierendes Watteartikelgeschäft hat er sich eine Domain gesichert, die intuitiv zu finden und leicht zu merken ist. So muss das sein, so steht das im Web-Marketing-Lehrbuch.

Die Sache beginnt dem offenbar nicht ganz ausgelasteten Redakteur Spaß zu machen. Versuchen wir doch mal achtmal "W": www.wwwwwwww.de. Schade: Die Domain ist schon weg.

Auch zehnmal "W" offenbart dieses Grundproblem des Webs: Platzmangel. Irgendwie ist alles schon vergeben. Zum Glück kann man diese Adresse kaufen, wenn man will. Wollte bisher nur niemand.

Mehr Sinn macht da schon www.ffff.de, wohinter sich natürlich die "Folks-Front fon Friesland" ferbirgt. Die "Forerst fier follständigen Fertreter fon der FFFF" bieten inhaltlich allerdings auch wenig. Trotzdem ist dem Journalisten hier ja schon ein Wurf gelungen: Noch ist es nicht so weit, doch bei anhaltendem Sommerloch steigt die Wahrscheinlichkeit von Interview-Versuchen mit Folksfront-Fertretern. Sollte sich die Flaute bis in den August hineinziehen, wäre wohl auch Walter Winkler (siehe oben) nicht mehr sicher.

Zu spät: Auch diese leicht zu merkende Adresse ist bereits vergeben

Zu spät: Auch diese leicht zu merkende Adresse ist bereits vergeben

Konfliktträchtig genug sind solche Themen allemal: Da muss man sich nur anschauen, was zum Beispiel Frank G. an Kritik einstecken muss für seine - zugegebenermaßen völlig inhaltsfreie - Webseite www.gggg.de. Die Verrohung der Sitten im Web offenbarend beschimpfen ihn die Besucher im Gästebuch. "Megaman" etwa schrieb am 7.7. 2001: "Warum hasst so'n scheiss namen für deine Page genommen??http://www.gggg.de ist echt dumm....-_- Mach dir mal ne andere Page mit nem besseren namen!!!!!!!"

Jau ey! möchte man da rufen, doch natürlich hat Megaman den Sinn des Ganzen nicht so richtig erfasst, denn wie ist er überhaupt dorthin geraten? Und außerdem: Was ist schon besser? Das macht sich doch nicht am Namen fest, entscheidend sind doch die inneren Werte.

Wo also lauern sie, wo sind sie verborgen, die heimlichen, unsichtbaren und doch sinnvollen Seiten des Web? Tipps für lohnende Web-Wanderungen nehmen wir gern entgegen und veröffentlichen sie an diesem dann nicht mehr gar so inhaltsfreien Ort. Das ist "userfreundlich", weil mehrwertorientiert und bestes Infotainment. Und ganz nebenbei - Sie ahnen es - stopft man so Sommerlöcher.

Ja, ich habe einen Surftipp, den man auch bei Google nicht findet, und ich kann auch sagen, warum die Seite sehenswert ist!

Frank Patalong



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