Zuckerbrot Chinas Web zur Abwechslung unzensiert

Chinas Surfer müssen zum Internet ein ähnliches Verhältnis haben wie zum Fernsehen: Die Lieblingsprogramme sind nur zu bestimmten Zeiten zu sehen. Zur Zeit gibt's mal wieder "Auslandspresse": Liberalisierung - oder Freiheit auf Zeit?


Wachstumsmotor Weltverbindung Web: Wie schafft man es, dass Surfer nur das sehen, was sie sehen sollen?
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Wachstumsmotor Weltverbindung Web: Wie schafft man es, dass Surfer nur das sehen, was sie sehen sollen?

Mal sind sie da, mal sind sie weg: In China ist die Verfügbarkeit internationaler Nachrichtenseiten im Web abhängig von der politischen Großwetterlage. Normalerweise traut das Pekinger Regime seinen Bürgern zu viel Mündigkeit nicht zu: Wer einen Web-Connect sein Eigen nennen will, muss sich bei einer staatlichen Stelle registrieren lassen - und darf sich in der Folge darauf verlassen, dass man ihm auf die Finger sieht.

Nicht ansehen sollen Chinas Surfer in der Regel Seiten wie die der Nachrichtenagentur Reuters, des US-Fernsehsenders CNN, der britischen BBC oder der US-Zeitung "The Washington Post". Chinas Zensurpolitik ist hier zwar nicht konsistent, doch tendenziell sind solche Seiten in Chinas Web "unsichtbar".

Bis gestern. Ohne Ankündigung oder Erklärung fanden chinesische Surfer plötzlich weite Teile des Webs zugänglich, die normalerweise verrammelt sind: Darunter eben auch die genannten ausländischen Nachrichtenquellen. Ungeklärt ist, ob es sich bei der Freischaltung um einen Wandel der Internetpolitik Chinas handelt oder ob sie im Zusammenhang steht mit dem Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation (Apec). Der Gipfel findet am 20. und 21. Oktober in Schanghai statt.

Macht sich das Regime also nur hübsch für die ausländischen Besucher? Möglich, aber nicht zwangsläufig: Dass China das Web zensiert, ist schließlich ein offenes Geheimnis - und zudem eine Eigenschaft, die es mit zahlreichen anderen Ländern der Region teilt. Doch tatsächlich gibt es Anzeichen für eine allmähliche Lockerung der Zensurbestimmungen in China.

Bereits vor einigen Wochen wurde ohne offizielle Erklärung die Internetseite der Zeitung "The New York Times" freigeschaltet. Für westliche Nachrichtenanbieter war die Blockade ihrer Seiten bisher ein Rätsel ohne viel Sinn und Verstand: So waren die Nachrichten von Reuters auch zu Zeiten der Vollzensur über die Internetseite von Yahoo.com und die Web-Site der Zeitung "International Herald Tribune" zugänglich. Die chinesischen Behörden sperrten jedoch die Yahoo!-Asien-Seite, die Nachrichten der Agentur Agence France Presse anbietet. Auch diese Seite wurde am Dienstag freigeschaltet. Die Seite der Glaubensbewegung Falun-Gong, die China als "bösartigen Kult" bezeichnet, blieb gesperrt.

In China, wo es etwa 20 Millionen Internetnutzer gibt, wird der Zugang zum World Wide Web durch das staatliche Informationsbüro reguliert. Der Apec-Gruppe gehören neben den USA und China unter anderem Australien, Kanada, die Philippinen, Indonesien, Japan und Russland an. US-Präsident George W. Bush hat angekündigt, trotz der Anschläge in den USA vom 11. September an dem Gipfel teilzunehmen. Die Volksrepublik China will nach Angaben aus taiwanischen Regierungskreisen bei dem Gipfel auf eine Anti-Terror-Vereinbarung drängen.



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