Leben im Datenstrom Bequemlichkeit schlägt Datensparsamkeit

Warum gewähren so viele Menschen so freimütig Zugriff auf ihre Daten? Weil der Umgang mit einer immer komplexeren Welt dadurch ein bisschen bequemer wird. Oft ist das gut. Aber nicht immer.

Entspannt das Internet genießen
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Eine Kolumne von


Datenleak, 500 Millionen Accounts gehackt! Daneben steht kopfschüttelnd der alte EDV-Experte. Warum stellt ihr eure Daten denn überhaupt ins Netz? Fragt er, und sein Unterton verrät erstens Verwunderung, zweitens die Unterstellung erheblicher Beklopptheit und drittens sanfte Datenschützer-Wehmut nach der Zeit, als fast die gesamte deutsche Bevölkerung aufbegehrte gegen die Volkszählung. Weil der Staat wissen wollte, wie viele Personen im Haushalt wohnen.

Wir leben nicht in einer Zeit der Daten, Daten sind in dem Moment veraltet, in dem sie entstehen. Wir leben in einer Zeit der Datenströme, also der sich ständig in Echtzeit aktualisierenden Daten. Die Digitale Transformation, der Wandel der gesamten Wirtschaft zur Datenwirtschaft, entwickelt sich entlang neuer Datenströme, auch und gerade: privater Datenströme. Das geschieht einerseits oft durch neue Sensoren. Das Übergerät des 21. Jahrhunderts, das Smartphone, enthält ein paar Dutzend Sensoren, deren Datenströme insbesondere in Kombination sehr viel preisgeben.

"Convenience is king"

Andererseits aber hat sich in den Köpfen der Leute etwas verändert. Privatsphäre hin, Überwachung her - es herrscht, man muss das so sagen, eine Datenbegeisterung. Menschen lieben es offenbar, Daten preiszugeben. Man kann das gut finden oder schlecht oder wie ich beides gleichzeitig. Aber faktisch wird ein guter Teil der digital aktiven Bevölkerung beinahe jedes Datum in irgendeinem digitalen Kontext preisgeben. Wenn die richtige Motivation vorliegt.

Und die besteht in den meisten Fällen aus einem einzigen Wort: Convenience, mit "Bequemlichkeit" immerhin halb treffend übersetzbar. Convenience ist eine Weltmacht, und das in allen Bereichen der digitalen Sphäre. Der Medienmanager und Digitalunternehmer Peter Hogenkamp hat auch deshalb ein Mantra namens "Convenience is king", um den beliebten Spruch "Content is king" zu kontern, mit dem sich Medienpeople selbst beruhigen und sich gegenseitig versichern, die wichtigste Aufgabe der Welt zu haben. Was natürlich stimmt, aber wenn man etwa für den Kauf eines E-Paper zwanzig Minuten lang Fragebögen ausfüllen muss, um am Ende auf absurde technische Bedingungen zu stoßen, ist Content egal.

Absurde Pseudosicherheit

Das ist symptomatisch. Würde Niklas Luhmann noch leben, er modifizierte sein Zitat vermutlich so: "Was wir über die Welt wissen, erfahren wir über ein digitales Interface." Und dieses Interface samt Produkt dahinter muss so einfach, so angenehm und so selbsterklärend wie möglich zu benutzen sein. Convenience von der Nutzerseite aus betrachtet entspricht Usability von der Anbieterseite aus, also die Sicherstellung der Benutzbarkeit eines digitalen Produkts.

Was Usability angeht, merkt man Deutschland jeden Tag seine Tradition als Land des 300-seitigen Handbuchs an, Usability-Entwicklungsland wäre noch geprahlt. Und das ist ein unterschätztes Problem von ökonomischer Dimension.

Mit einem deutschen Automobil Baujahr 2016 auch nur ein Smartphone drahtlos zu verbinden, erfordert gefühlt einen achtwöchigen Lehrgang und benötigt eine zweistellige Zahl von Klicks. In Unterunteruntermenüs, deren Logik sich offenbar an klingonischen Raumschiffcomputern orientiert.

Irgendwann zwischendurch muss man einen "Verifikationscode" eingeben, der doch wieder nur "1111 2222 3333 4444" lautet und so jedes vorgebliche Sicherheitsargument ad absurdum führt. Wie soll eine Generation, die in ihrem Smartphone lebt und mit einem von Zweijährigen bedienbaren iPhone aufgewachsen ist, eine solche Zumutung von Unbenutzbarkeit auch nur als Produkt betrachten?

Die Formel für Convenience

Der Netzkapazunder und Schriftsteller Peter Glaser hat den Begriff "Sofortness" ersonnen, ich übersetze ihn als "Digitale Ungeduld". Damit kann das Verhalten bezeichnet werden, das jeder kennt: In der digitalen Sphäre entscheiden Sekundenbruchteile über Erfolg und Misserfolg eines Produkts. Im E-Commerce ist bekannt, dass zwei Drittel der Kunden einen hakeligen Kaufvorgang nach drei Sekunden abbrechen.

Convenience ist gleich Vereinfachung mal Benutzbarkeit geteilt durch Geschwindigkeit. Convenience ist damit nicht nur eine Weltmacht, sondern auch der Turbo des digitalen Kapitalismus. Deshalb lautet die erste Frage der meisten Risikokapitalgeber an Start-ups: "Welches Problem löst ihr für eure Nutzer?" Natürlich versteckt sich dahinter eine oft ins Dämliche spielende Eindimensionalität, trotzdem taugt es als Symbol der engen Beziehung zwischen Digitalwirtschaft und Convenience.

Großer Bedarf an Weltverarbeitungsenergie

Woher aber kommt die neue Macht der Convenience? Meine These ist, dass es sich um eine Art Abwehrreaktion handelt - gegen die erdrückende Komplexisierung, Verkomplizierung und das unablässige Geplärre der Welt. Ich bin zum Beispiel überzeugt davon, dass ein guter Teil der Menschen, die Adblocker-Software nutzen, das in erster Linie tut, um sich eine situative Insel der Convenience zu schaffen. Und nicht nur ich.

Das Netz hat das Leben rasant beschleunigt. Es hat dafür gesorgt, dass man mit einer unglaublichen Zahl an Informationen, Interaktionen und Irritationen konfrontiert wird. Reize von allgegenwärtiger Werbung bis zur ständigen Aufforderung der Meinungsbildung und -veröffentlichung (Like! Share! Comment!) erfordern nicht nur die ständige, aktive Feinjustierung der eigenen Filter. Sondern auch eine enorme Weltverarbeitungsenergie.

Notwehr gegen eine Zumutungslandschaft

Einfach nur sein ist 2016 wesentlich anstrengender als 1986. Social Media bedeutet auch: Es stürzt so viel Welt auf uns ein wie nie zuvor. Da kann man nicht noch Zeit und Energie damit verschwenden, sich schier endlos lange IBANs zu merken oder sich mal in Ruhe neunzig Minuten Zeit zu nehmen, um ein gutes, nicht bei Amazon gekauftes E-Book auf dem Smartphone auch nur lesbar zu machen.

Das Bedürfnis nach Convenience entsteht aus Notwehr gegen die überkomplexe Zumutungslandschaft der Welt. Die wiederum wird vom Digitalkapitalismus selbst befeuert. Daraus ergibt sich eine vermeintlich paradoxe Situation. Die zunehmende Vernetzung macht das Leben komplexer, wodurch man stärker eine Vereinfachung herbeisehnt, die die Vernetzung intensiviert. Eine Spirale, hurra!

Immerhin schafft unser gemeinschaftliches Darniedersinken in die Convenience-Sphäre trotz der anstrengenden Welt den Raum für den Bereich, der unbedingt Convenience-frei bleiben sollte. Die Netzintellektuelle und Autorin Kathrin Passig hat die Politik als zwingende Bastion der Non-Convenience ausgemacht, als den Lebensbereich, der die Kompliziertheit nicht ablegen darf: "Demokratie muss wehtun."

tl;dr

Weltmacht Convenience.

Anmerkung: Mit allen zitierten Personen außer Luhmann bin ich irgendwie freundschaftlich verbunden.



insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
michelinmännchen 28.09.2016
1. Der Artikel
schreit nach einer Information zu WhatsApp und der Datenübergabe an Facebook. Kommt nix, das ist schade. Ich hätte von Sascha erwartet, dass er zu einem Verzicht beider Medien aufruft. War nix. Vielleicht nächstes Mal.
busytraveller 28.09.2016
2. Kompetenz
Immer mal wieder schön zu lesen, wenn sich der geschätzte Herr Lobo auf dem Gebiet bewegt, von dem er etwas versteht. Technologie - Experten, die einen Überblick über die aktuelle Entwicklung haben und sich verständlich ausdrücken können, sind selten. Kämpfer gegen Rechts gibt's dagegen im Überfluss.
mensch0817 28.09.2016
3. Noch einen Schritt weiter!
Die Erkenntnis der Convenience- und Vernetzungspirale kommt so langsam bei immer mehr Menschen an, und bei nicht wenigen davon führt das auch zur einzig möglichen Gegenreaktion - wenigstens auf einige der digitalen Segnungen bewusst zu verzichten, auch wenn das vielleicht zu der einen oder anderen Unbequemlichkeit führt. Und das ist gar nicht fortschrittsfeindlich gemeint, sondern beinhaltet lediglich eine Abwägung des Sinns oder Unsinns verschiedener Entwicklungen, weil jede Medaille eben zwei Seiten hat.
Athlonpower 28.09.2016
4. Nicht Bequemlichkeit, es ist schiere Dummheit und Einfalt
Da irrt Herr Lobo natürlich wieder, wie imber halt, bzw. er sollte es besser wissen, kann es aber natürlich nicht so deutlich schreiben, es ist nicht die Bequemlichkeit, es ist die schlichte Einfalt und Dummheit, die dazu führt eigentlich höchst private und deshalb vertrauliche Daten den US-Amerikanischen Spionagediensten, dazu gehören auch Fratzenbuch und Co. in den Allerwertesten zu schieben, die NSA liest und schreibt immer mit.
PeterPan95 28.09.2016
5. Politik als Bastion gegen Convenience?
Die AFD beweist das Gegenteil. Wir gewöhnen uns an, Komplexität als etwas schlechtes zu betrachten. Also wählen wir die Parteien mit den einfachsten Antworten. Da ist dann Content ebenfalls egal.
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